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Filme und Serien #4

«Meine schöne innere Sonne», «The Crown»

Im Kino: «Meine schöne innere Sonne»

Umherschweifende Gedanken, die sich dann zu einer Art Tirade entwickeln

Eine merkwürdiges Gefühl, am Nachmittag im Kino zu sitzen. Wann habe ich das zuletzt gemacht? Ist schon Jahrzehnte her, und ich war dann wohl immer „gerade nicht so gut drauf“, denn ins Kino darf man eigentlich nur gehen, wenn die Sonne untergegangen ist. Heute ist das anders! Ich bin wohlgelaunt im Auftrag des „TheaterMagazins“ um 15.30 Uhr im „Delphi“, diesem trutzigen Filmpalast des Berliner Westens, zusammen mit etwa fünfzig älteren Menschen (aber auch nicht älter als ich), zumeist sind es Pärchen, leger, aber gut gekleidet, bürgerliche Mittelschicht, die noch etwas vom Leben erwarten und sich auf einen französischen Film freuen, mit der schnuckligen Juliette Binoche und ihren bittersüßen Amouren, saubere Erotik mit einem wehmütigen Lächeln, weißt du noch, im Sommer 95 auf Rügen? Und nach dem Film trinken diese fitten Sechzig- und Siebzigjährigen noch eine Flasche trockenen Chablis, vorweg vielleicht ein Piccolöchen, und dann ab die Post! Aber bevor ich nun auf gefährliches, schlüpfriges Terrain gerate, fängt zum Glück der Film „Un beau soleil intérieur“ an, der ganz unzureichend mit dem kitschigen Titel „Meine schöne innere Sonne“ übersetzt ist: Der deutschen Sprache fehlt eben die romanische Leichtigkeit, dieses je ne sait quois …

Und dann ist es doch nicht dieser typische französische Liebes- und Redefilm, wo der pubertierende Sohn des auf Affären hoffenden Ehepaars während des Urlaubs feststellt, dass er schwul ist, und am Ende haben alle ein bisschen herumgevögelt, aber bleiben sich doch treu, Sie wissen schon, diese Art Film, die gelegentlich am Verstand unserer westlichen Nachbarn zweifeln lässt: Seit gut hundertfünfzig Jahren zelebriert der Franzos’ nun sein Klischee der genussvollen Französischkeit – mit einer reaktionären Selbstgefälligkeit und in aller Unschuld, dass einem deutschen Menschen, der seine Vergangenheit ständig mit sich herumtragen muss, ganz blümerant wird; wir sind ein bisschen neidisch, aber auch erleichtert, ist uns durch unsere schlimme Geschichte doch eine Art Infantilisierung, ja Idiotisierung, wie sie das französische Selbstbild auszeichnet, in den letzten dreißig Jahren erspart geblieben, Ihnen und mir jedenfalls. Aber zurück zu Juliette Binoche!

Wie hübsch sie ist! Nun auch schon über fünfzig, aber immer noch eine Augenweide. Ich muss gestehen: Diese leicht angegangenen, schon etwas verknitterten Frauen – Rene Russo in „Schnappt Shorty“! – finde ich besonders attraktiv, viel anziehender als diese blutjungen Model-Typen! Die haben eine schöne Larve, endlos lange Beine, einen makellosen Body, aber sie haben doch noch nichts erlebt, vom Leben, meine ich. Bei Juliette Binoche zeugt jeder Leberfleck auf dem nackten Rücken, jedes Fältchen um die Augen und Brüste von Erfahrung, von gelebtem Leben. Da liegt sie also nackt vor uns auf der Leinwand und lässt sich von einem angefetteten, eher hässlichen Menschen männlichen Geschlechts, nunja, in der Sprache des Films, „ficken“. Das ist der Banker. Bald denkt man: Was für ein Arschloch, taktlos, vulgär, fies, aber dann muss man sich korrigieren, er ist eher ein Kotzbrocken. Warum sich Isabelle mit ihm einlässt, wird nicht recht klar, sie behauptet: Weil sie beim Liebemachen mit ihm immer „salaud“, also Scheißkerl, denken muss, und das macht sie scharf, sie bekommt sofort einen Orgasmus. Aber sollte sie sich dann nicht lieber das Ehepaar zum Vorbild nehmen, wo die Frau den Mann kurz vor dem Höhepunkt bittet, etwas Schmutziges zu sagen, und er „Küche“ antwortet? Im Übrigen ist sie des Bankers überdrüssig.

Der nächste Geliebte ist ein junger (zu junger?) Theaterschauspieler, eine Karikatur der selbstverliebten, egomanischen Rampensau, deren Urbild Jack Benny aus Lubitschs „Sein oder Nichtsein“ jeder Kinogeher bis heute liebt und verehrt. Nur ist sein französischer Nachfahre weder physisch noch intellektuell attraktiv, er ist uncharmant, ein Feigling und Schwächling, wie wir Kinozuschauer alsbald bemerken, nur die gute Isabelle nicht. Sie ist übrigens Künstlerin, einmal sehen wir, wie sie auf einer Leinwand von der Größe eines (großen) Bettlakens, das auf dem Boden liegt, „malt“, so ein Schmier-Schmier mit breitem Pinsel und ausladenden Gesten, Sie wissen schon. Früher, denke ich wehmütig, in meiner Jugend haben solche Frauen gebatikt oder Charity gemacht, heute sind sie Künstlerin. Man glaubt es Isabelle und auch Juliette Binoche aber keine Sekunde; alle Künstlerinnen, die ich kenne, sind monoman und asozial, interessieren sich für ihre „Arbeit“ und sonst nichts – jedenfalls würden sie nie, wie Isabelle, sich quasi hauptberuflich nach Liebe sehnen, geschweige, wie Isabelle, Sex und Liebe miteinander verwechseln. Um es einfach zu sagen: Wenn man über fünfzig ist, ist man sehr dankbar für guten Sex, verwechselt ihn aber NIE mit Liebe, vor allem führt man keine Gespräche beim Sex und auch nicht danach darüber, ob es Liebe sei usw.; jede Form von Beziehungsgesprächen ist ab fünfzig strengstens untersagt, will man sich nicht finaler Lächerlichkeit preisgeben.

Isabelle, in einem für ihr Alter denn doch ein bisschen albernen Pretty-Woman-Outfit (Rock bis kurz über der Scham, diese langen Stiefel, Lederjacke, es ist zum Heulen) hat Sex offenbar prinzipiell nur mit erkennbar unpassenden, unwürdigen Männern, und wenn sie erkennt, dass er nur Sex, keine Liebe ist, weint sie. Eine Mittfünfzigerin! Ist Isabelle vielleicht ein bisschen doof? Das wäre eine plausible Erklärung, aber die Regisseurin Claire Denis (auch eine Französin!) bestreitet das. Im Gegenteil: Der Film sei ursprünglich angeregt durch Roland Barthes’ „Fragmente einer Sprache der Liebe“, also selber praktisch ein intellektueller Diskurs. Nun habe ich ZUFÄLLIGERWEISE Barthes’ Text damals – 1977 – sehr aufmerksam studiert und kann Ihnen definitiv sagen: Denis’ Film hat mit Barthes’ „Fragmenten“ ungefähr so viel zu tun wie „Fack ju Göthe 2“ mit Adornos „Minima Moralia“, vertrauen Sie mir!

Mein Verdacht: Die pfiffige Regisseurin wollte endlich mal einen Film machen, den sich mehr als die paar Kunstfilmhanseln angucken, deshalb der Star Binoche und die Legende, hier gehe es um „faire l’amour / rund um die Uhr“, aber der Kritik zumindest musste man einen intellektuellen Knochen hinwerfen, Roland Barthes, und die Kritik hat reflexartig zugeschnappt. (Godard hat ähnliches versucht mit „Le Mépris / Die Verachtung“: Brigitte Bardot und Michel Piccolini sollten das große Publikum anziehen, und dann war es doch wieder nur der selbstreflexive, zähe Godard-Quark, wie dann alles nach „Pierrot le fou“.)

Aber bin ich nicht ungerecht? Habe ich nicht die Antoine-Doinel-Filme von Truffaut über alle Maßen geliebt, und liebe sie noch immer? Und da wird ja nur geliebt bzw. an Liebe gedacht und vor allem darüber gequasselt? Oder Rohmer! Und im eigenen Leben haben wir damals doch auch nur an Liebe (und Sex) gedacht und darüber gequasselt, ich bin doch „Generation Beziehungsgespräch“ par excellence! Der Unterschied ist einfach: Damals waren Jean-Pierre Léaud und Claude Jade jung und hübsch, und wir waren es, in Maßen, auch; verliebte Zwanzigjährige sind zauberhafte Welpen, denen man fasziniert beim Schmusen zuschaut und fast alles verzeiht; es gibt keine Peinlichkeit. Anders bei normal hässlichen Sechzigjährigen.

Warum macht die hübsche, aber wohl etwas beschränkte Isabelle in „Meine schöne innere Sonne“ alle diese merkwürdigen, unverständlichen Dinge? Weil es so im Drehbuch steht, müsste sie zugeben. So entsteht aber keine Figur, in die man sich verlieben, mit der man mitfühlen und mitleiden könnte; es bleibt eine hysterische, ausgedachte Person. Ob Juliette Binoche mitgekriegt hat, wie ihre Regisseurin sie verheizt? Wir wollen ihr zuliebe annehmen, dass sie dann einfach gute Miene zum bösen Spiel gemacht hat.

Im Drehbuch stand auch, dass die letzte Viertelstunde des Films Gérard Depardieu gehört, einem Wahrsager und Psychoberater, der mittels Pendel unserer lieben, dummen Isabelle weissagt, was sie in Liebesdingen noch so alles zu erwarten hat. Man muss sich das mal vorstellen: Dieses von Saufen und Depression zerstörte Gesicht des Drei-Zentner-Mannes, der vollkommen idiotische Orakelsätze raunt, die nicht einmal das Niveau schlechter Glückskekssprüche erreichen, pendelt herum, und unsere gute Isabelle verdrückt gerührt ein Tränchen und lächelt und fasst wieder Hoffnung. Einige deutsche Kritiker haben sogar bemerkt, dass in dieser Szene tatsächlich die Merde am Dampfen war, aber sie rechtfertigen diesen abstoßenden, genau gesagt: männer- und frauenfeindlichen Schwachsinn als „hübsche Plattitüden“, als ironische Bezugnahme auf Barthes, als satirische Volte, in der die Sprache der Liebe sich selbst fragmentiert. Der letzte Rat, den der monströse Guru Isabelle gibt: Sie solle, was die Liebe angeht, „open“, also offen bleiben, was, tut mir leid, eine etwas deftige Reaktion erzwingt: Hier hat wohl jemand den cul „open“ (pardon my French).

Als das Licht angeht, gibt es im „Delphi“ ein kurzes, irritiertes Kichern, eine Frau sagt zu ihrem Mann: „Also das hab’ ich mir aber ganz anders vorgestellt“, besser hätte ich es auch nicht formulieren können.

Kurt Scheel

Netflix: «The Crown»

Man muss kein Fan von Hofbericht-Erstattung à la Rolf Seelmann-Eggebert oder von Historien-Schinken à la Guido Knopp sein, um sich für „The Crown“ zu interessieren und ja: zu erwärmen. Weil Elizabeth II., THE QUEEN, per se eine interessante Figur ist. Allein schon durch die Dauer ihrer Regentschaft. Und durch die irgendwie poröse Fassade ihres weltgeschichtlichen Daseins, das einen Menschen immer(hin) erahnen lässt. Der ist vielleicht mittelmäßig, aber auch in seinem Mittelmaß so geheimnisvoll, wie es die Aura einer gesalbten und gekrönten Majestät ist.

Die erste Staffel von „The Crown“ ist eine lange Ouvertüre. Kindheit und Jugend von E II. im Rückblick. Der Vater ein König wider Willen. Der schwierig-böse Onkel, der für seine Liebe die Krone weggibt, wenn auch wider Willen, der Duke of Windsor ist ein halber Faschist. Die Liebesheirat Elizabeths mit Philipp bleibt ein Rätsel. Zu früh muss sie auf den Thron. Verwerfungen folgen aufgrund nicht-geklärter Rollen zwischen (Ehe-)Mann und (Ehe-)Frau, zwischen Prince und Queen. Etcetera.

Die Geschichte ist ja hinlänglich bekannt. Das Biopic-Drama folgt von Anbeginn im Großen und Ganzen dieser Realität, der politischen und der persönlichen (soweit bekannt). Und also ist auch hier klar: Premierminister-Urgestein Churchill geht zu spät, und der alerte Antony Eden kommt wie von selbst, und dann beerbt ihn der snobistische Harold Macmillan... Charles wird geboren, und dann Anne... Es gibt, wie es sich für ein Serienformat gehört, immer den richtigen Belastungswechsel. Auf die Ehe- folgt die Suez-Krise, auf den eher zufällig entflammten Krieg die eher halbherzige Versöhnung. Das Leben geht weiter. Staffel folgt auf Staffel. Und da Elizabeth noch immer regiert, wird irgendwann – vor ihrem irgendwie unwahrscheinlichen Tod oder ihrer ebenso undenkbaren Abdankung? – unsere Gegenwart erreicht sein.

In Staffel 2 tritt neben das Dauer-Drama von Elizabeth und Philip, deren Liebe aus Staatsräson zur Vernunftbeziehung degeneriert, nun noch stärker als in der 1. Staffel das Schwestern-Duett oder besser -Duell. Elizabeths königliche Kinder Anne und Charles sind Mitte der Fünfziger für echte Krisen noch zu jung. Stattdessen dauerpubertiert Princess Margaret, die liebend gern und lieber als Elizabeth Queen geworden wäre; sie kompensiert ihre als ungerecht empfundene Zweitgeborenheit durch für damalige Zeiten wagemutige Liebesversuche, die schließlich im Hafen der Ehe mit einem libertären Hedonisten, dem bisexuellen Fotografen Antony Armstrong-Jones, enden; der schwebt wie ein frühgeborener Bruder von David Bowie durch die königliche Welt und nimmt auch als rasch geadelter Lord Snowdon keine höfische Form an.

Auf der politischen Ebene prägt gleichzeitig der Dualismus zwischen konstitutioneller Machtlosigkeit der Krone und der wachsenden persönlichen Macht der Queen die Dramaturgie. Ein Tanz mit einem afrikanischen Diktator auf einer Commonwealth-Konferenz, ein verweigerter Handkuss, ein (zu) frühes Klingeln am Ende der rituellen Audienz für den Premierminister, durch das der Butler als Rausschmeißer gerufen wird – all das kann Erschütterungen in der ewig-gültigen Balance of Power bewirken. Dabei wird keine Miene beim bösen Spiel verzogen, und doch ist alles klar. Auch die allmähliche Erosion der anfangs so klaren Rollen. Die Macht des Faktischen und der Dauer ist auf Seiten der kleinen Prinzessin, die Churchill noch leiten musste; die junge Königin ist schon auf ihrem ewig-langen Weg zu Elizabeth The Great.

Claire Foy ist, jedenfalls in den ersten beiden Staffeln von „The Crown“, eine Ideal-Besetzung. Ihr scheue Bestimmtheit, ihre gleichsam alabasterne Oberflächlichkeit, unter der ein leidenschaftliches Pflichtbewusstheit glimmt und mitunter lodert, das schon fast einer priesterlichen Berufung gleicht: Foy treibt Elizabeth zu diplomatischen Höchstleistungen im scheinbaren Gleichmaß des höfischen Daseins, wobei das Etikette-Korsett nie gesprengt, nur gelegentlich gestisch gelockert wird. Das macht die Spannung, den Reiz, den Suspense – in der Politik wie im Familiären (in der „Firma“, wie Elizabeth das Haus Windsor später mal nennen wird). All das gelingt Foy mit einer scheinbar mühelosen Leichtigkeit, die jener komplexen Kunst der Verstellung eigen ist, welche aus einer nicht mehr trennbaren Mischung von privater und Schauspieler-Persönlichkeit entsteht.

Das alles ist natürlich auch schön anzuschauen (und teuer: wohl 80 Millionen Dollar pro Staffel). Prächtige Paläste, düstere schottische Wälder, kostbare Kostüme und Klunker, Kerzenschein und Galadinner: statt „Downton Abbey“ gibt es jetzt als Weihnachts(serien)märchen „The Crown“, taking place in Buckingham Palace, Windsor Castle and Balmoral. Dass diese Serie meist mehr ist als nur ein weiteres unterhaltsames Biopic, in dem die clever gecasteten Schauspieler den echten Personen möglichst ähnlich sehen sollen, dass die Masken der Macht mehr sind als nur scheinbar lebensechte Abziehbilder, liegt an der Genauigkeit der Drehbücher (die ersten zwanzig Folgen schrieb, bis auf eines, Peter Morgan), weil sie zwischen Politik und Privat perfekt kontrapunktieren; und an den Darstellern (zu viele Namen, um sie hier aufzuführen); und nicht zuletzt an der scharfkantigen Figuren-Regie (Stephen Daldry, Philip Martin, Benjamin Caron und Julian Jarrold), die bis in Details immer wieder die privaten und die Dramen der Zeitgeschichte in pointierter Verzahnung aufregend und erkenntnisreich werden lässt.

Michael Merschmeier