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Medien-Tipps #3

Rainbow Serpentine und Schubert-Lieder

Rainbow Serpentine

Soeben wurden die Gewinner der «Choreographic Captures» bekannt gegeben, eines Münchner Wettbewerbs, der mit kurzen Clips im Werbeblock der Kinos für den Tanz begeistern will. Laut Jury zeigt der beste Film zwei Strandläufer, den gleichnamigen Vogel und einen Jogger, aufgenommen mit einer verrissenen Amateurkamera. Das Publikum dürfte sich ob eines derart «erweiterten» Tanzbegriffs mit Grausen abwenden. Wir empfehlen eine Alternative aus dem spanischen Valencia, wo Blas Payri echten Videotanz mit echter Könnerschaft um- und sein Kinopublikum in einen regelrechten (Farb-)Rausch versetzt: Was professionelle Filmkunst kann, zeigt sein Clip «Rainbow Serpentine», bestens zu genießen auf einer Riesenleinwand mit Dolby-Surround.

Den Clip «Rainbow Serpentine» finden Sie hier: Link

Schubert: Lieder

Manchmal kann man sich nur wundern, wie lange in den Schallarchiven der Rundfunkanstalten unerhörte Schätze lagern. Wenn sie endlich ans Licht kommen, steckt oft eine Mischung aus Zufall, Enthusiasmus und Kennerschaft hinter den Bergungsbemühungen. Und die Risikobereitschaft eines Überzeugungstäters, der eine an Originalität und Qualität ausgerichtete Mission verfolgt, die allen handelsüblichen Spielregeln des Phono-Marktes widerspricht. Eines mit stiller Energie und unangepasstem Ohr durch kaum erkundete Hörlandschaften flanierenden Suchers wie Sebastian Solte. Vor zweieinhalb Jahren gründete Solte, quasi im Alleingang, ein CD-Label, das aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Schon optisch, auch haptisch unterscheidet sich bastille musique von der dominierenden Jewelcase- und Digipak-Kultur: Pappe statt Plastik, profunde Information statt Hochglanz charakterisiert die Ausstattung der Silberscheiben – ein Minimalismus, der die Aufmerksamkeit auf die ästhetische Relevanz des Eigentlichen, auf die Aufnahmen selbst konzentriert.

Sechs Programme sind bisher erschienen, darunter – zum Auftakt – Claude Viviers «Kopernikus»-Oper (eine Produktion der Freiburger Opera Factory; OW 8/2016), neue Kammermusik von Eres Holz, Johannes B. Borowski und Stefan Keller (Zafraan Ensemble, Titus Engel) und die Lieder nach Goethe von Wolfgang Rihm, mit Hans Christoph Begemann (Bariton) und Thomas Seyboldt (Klavier), «CD des Monats» September 2016 in dieser Zeitschrift. Nun hat Solte in Zusammenarbeit mit dem SWR (Lotte Thaler) vier Schubert-Abende von Begemann und Seyboldt ausgegraben, die bereits 1997 («Winterreise») bzw. in den Jahren 2001 (Goethe-Lieder) und 2002 (Schiller-Balladen, Hölty-Lieder) mitgeschnitten wurden. Unfassbar, dass diese Konzertdokumente aus dem Hans-Rosbaud-Studio Baden-Baden sowie, im Fall der Hölty-Lieder, aus Schloss Achberg am Bodensee erst jetzt zugänglich sind: fünf Stunden Liedkunst, die höchste Maßstäbe erfüllt, ja manches in den Schatten stellt, was gegenwärtig als der Schubert-Interpretationsweisheit letzter Schluss gilt. Dazu konzise, lebendig vorgetragene (gekürzt auch abgedruckte) Einführungen von Walther Dürr, die besonders auf dem selten beschrittenen Terrain der Schiller- und Hölty-Vertonungen Orientierung bieten. Das Ganze: eine Offenbarung.

Denn kaum einmal hört man die durchaus heterogene Weite des Schubert’schen Liederkosmos in einem so natürlichen, scheinbar naiv aus Text und Notenbild abgeleiteten, zugleich tieflotenden Ton. Von Manierismen, interpretatorischer Nachhilfe, Geschmacksverstärkern jeder Art ist die Darstellung völlig frei. Wie ein erwachsenes Kind, das noch staunen kann, lässt sich Hans Christoph Begemann auf jedes Wort, jede Stimmung und Modulation ein. Mit Sinn für Humor – in Goethes «Rattenfänger» (D 255) wie in Höltys «Knabenzeit» (D 400). Als großartiger Erzähler, der mühelos mit verschiedenen Stimmen spricht – in «Der Gott und die Bajadere (D 254) oder in «Der Fischer» (D 225): Naturidylle und erotische Phantasmagorie sind hier perfekt verblendet, allein mit vokalen Mitteln. Auch und gerade in den ausgreifenden «Monodramen» nach Schiller – zumal die «auf Leben und Sterben» kontrastierten Stimmungswechsel im «Taucher» (D 111) und in der «Bürgschaft» (D 246) – erhalten buchstäblich ungeheure Plastizität. Ein durchweg wunderbares Legato wird nie um seiner selbst willen ausgestellt, sondern semantisch in Dienst genommen. Thomas Seyboldt legt am Klavier gleichsam das Fundament dieser einzigartigen Partnerschaft – ein Pianist, der mit präzise dosierten Rubati, zärtlichsten Piani, scharf akzentuierten Akkordattacken, kurzum: mit einer nachgerade improvisiert wirkenden Fantasie sich Schuberts Fieberkurven anverwandelt. Ein Jammer, dass wir die Auftritte damals verpasst haben. Ein Glück, dass die Recitals vor dem Vergessen bewahrt wurden. Am 28. Januar sind Hans Christoph Begemann und Thomas Seyboldt übrigens noch einmal live mit jenen Goethe-Liedern zu erleben, die sie vor 25 Jahren zur Eröffnung der Schubertiade im Ettlinger Schloss vorgetragen haben (Infos: www.schubertiade.de). Gleicher Ort, neues Spiel.

Albrecht Thiemann

Hans Christoph Begemann (Bariton),Thomas Seyboldt (Klavier)
bastille musique bm006 (5 CDs); AD: 1997-2017