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Filme und Serien

Dark, 120bpm, Detroit

Dark

Wie beruhigend: Gestern, Heute, Morgen folgen schön geradlinig aufeinander. Diese Größen sind verlässlich. Wir glauben selbstverständlich an die Zeit, wie wir sie kennen. Ich gehe ins Kino, kaufe Popcorn und Cola, suche die Reihe J, setze mich auf meinen Platz, das Licht geht aus, der Film fängt an. Herrlich! Was wäre das für ein Schrecken, wenn diese Konstante einbräche, wenn beispielsweise nicht nur die Vergangenheit die Zukunft, sondern auch die Zukunft die Vergangenheit beeinflussen würde. Zugegeben: Da muss man sich erstmal reindenken. Deshalb alles hübsch der Reihe nach:

Am 20. November hatten der amerikanische Streaming-Dienst Netflix und die deutsche Produktionsfirma Wiedemann und Berg zur Europapremiere der ersten in Deutschland produzierten Thriller-Mystery Serie «Dark» geladen. Ab dem 1. Dezember kann der 10-teilige Auftakt von weltweit über 100 Millionen Netflix-Abonnenten on demand im Internet ‚gezogen‘ werden. Im großen Premierenkino, dem Zoopalast in Berlin, ging um 19:30 Uhr pünktlich das Licht aus. Es wurde dark. Popcorn und Cola gab es auch. Bis 22:30 Uhr wurden die Folgen Eins bis Drei gezeigt, jede verlässliche 60 Minuten lang. 

Die Serie hat alle klassischen Zutaten, die es zum Gruseln braucht. Einen düsteren Wald, eine mysteriöse Höhle (die ungut-verschlingende Geräusche macht), Angela Winkler als sphinxhafte Geheimnis-Hüterin, flimmernden Nebel in einer tristen Kleinstadt rund um die beiden Türme eines Atomkraftwerks. Jugendliche streifen des Nachts durch den Wald, Äste knacken (großartiges Sounddesign!). Man wartet auf den Satz «Wir sollten uns aufteilen». Ach ja, und viele flackernde Taschenlampen sind zu sehen – was bei einer Serie, die «Dark» heißt, ja auch durchaus Sinn macht. Spaß beiseite: Das Licht ist virtuos vom Oberbeleuchter Björn Susen in Szene gesetzt, und die Bedrohung lauert fortwährend in den schummrigen Bildern vom Kameramann Nikolaus Summerer. 

Dann kommen da neben der grummelnden Höhle weitere übernatürliche Elemente ins Spiel. Das Leben in der fiktiven Stadt „Winden“ wird wild durcheinandergewürfelt, nachdem zwei Kinder auf unerklärliche Weise verschwinden und vollends unauffindbar bleiben. Der Polizist Ulrich Nielsen (markant: Oliver Masucci) macht sich mit vollstem Einsatz auf die Suche, da es sich beim zweiten vermissten Jungen um seinen Sohn Mikkel handelt. Schließlich fallen auch noch scharenweise Vögel mausetot vom Himmel, und der von Louis Hofmann feinsinnig gespielte Teenager Jonas hat bedrückende Vor- bzw. Rückahnungen in Form von Visionen. Da ist was Düsteres im Anmarsch. 

Die Drehbuchautorin Jantje Friese hat der New York Times gesagt: «Ich bin mir nicht sicher, ob es die ‚German Angst‘ ist, aber bei uns Deutschen schwingt da immer etwas ureigen Abwegiges und Düsteres mit.» Damit untertreibt sie, was die Prämisse ihrer Geschichte angeht. Die blitzgescheite, beinahe philosophische Idee, die Spannung und Schreckensfaktor von «Dark»“ ausmacht, basiert weder auf den klassischen Genre-Rezepten noch auf unserer deutschen Abgründigkeit, sondern wird am ehesten durch das der ersten Folge vorangestellte Einstein-Zitat offenbar: «Der Unterschied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, ist eine Illusion». – Was gäbe es für uns Menschen Schlimmeres, als dass uns die Zeit, wie wir sie kennen, durcheinander oder gar abhanden käme; dass man sich auf diese Realität nicht mehr verlassen könnte. Damit wird klar: dass diese Serie mehr auf dem Kasten hat und ist als bloßes kettenrasselndes Grusel-Kino.

In «Dark» setzt die Schwerkraft der Zeit aus. Dadurch gerät alles durcheinander. Ob das mit dem Atomkraftwerk im Ort zu tun hat, ob Gott mit der Zeit würfelt, ob die Bosheit doch aus dem Jenseits kommt – das muss sich ab Folge Vier herausstellen. Jedenfalls hat Regisseur Baran bo Odar mit seinem ‚amerikanischen Geschmack‘ einen good job gemacht. Ihm und  Showrunner Jantje Friese ist ein Serienbeginn von überzeugender Dichte gelungen. Deutsches Handwerk in der Erzählkunst, Internationalität in der Anmutung. Nach «Weinberg» ein angemessener weiterer Schritt in Richtung Erneuerung der deutschen Serienkultur und hin zu einem Niveau wie bei «Twin Peaks» und dem zeitgleich mit «Dark» entstandenen «Stranger Things» mit seinen inhaltlich ähnlichen Anklängen.   

Bei der Premiere war das Kino übervoll, Angela Winkler geisterte nicht nur über die Leinwand, sondern auch durch den Saal, es wehte die Ahnung einer neuen Ära in der deutschen Unterhaltungsbranche herüber. Ein Beleg dafür ist, dass «Dark» ins Englische synchronisiert wird. Normalerweise laufen ausländische Filmerzeugnisse in den USA mit Untertiteln und geraten damit a priori in den ‚Verdacht‘, nur Arthouse zu sein. «Dark» hat sich davon emanzipiert.

Andreas Tobias

↓ Tipp 2

Robin Campillo «120bpm»

120 Beats per minute, das ist das ideale Tempo zum Feiern und Sport treiben, in etwa die doppelte Schlagzahl des menschlichen Herzens. Vielleicht hat Regisseur und Drehbuchautor Robin Campillo deshalb den Titel «120bpm» gewählt für seinen Film, der zwischen Hedonismus und Verzweiflung im Angesicht des eigenen Todes changiert. Vor dem deutschen Kinostart lief «120bpm» u.a. bereits in Cannes beim Wettbewerb um die Goldene Palme, bei den Filmfestspielen in Venedig, er ist seit Kurzem für den Europäischen Filmpreis nominiert und bei den Oscars geht er für Frankreich ins Rennen.

«120bpm» spielt im Paris der frühen 1990er Jahre im Umfeld der AIDS-Aktivisten-Szene. Zivilgesellschaftlich und politisch betrachtet, ist das Autoimmun-Defizit-Syndrom noch ein Nischenphänomen. Das zu ändern, hat sich die Aktivistengruppe «Act up» (AIDS Coalition to Unleash Power), Ableger der gleichnamigen New Yorker Gründung, auf die Fahnen geschrieben. Sie setzt sich dafür ein, in Frankreich Aufklärung über AIDS zu betreiben und die Politik zu zwingen, sich für Präventionsmaßnahmen und die Entwicklung neuer Medikamente zu humanen Bedingungen einzusetzen. In Act up versammeln sich vor allem Mitglieder der (damals noch nicht so genannten) LGBT-Gemeinde sowie Drogenkonsumenten und Prostituierte – die meisten von ihnen selbst HIV-positiv.

Umso überraschender, dass die Handlung damit beginnt, wie ein HIV-negativer Sympathisant in die Gruppe einsteigt. Arnaud Valois verleiht diesem Nathan einfühlsame Virilität. Doch ist Nathan weit mehr als ein Beau: Ausgestattet mit einer rätselhaften Verbindung zur Krankheit und den Anliegen von Act up, führt er den (vermeintlich) unwissenden Zuschauer in den Kosmos der frühen 1990er Jahre ein. Aber was bringt Nathan dazu, bei Act up mitzumachen? Dankbarkeit? Ein Helfersyndrom?

Nathans Gegenpart ist Sean Dalmazo, gespielt vom Argentinier Nahuel Pérez Biscayart, der in Deutschland bereits neben Christian Ulmen in „Becks letzter Sommer“ und in Maria Schraders „Vor der Morgenröte“ zu sehen war. Seine Figur ist deutlich extrovertierter angelegt: Selbst mit dem HI-Virus infiziert, ist er mit Mitte 20 bereits ein alter Hase bei Act up, scheut sich nicht vor lauten Wortmeldungen oder schrillen Aktionen wie einem – offenbar im Genre „Schwulenfilm“ für obligatorisch erachteten – Cheerleader-Auftritt bei der Gay Pride.

Er ist, wie er einmal versichert, hauptberuflich HIV-positiv, das reicht. Zwischen Sean und Nathan entspinnt sich im Laufe des mit 140 Minuten recht langen Films eine eindringliche Liebesgeschichte, die auch die körperliche Seite nicht ausspart, sogar offensiv zeigt. Sicher auch deshalb die FSK-Ab-16-Einschätzung – schade angesichts der filmischen Botschaft.

«120bpm» ist die Nahaufnahme einer typischen politischen Vereinigung. Geeint durch ein gemeinsames Ziel, im Detail reichlich zerstritten: Sollen gewaltsame Mittel angewendet werden, um die eigenen Positionen durchzusetzen? Soll direkt mit Pharmakonzern-Vertretern diskutiert werden? Stark die Szene, in der um einen Slogan für die Gay Pride debattiert wird. Einfach und entwaffnend: „Das könnte meine letzte Gay Pride sein“. Doch statt einer Einigung gibt es ein Nebeneinander verschiedenster Sprüche.

Ein Symptom der Gruppenorganisation: nach innen streng basisdemokratisch, die Debattenkultur im studentischen Hörsaal pflegend und verteidigend, auch wenn es mal spät wird. Die Stärke der von Aktivisten-Präsident Thibault (ideale Besetzung: Antoine Reinartz) geführten Vereinigung liegt denn auch nicht im Konsens, sondern in wilden, Aufmerksamkeit heischenden Interventionen – sei es in der Pharmawirtschaft oder bei politischen Versammlungen, wobei reichlich Theaterblut fließt.

Regisseur Campillo rückt mit seinem Film ein Thema in den Fokus, das angesichts des gegenwärtigen Streits um politische Gleichberechtigung von LGBTI in den Hintergrund zu rücken droht. HIV scheint heute kein großes Thema mehr, eine beherrschbare Diagnose. Gibt es da eine trügerische Ruhe?

Anfang der 1990er jedenfalls herrschte Ruhe aus ganz anderen Gründen. Mit der engen Begleitung Seans und seines Partners Nathan gelingt «120bpm» eine Perspektive, die von zwei Seiten berührt, erschüttert, wachrüttelt. Selten hat man so unpathetisch gesehen, wie ein junger Mensch am Leben hängt – und gleichzeitig um die eigene Verantwortung für seine Ansteckung weiß. Selten sah man einen äußerlich starken Mann, vor Lebenskraft strotzend wie Nathan, so weich und einfühlsam. Bewegend, wie seine Liebe zu Sean trotz des zunehmend schwierigen Krankheitsverlaufs nicht kleiner, sondern größer wird. Bis zum letzten, ultimativen Liebesbeweis, der einem das Herz brechen lässt. Dem Zuschauer geht es wie Nathan in seinem Leben: Auch wenn man es versucht – nach dem Erlebnis dieses Films ist nichts mehr wie zuvor.

Dirk Baumann

↓ Tipp 3

Kathryn Bigelow «Detroit»

«Detroit» ist ein Film, den ich empfehlen kann, auch wenn er mir nicht so ganz gefallen hat. Kathryn Bigelow machte in den letzten Jahren immer ungemütliche Filme, Genrekino mit starkem politischem Anliegen, und wenn ich den Plot las, war mir etwas mulmig („viel Botschaft“), und wenn ich aus dem Kino kam, war ich erfreut und erstaunt, dass sie es wieder hingekriegt hatte. Diesmal war ich nach zweieinhalb Stunden ein bisschen erleichtert, als der Abspann lief, in dem darauf hingewiesen wird, dass vieles, was wir gerade gesehen hatten, auf Interviews mit Zeitzeugen, beteiligten Personen beruht. Da dachte ich: Vielleicht hätte sie lieber einen richtigen Dokumentarfilm machen sollen über die Ereignisse im Jahre 1967 in Detroit, die Brandstiftungen, die Plünderungen in den schwarzen Gettos, die kriegsähnlichen Zustände. «Wie in Vietnam!» wiederholen die Kommentatoren fast manisch auf den winzigen TV-Bildschirmen.

Aus nichtigem Anlass sind die Unruhen entstanden, und in ihnen entladen sich hundert Jahre Demütigung und Rassenhass, alles, was seit dem Bürgerkrieg, der Sklavenbefreiung an Versprechungen nie eingelöst wurde, explodiert hier. Und die Macht, die Gewalt liegt bei den Weißen, den Polizisten, der Nationalgarde, auch wenn Bigelow zum Glück keineswegs dazu neigt, ein romantisches Bild der schwarzen Plünderer und Brandstifter zu zeigen.

Mehr als vierzig Tote, mehr als tausend Verletzte, alles «negroes», wie man damals noch unbefangen sagt. Einige dieser Tötungen, dieser Morde, diejenigen im Algiers Motel, zeigt der Film in seinem gut einstündigen Mittelteil. Das hat eine fast theaterhafte Anmutung, wie ein Experiment in Sadismus, eine klaustrophobische Situation, in der drei weiße Polizisten eine Handvoll schwarzer Musiker und zwei weiße Mädchen, «Niggerhuren», demütigen, drangsalieren, foltern, umbringen. Wie sie da stehen, mit dem Gesicht zur Wand und erhobenen Händen, angeschrien und verprügelt werden, das ist schwer auszuhalten; man muss kein deutscher Zuschauer sein, um «Nazi» zu denken.

Vielleicht liegt da das Problem, Bigelows Denkfehler, der Punkt, an dem der Film kippt. Denn die Kennzeichnung «Nazi» trifft die USA nicht richtig; sogar bei den größten Verfehlungen gibt es einen Unterschied zum Nazireich, zu Schurkenstaaten: Die Verbrechen und Schändlichkeiten, von My Lai bis Abu Ghuraib, wurden ja von den Amerikanern selbst aufgedeckt. Darin stecken der Unterschied und die einzige Hoffnung, dass nämlich solches erkannt und geahndet wird in den Vereinigten Staaten selbst, und sei es Jahre und Jahrzehnte später. «Detroit» aber ist ohne Hoffnung. Selbst die mörderischen Polizisten werden am Schluss von einer weißen Jury freigesprochen, da stehen sie und grinsen uns frech ins Gesicht. Und weil dieser Film sich eng an die Tatsachen halten will, schenkt er uns nicht einmal den Trost einer Rachephantasie, die der amerikanische Spielfilm in solchen trostlosen Fällen bereithält.

Großartige Schauspieler, wie gewohnt. Wann habe ich zuletzt in einem amerikanischen Film schlechte Akteure gesehen? Wackelkamera in den eindrucksvollen Tumult-Sequenzen am Anfang, elegant mit richtigen Dokumentaraufnahmen verbunden, Musik, Design – alles „state of the art“. Aber die aufrichtige und sympathische Empörung der Regisseurin und ihres Drehbuchautors Mark Boal, der auch «The Hurt Locker» und «Zero Dark Thirty» geschrieben hat, ist zu stark, als dass sie uns eine Hoffnung geben könnten und wollten. Und so erscheinen die Erschießungen unbewaffneter Schwarzer – von Trayyon Martin, Eric Garner, Michael Brown bis Tamir Rice, Rumain Brisbon, Freddie Gray – durch Polizisten heutzutage wie die bloße Fortsetzung der Morde von Detroit.

Der Film vergisst, er will nicht wahrhaben, dass der fast naturwüchsige Rassismus des weißen Amerika in den sechziger Jahren von ganz anderer Härte und Brutalität war als das, was momentan abläuft. Es gab Obama wirklich, und auch ein Unheil wie Trump kann das nicht mehr rückgängig machen. Der Hauptgrund aber, dass «Detroit» nicht ganz gelingt, ist ein Kategorienfehler: Die Wut über die andauernde Verfolgung schwarzer Amerikaner bis in unsere Tage sprengt das Format und die dramaturgischen Zwänge eines intelligenten Spielfilms, der mehr als Genrekino sein will. Eine Miniserie wäre hier sicher die klügere Wahl gewesen. Ein auf hohem Niveau missglückter Film, den Sie sich unbedingt ansehen sollten.

Kurt Scheel