Filme und Serien #2
Mindhunter
Mindhunter
Vier Jahre ist es her, dass der Streamingdienst Netflix seine erste Eigenproduktion («House of cards») auf den Markt gebracht hat. Die Ankündigung, dass abermals David Fincher (im Kino: «Fight Club», «Sieben») mitverantwortlich für die neue Netflix-Serie sein würde, hat hohe Erwartungen geweckt. «Mindhunter» heißt die Serie, und Fincher ist nicht nur einer der Produzenten, sondern er führt auch in vier von zehn Folgen Regie.
In der Vergangenheit führte uns Fincher bereits oft und raffiniert in die dunklen Abgründe der menschlichen Psyche. Basierend auf dem Roman «Die Seele des Mörders» von John E. Douglas und Mark Olshaker entwerfen Fincher und sein Team nun eine bildgewaltige Exkursion in eine Zeit, in der das Wort «Serienmörder» in Amerika noch nicht «erfunden» war.
Im Jahre 1979 liegen die grausamen Morde des in diesen Tagen verstorbenen Charles Manson knapp zehn Jahre zurück. Und jegliche Form von Kriminalpsychologie war beim FBI zu dieser Zeit noch verpönt. Es ging vor allem darum, die «Monster» zu fangen und wegzuschließen – oder auf den elektrischen Stuhl zu bringen.
Ganz neu ist da die Sicht des jungen FBI Agenten Holden Ford (gespielt von Jonathan Groff). Sein Fokus liegt vor allem auf den Morden, die aus den typischen Mustern fallen. In seiner Funktion als Ausbilder an der FBI-Akademie macht er sich jedoch mit seinen ambitionierten psychologischen Studien nicht nur bei seinen Vorgesetzten unbeliebt.
Jonathan Groff («Looking», «Glee») spielt den Helden der Serie als hübschen, aber konturlosen Nerd und macht es anfangs schwer, sich für ihn zu begeistern. Fast unlogisch erscheint es, wenn Holden gleich zu Beginn von der hübschen, emanzipierten und überaus klugen Studentin Debbie (Hannah Gross) abgeschleppt wird und diese ein Paar werden. Groff weiß dann aber seine Figur sehr genau zu führen und überrascht trotz aller Zartheit mit vielen Nuancen, die vom aufgeblasenen, unsympathischen Angeber bis hin zum betrogenen Liebenden durchweg überzeugen.
Bei seinen Recherchen trifft er auf Agent Bill Tench (wunderbar unprätentiös - Holt McCallany). Tench vegetiert in der nur aus ihm bestehenden, verhaltenswissenschaftlichen Abteilung mehr oder weniger vor sich hin und hat sich längst mit dem Desinteresse der Chefs gegenüber seiner Arbeit abgefunden.
Die beiden Agenten bilden ein Team, reisen von nun an gemeinsam durch die Bundestaaten und versuchen in ihren Seminaren meist vergeblich, den Fokus der Provinzpolizisten bei der Mördersuche zu schärfen. Der desillusionierte Bill kann damit weitaus besser umgehen als der junge Holden, der Shakespeare zitierend bei den Cops aus Kansas nicht sonderlich gut ankommt.
Aus dieser Ernüchterung heraus kommt ihm die entscheidende Idee. Auf ihren Reisen durch das Land möchte er die inhaftierten «Serienmörder» (Holdens neue Wortschöpfung) aufsuchen und sie zu ihren bestialischen Morden befragen. Bei ihrem Vorgesetzten, Unit Chief Shepard (Colter Smith), erntet der Vorschlag nur Entsetzen, die Idee wird von ihm als Anschlag auf das System gewertet. Abgeschoben in ein Kellerbüro, lässt er die beiden Agenten jedoch unter Auflagen gewähren.
Erst in Folge 3 stößt die dritte Hauptfigur, die undurchsichtige Psychologin Wendy Carr (geheimnisvoll – Anna Torr), zum Ermittlerteam im Keller. Obwohl sie wichtige Informationen beisteuert und das Trio dadurch auf den richtigen Weg bringt, verschiebt sich das Spannungszentrum in der Ermittlertruppe und es kommt zu schwer überwindbaren Interessenkonflikten.
Das langsame, fast meditative Tempo dieser ersten 3 Episoden ist gewöhnungsbedürftig, jedoch: Die außerordentlich langen Dialogszenen sind nur die Vorbereitung zu den Verhörszenen der Massenmörder, die zweifellos die Höhepunkte der Serie darstellen. Wie sich Agent Ford und der anfangs misstrauische Agent Tench langsam an die Serienmörder herantasten und versuchen, deren Vertrauen zu gewinnen und darin immer skrupelloser werden, ist faszinierend. «Er denkt, du bist sein Freund. Das macht dich zu einem großartigen FBI-Agenten», so Trend zu Ford.
Darstellerisch ist die Besetzung der Massenmörder mit weitgehend unbekannten Schauspielern ein Fest. Herausragend ist der nicht nur physisch beeindruckende Cameron Britton als Massenmörder Ed Kemper. Man hält den Atem an, wenn er reflektiert freundlich, aber mit eisiger Kälte über seine Morde Auskunft gibt und so Anthony Hopkins’ «Hannibal Lektor» wie eine affektierte Diva dastehen lässt: «Es ist nicht einfach, jemanden abzuschlachten, das ist harte Arbeit».
Mag sein, dass viele Fans eher einen Thriller erwartet hatten, als bekannt wurde, dass sich David Fincher abermals mit dem Sujet «Serienmörder» beschäftigen würde. In der Tat ist es überraschend, dass Fincher hier eher zu einem kammerspielartigen Theaterabend einlädt. Die finale Begegnung von Ed Kemper und Holden Ford wird jedoch auch den hartgesottenen Genre-Fans lang in Erinnerung bleiben.
Visuell ist «Mindhunter» ein Genuss. David Fincher hat die von ihm fast schon manieriert verwendeten Beige- und Braun-Töne über den knalligen 70er Jahre-Look gelegt und somit eine eigenartige, aber vereinnahmende Bildsprache erschaffen, die mit beeindruckenden Kamerafahrten garniert wird. Dass Holden Ford der einzige Nichtraucher ist, den man zu Gesicht bekommt, dient nicht nur als Detailaufnahme seines Charakters, sondern erlaubt auch, die Bildränder konstant mit Zigarettenrauch weichzeichnen.
Die Tatsache, dass David Fincher mit dem offen homosexuellen Schauspieler und Broadway-Star Jonathan Groff die heterosexuelle Hauptrolle besetzt hat, ist eine längst überfällige und in der Branche bejubelte Revolution. Dass bisher schwule Rollen fast ausschließlich von heterosexuellen Schauspielern verkörpert wurden und wiederum schwule Schauspieler für Hetero-Rollen nicht in Frage kamen, ist ein Grund, warum etliche homosexuelle Schauspieler das Coming-out scheuen. Ein wichtiges Zeichen also in einer prestigeträchtigen Serie, die mit Sicherheit in den folgenden Staffeln weiter an Format gewinnen wird.
Michael Banzhaf