Gillett über Monteverdi

Der britische Tenor Christopher Gillett spricht über die Musik von Claudio Moneteverdi. (Deutsche Übersetzung in diesem Textkasten.)

Oggi sarà Poppea
Di Roma imperatrice.

Poppea wird heute
Kaiserin von Rom!

Was Sie gerade gehört haben, ist eine Passage aus Monteverdis „Die Krönung der Poppea“ – aus Arnaltas Monolog fast ganz am Schluss. „Poppea“ war meine allererste Oper. Vor 40 Jahren, ich war gerade einmal 19, ging es mit der Partie des Nero los. Zehn Jahre später hatte ich mich zu „Rollen mit Rock“ vorgearbeitet – erst sang ich Arnalta, Poppeas Amme, später viele Male Ottavias Kinderfrau Nutrice. Auch in der „Heimkehr des Odysseus“ trat ich oft auf, als Pisandro, einer von Penelopes Freiern, letztens auch als der Hirt Eumete.

Ich bin kein großer Stilist. Wie man die Triller und Verzierungen macht, lausche ich Sängern mit mehr Expertise ab (um ehrlich zu sein, beschäftigt mich die Frage der historischen Korrektheit insgesamt nicht allzu sehr). Doch für einen Sänger-Schauspieler gibt es kaum was Besseres als Monteverdi. Anders als im späteren Repertoire, in dem es meist um Ehre, Tugend, Ansehen geht, darf man sich bei Monteverdi in Eigennutz, Lust und Gier ergehen, ohne in einer einzigen Arie zehn Minuten lang ein- und denselben Gedanken wiederzukäuen. Wenn Arnalta sich vorstellt, wieviel besser man sie, die sich bisher viel gefallen lassen musste, wohl als die Amme einer Kaiserin behandeln wird, klingt das wie folgt:

Chi mi diede del tu,
Or con nova armonia
Gorgheggierammi il "Vostra Signoria"
Chi m'incontra per strada
Mi dice: "fresca donna e bella ancora",
Ed io, pur so che sembro
Delle Sibille il leggendario antico.

Wer mir bisher vertraulich kam,
schlägt jetzt neue Töne an
und trillert „Euer Gnaden“.
Wer mich auf der Straße trifft,
sagt: „Wie frisch Sie aussehen, immer noch eine Schönheit“
auch wenn ich weiß, dass ich eher aussehe,
wie eine Sibylle aus der Zeit der antiken Legenden.

Das ist so vertont, dass man dazu praktisch in Echtzeit spielen kann – was in Opern des 18. oder 19. Jahrhunderts fast unmöglich ist. Dieser Zeit haben wir das typische Opernsänger-Schauspiel zu verdanken. Auch gibt es keinen Dirigenten. Halt, das stimmt nicht ganz – aber gebraucht wird er vor allem in den instrumentalen Ritornellen. Als Sänger kann man seinem Gegenüber in die Augen sehen, statt ständig zum Orchester-Graben zu schielen. Und weil das Orchester nur mäßig laut ist, muss man auch nicht krampfhaft nach vorne raussingen, während man sich laut Text an jemanden wendet, der hinter einem steht.

Vor ein paar Jahren stand ich in «Die Heimkehr der Odysseus» auf der Bühne der Sydney Festival Hall – in einer Inszenierung von Pierre Audi. Ein Bekannter, der nur die Fotos gesehen hatte und nichts über Monteverdi wusste, fragte mich, ob das ein zeitgenössischer Komponist sei. „Nein“, sagte ich, „er ist sehr, sehr alt.“ Aber in vieler Hinsicht ist Monteverdi sehr modern, gerade in Zeiten von Donald Trump, wo in den Nachrichten von fast nichts anderem die Rede ist als von Lust und Gier. Arnalta begreift übrigens am Ende, dass der soziale Aufstieg auch Nachteile hat: Wer arm ist, verkraftet den Tod viel besser!

Chi lascia le grandezze
Piangendo a morte va;
Ma, ma, chi servendo sta,
Con più felice sorte,
Come fin degli stenti ama la morte.

Wer das feine Leben zurücklässt,
geht weinend in den Tod.
Wer aber Diener bleibt,
begrüßt den Tod mit heiterer Miene
als das Ende der Plackerei.


Aus dem Englischen von Wiebke Roloff