Was war zuerst da: Tanz oder Musik?
Ich bin mit meinen beiden Brüdern auf einem Bauernhof im Innviertel aufgewachsen, die Musik war immer präsent. Mein Vater spielte bei der Blasmusik und in einer Band und ermunterte uns, ein Instrument zu spielen. Meine Mutter sang im Chor, aber sie machte auch Choreografien und studierte Musicals für die Landjugend ein. Sie nahm mich immer zu den Proben mit, schon mit drei oder vier Jahren war ich dabei – und so wurde mein Interesse für den Tanz geweckt. In der Volksschule verliebte ich mich dann in eine Mitschülerin, die in einer Showdance-Gruppe tanzte, und damit ich mehr Zeit mit ihr verbringen konnte, machte ich mit. Elisabeth Kaiser, die Leiterin der Gruppe, ermunterte mich, die Aufnahmeprüfung für die Ballettschule der Wiener Staatsoper zu machen.
Wolltest Du damals wirklich Tänzer werden?
Nein, ich wollte Schauspieler werden, weil ich fand, dass man da viel mehr Ausdrucksmöglichkeiten hat. Eines meiner Vorbilder war Patrick Swayze, der Star des Films «Dirty Dancing», der war ja auch beides. Der berühmte Mambo, den Swayze mit seiner Partnerin hinlegt, war einer der ersten Tänze, die ich gelernt habe. Der Wechsel nach Wien war dann natürlich nicht ganz einfach für mich. Die Stadt, das Internat und das intensive Training waren hart, aber andererseits habe ich auch unglaublich viel gelernt.
Bis auf den Spagat, oder?
Ja, und trotzdem hat man mich nach der Ausbildung als Aspirant fürs Staatsopernballett engagiert – obwohl mir alle prophezeit hatten, dass die mich nicht nehmen würden, weil ich den Spagat nicht konnte. Das habe ich seit der Unterstufe vor jeder Hürde gehört: «Wenn du den Spagat nicht kannst, wird das nix.» Aber es ging immer weiter, und irgendwann war ich dann in der Kompanie. Den Spagat kann ich bis heute nicht.
Du hast deiner Karriere zweimal eine radikal andere Richtung gegeben, warum?
In der Staatsoper habe ich einen Monat vor Saisonschluss gekündigt, es war mir einfach zu eng. Kurzzeitig war ich in der freien Wiener Szene unterwegs, wurde dann für das französische «Ballet des Jeunes d’Europe» ausgesucht und kam darüber in Kontakt mit der belgischen Tanzszene. Wim Vandekeybus hat mich für «What the Body Does Not Remember» engagiert – für mich ergab sich da eine ziemlich harte Konfrontation zwischen Ballett und zeitgenössischem Tanz, vor allem durch die ganz andere Auffassung von Physis. Ich habe dann eine Ausbildung bei P.A.R.T.S. in Brüssel gemacht, ging zu Anne Teresa De Keersmaekers Kompanie Rosas – um endgültig zu realisieren: Das ist nichts für mich!
Wieso?
In einer solchen Kompanie musst du immer im Rahmen des Geschmacks der Choreografin bleiben. Bei mir hatte sich aber schon während der Ausbildung unglaublich viel Kreativität aufgestaut, ich wollte meine eigenen Ideen verwirklichen. Und außerdem gab es Dinge, die ich nicht mehr in meinem Leben haben wollte. Zum Beispiel einen Probenprozess, bei dem sich starkes Konkurrenzdenken unter den Tänzern entwickelt. Ich wollte schauen, ob das auch anders geht – und genau das versuche ich jetzt bei der Arbeit an meinen eigenen Stücken.
Du wehrst dich ja auch gegen jede Art der Kategorisierung.
Stimmt, meine Brüder sind auch Musiker und Performer, und wir haben nie einen großen Unterschied zwischen den Disziplinen gemacht. Ich mag das Spartenübergreifende, das war auch einer der Gründe, warum wir ein Festival gegründet haben. Wir bieten da anderen Künstlern, die so arbeiten wie wir, ein Podium.
In «Sons of Sissy» lebt ihr das ja aus. Was ist da sonst noch drin? Ist es ein «Zurück zu den Wurzeln»?
Irgendwie schon, aber wir gehen eher noch weiter zurück, in eine Vergangenheit, in der Kunst und Spiritualität einander ganz nahe oder überhaupt eins waren. Da wurde getanzt, um Regen herbeizurufen, die Götter zu beschwören oder – je nachdem – zu besänftigen. In den Kreistänzen des Volkstanzes ist dieses Moment immer noch präsent, und zwar nicht nur bei uns. Entgegen aller Klischees gibt es in der Volkskultur viele Dinge, Erscheinungen, Elemente, die man teilen könnte oder die wir mit anderen Kulturen gemeinsam haben. Darum geht es auch in einem meiner nächsten Projekte namens «Volks Trance Party». Das beginnt als Volkstanzball mit Livemusik, aber ähnlich wie bei «Sons of Sissy» sollen dann die Potenziale von Trance und Ekstase und damit andere Energien sichtbar werden.
Bei «Sons of Sissy» steht die Nacktheit sehr im Vordergrund. Warum?
Weil es ein Thema ist, weil wir einfach mal beobachten sollten, wie es uns damit geht. Jede äußere Konfrontation erstreckt sich ja auch aufs Innere. Wenn mich ein nackter Mensch auf der Bühne stört oder stresst, gibt es da offensichtlich eine Resonanz in mir, die auf etwas Ungelöstes deutet.
Das Stück arbeitet mit Gegensätzen, es gibt da einerseits diese intime, berührende, sensible Nacktheit, andererseits die aggressive und lustige, die zum Lachen reizt.
Ein Körper verharrt ja nicht in einem einzigen Zustand, und das erzeugt verschiedenste Emotionen. Man kann sich selbst fragen: Worüber genau muss ich da jetzt lachen, wenn der Penis hüpft? Nacktheit, Sexualität und Tod sind Themen, die ganz stark beschwiegen werden. Es wird nicht darüber gesprochen, obwohl so viel gezeigt wird. Es ist alles erlaubt, aber man macht sich keine Gedanken darüber! Auch was Sexualität betrifft, gibt es noch ganz viel Aufholbedarf, vor allem unter Männern. Damit man nicht gleich wieder zu Stereotypen greift und die Welt in Homosexuelle und Heterosexuelle einteilt.
Es gibt aber doch diesen sehr intimen Moment mit dem anderen Tänzer ...
… damit wollen wir aber eigentlich einfach vermitteln, dass es in Ordnung ist, wenn zwei Männer sich umarmen, auch wenn sie nackt sind. Sie müssen weder homo noch hetero sein, denn genau das löst ja den Druck aus: dass man in den Augen der anderen immer irgendetwas sein muss! Dass man da einer Klassifizierung gerecht werden soll, die man begreifen, aber nicht erspüren kann.
Ist die Berührung zwischen Männern immer noch ein Tabu?
Auf dem Land ist es nicht ungewöhnlich, dass sich Männer berühren oder umarmen. Aber wenn man sie darauf anspricht, ist es ihnen peinlich, es geschieht eher unbewusst. Und löst oft bestimmte Bemerkungen aus. Dass Männer miteinander tanzen, hat uns auch bei «Sons of Sissy» interessiert – denn was ist da eigentlich dabei?