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Keine Chance?

Ein Porträt der Schauspielerin Anja Herden

Mit 19, in der 11. Klasse, bricht die junge Frau aus der Theater-AG die Schule ab und trampt nach Frankfurt, um sich an der Theater-Akademie zu bewerben. Direktor dort ist zu dieser Zeit der Theaterkritiker Peter Iden. Anja Herden zeigt im ersten Anlauf Texte aus Lorcas «Yerma» und ein bisschen «Medea». Eine Sprecherzieherin nimmt sie danach ganz aufgelöst zur Seite und teilt ihr mit, dass sie nicht genommen werden könne: «Du hast keine Chance am deutschen Theater, jemanden wie dich sieht die Besetzungstradition nicht vor.» Das will die Aspirantin dann aber von Iden direkt hören – sie spreche ja nicht Englisch und habe kein Abitur, meint der, und: «Wir bilden nicht aus für’s Arbeitsamt!» Im Rückblick ist sie Iden sogar dankbar für die Abfuhr – denn sie fährt nach Münster zurück, überredet die Lehrkräfte der Friedensschule und macht mit 22 das Abitur nach. Danach nimmt sie neuen Anlauf an der Folkwang-Schule in Essen – und wird aufgenommen zum Schauspielstudium.

1997 ist sie fertig und probiert sich aus: als Gast in Essen, Düsseldorf und immer wieder in Zürich, in Graz und am Hamburger Thalia Theater. Das erste (kurze) Engagement folgt am Maxim Gorki Theater in Berlin, erstmals auf Dauer tritt sie danach in Köln an, wo Marc Günther, aus Graz kommend, gerade die Nachfolge von Günter Krämer angetreten hat als Schauspiel-Intendant. Im Rückblick sagt Anja Herden: «Ich habe vielleicht viel zu lange geglaubt, ich sei nicht gut genug – aber mir ist damals nie eingefallen zu sagen: Das liegt daran, dass ich schwarz bin. Echt nicht!» So viele weiße Kolleginnen und Kollegen habe sie gesehen, die auch nicht die Chance bekommen hätten, die sie verdienten, die auch nicht gesehen wurden.

Zehn Jahre bleibt sie in Köln, spielt die klassischen Frauenrollen, Lady Milford und die Eboli, auch Mutter Galotti in der Lessing-Inszenierung von Dusan David Parizek – «und niemand traute sich damals zu fragen, warum eigentlich die schwarze Frau Galotti eine weiße Tochter hat». Obwohl das im Publikum auch zu Irritationen führte – aber der Diskurs war noch nicht wirklich in Gang gekommen: «Das war noch gar kein Thema im Theater.»

Das gesamte Porträt von Michael Laages lesen Sie in Theater heute 11/21