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Diesseits von Afrika

Thomas Oberender über 30 Jahre Mauerfall

Fast drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung ist es an der Zeit, die DDR als heterogenes, ambivalentes Projekt zu verstehen, nicht nur als Menschenversuch hinter Mauern.

Die jahrhundertelange Kolonialisierung von Afrika, Amerika oder Indien wird nachfolgend in ihrer Grausamkeit und historischen Dimension nicht relativiert, wenn vom Patronat der alten BRD über die sich auflösende DDR die Rede ist. Es hat lange gedauert, bis mir auffiel, dass Ostdeutschland nach 1989 wie ein «Entwicklungsland» behandelt wurde. Leitbegriffe wie «Aufbau Ost», «Blühende Landschaften» oder «Buschprämie» führen tief hinein in die Raster kolonialen Denkens. Obgleich die DDR viel Untergang produzierte, hat sie aber auch Computer und Satelliten gebaut und den ersten Deutschen ins All gebracht. Sie besaß ein hochentwickeltes Bildungs- und Gesundheitssystem, und zum ersten Mal in der deutschen Geschichte gelang dort eine demokratische Revolution, die zu einem guten Ende geführt hat. Dass nichts außer dem grünen Abbiegepfeil die vierzigjährige Existenz der DDR überdauert hat, führte in den neuen Ländern zu der Empfindung der Zweitklassigkeit des eigenen Lebens, die von keinerlei Protest begleitet war. Sie erzeugte das stille ostdeutsche Ressentiment und irgendwann die Wut.

Den ausführlichen Essay von Thomas Oberender
zum 30. Jahrestags des Mauerfalls
finden Sie in Theater heute 11/19.