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Böser Bube?

Über Frank Castorfs Verdi-Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin

Es ist ein altbekanntes Phänomen und bleibt doch komplett grotesk: Das Opernpublikum bejubelt frenetisch jede einzelne Diva, jeden Tenor und Bariton, spendet Bravos für Dirigent und Orchester und schaltet abrupt in dem Moment um, an dem der böse Regisseur die Premierenbühne betritt. Aus dem offensichtlich eben noch kollektiven Hochgefühl wird Empörung, Hass, ein gefährlich selbstsicherer bürgerlicher Mob brüllt sich langsam in Rage. Dann wieder die Sänger und Sängerinnen. Aus den Brüllaffen werden – schwupp – wieder Schöngeister: Dankbarkeit für genossene Erbauungserfahrungen, Überschwang und Fülle, Bewunderung von Grazie und Grandezza – und dann wird wieder der Schalter umgelegt, Frank Castorf betritt die Bühne erneut, und eine gruselige Pegida-Horde geifert sich die Seele aus dem Leib. In Bayreuth ist die fast schon avanciert konzeptualistische Fähigkeit dieses Publikums, seine Rezeptionserfahrungen in zwei sauber und dicht getrennten Affektkammern zu verarbeiten, zur Standardreaktion geworden. In Berlin am Abend der Premiere von «La forza del destino» von Giuseppe Verdi in der Regie von Frank Castorf war es dann doch noch einige Nummern grotesker – und fühlte sich bedrohlich an.

Den gesamten Zwischenruf von Diedrich Diederichsen finden Sie in Theater heute 11/19

Man wundert sich. Man wundert sich über all die Häme und den hasserfüllten Zorn, der Frank Castorfs Inszenierung von Giuseppe Verdis «La forza del destino» an der Deutschen Oper Berlin entgegenschlug, über den emotionalen Furor dieser Ablehnung, der wirkt wie ein eingeschweißter Reflex, wie ein routiniertes Ressentiment gegen diesen Regisseur, sein Denken, womöglich sogar seine Herkunft. Man wundert sich darüber, weil die Arbeit, die Castorf hier – übrigens weitgehend im Einklang mit der musikalischen Interpretation durch den Dirigenten Jordi Bernàcer – vorgelegt hat, weder provokativ noch langweilig, geschweige denn überflüssig ist. Im Gegenteil. Diese Inszenierung ist eine intelligible Denkübung. Sie verklammert auf anschauliche wie anspruchsvolle Weise die Triebkräfte des geschichtlichen Fortschreitens, nimmt dabei Anleihen bei Walter Benjamin ebenso wie bei Curzio Malaparte, Victor Hugo und, nota bene, bei Heiner Müller.

Die gesamten Rezension von Jürgen Otten lesen Sie in Opernwelt 11/19.