Zauberischer Jugendwahn
Leopold Mozart und die Erfindung des musikalischen Wunderkindes
Am 23. Januar 1725 reiste Georg Philipp Telemann, Musikdirektor der stolzen Stadt Hamburg, ins gut acht Postkutschenstunden entfernte Lübeck. Nicht um Musikalisches ging es bei dieser Reise, sondern um ein Spektakel ganz besonderer Art. Drei Abendstunden lang bestaunte Telemann die unglaublichen Fertigkeiten eines noch nicht vierjährigen Kindes. Der 1721 geborene Christian Friedrich Heineken hatte bereits mit etwa fünf Monaten zu sprechen begonnen. «Ehe er noch ein Jar alt war, hatte er fertig alle die vornemsten Historien in den 5 Büchern Mose nach der Ordnung gelernt.» Als noch nicht ganz Dreijähriger wusste er mehr als 8000 lateinische Vokabeln, hatte neben Plattdeutsch als Muttersprache auch Hochdeutsch und Französisch gelernt, beherrschte die Grundrechenarten und brillierte mit historischen und geographischen Kenntnissen. Nicht nur der dänische König, dem er in Kopenhagen vorgestellt worden war, auch Telemann zeigte sich begeistert. «Voller Verwunderung» soll der Komponist ausgerufen haben: «Warlich, wenn ich ein Heide wäre, ich fiele nieder, und betete dies Kind an!»
Von Heineken wurde europaweit in gelehrten Zeitungen berichtet. Das frühreife Kind, das im Juni 1725, wenige Monate nach Telemanns Besuch, starb, ging als «Wunder von Lübeck» in die Geschichte ein. Erstmals wurde der zuvor für den jungen Jesus von Nazareth reservierte Begriff «Wunderkind» im profanen Bereich verwendet. Auf den ersten Blick wirken die Berichte der Zeitgenossen schlicht unglaublich, skeptische Zurückhaltung des Historikers scheint also angebracht. Genau dies hatte auch Telemann vorausgesehen, als er – einer der wenigen Intellektuellen unter den wichtigen Komponisten seiner Zeit – ein halbes Jahr später seine Eindrücke nochmals in poetische Form fasste: «Die Nachwelt wird Dich zwar / mit ewgem Schmuck umlauben, / Doch auch nur kleinen Theils / Dein großes Wissen glauben, / Das dem, der Dich gekannt, / selbst unbegreiflich war.» Doch die zahlreichen und unabhängig voneinander entstandenen Berichte stimmen so weitgehend überein, dass sie als glaubwürdig gelten müssen.
Allerdings ereignete sich diese Kindheit – so wundersam sie uns auch erscheint – nicht im luftleeren Raum. Bereits 1688 hatte Adrien Baillet in Paris sein viel beachtetes Buch Des Enfans devenus celebres par leurs Etudes, ou par leurs Ecrits veröffentlicht, eine über 500 Seiten zählende Auflistung von Kindern, die durch ihr Wissen oder ihre Schriften berühmt geworden waren. Von Alexander dem Großen über Thomas Hobbes, Melanchthon und Blaise Pascal bis hin zu mehreren Angehörigen der Familie Lamoignon wurden hier Beispiele versammelt – als leuchtende Vorbilder für den von Baillet unterrichteten Spross seines Arbeitgebers, den zwölfjährigen Monsieur de Lamoignon fils, dem das Buch gewidmet ist. Die Ausbildung von «Doctes Enfans», von «gelehrten Kindern», schien Baillet als Anhänger des Jansenismus, einer religiös-moralischen Reformbewegung des 17. und 18. Jahrhunderts, ein sinnvolles Unterfangen, obwohl er in der Widmungsvorrede deutlich machte, dass selbst für Zwölfjährige das Spielen die gewöhnlichste und herausragende Beschäftigung sei.
Dennoch: Baillets Initiative hatte einen Nerv der Frühaufklärung getroffen. Bereits 1668 war in Paris ein Lehrbuch erschienen, wie man «par le seul usage» Kindern die lateinische Sprache beibringen könne. Die ein Jahr später gedruckte englische Übersetzung bezeichnete ausdrücklich «little children» als Zielpublikum dieses «new way of teaching». Auch war Heineken nicht das einzige, wenn auch sicher das spektakulärste Exempel solcher Frühreife. Zu nennen wären hier etwa der aus Zerbst stammende Arztsohn Christian Leberecht von Exter, der im Umkreis der Franckeschen Stiftungen in Halle erzogen wurde und bei seinem Tod als Zehnjähriger 1707 unter anderem ein Tractätlein vom wahren Christentum hinterließ. Vor allem ist aber an Jean-Philippe Baratier zu erinnern, den 1721 im unterfränkischen Schwabach geborenen Sohn eines Hugenotten-Pfarrers, der bereits mit drei Jahren Französisch wie Deutsch fließend lesen konnte, im vierten Lebensjahr Latein, im fünften Griechisch und im sechsten Hebräisch lernte. 1735 wurde er als Vierzehnjähriger von der Universität Halle zum Magister promoviert und von der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften zum ordentlichen Mitglied gewählt, nachdem der junge Gelehrte bereits die erste Übersetzung eines Buchs aus dem Hebräischen publiziert hatte. Bei seinem frühen Tod 1740 hinterließ der noch nicht Zwanzigjährige, der natürlich auch dem obersten Hohenzollern, dem preußischen König in Berlin, vorgeführt worden war, nicht weniger als elf Buchveröffentlichungen.
Noch mehr überrascht jedoch, wie oft zwischen 1690 und 1720, den Jahrzehnten vor Heinekens Geburt also, das Phänomen des frühreifen, gelehrten Kindes im lutherischen Deutschland Anlass systematischer Erörterungen gewesen war. Da erschien 1696 in Leipzig eine Dissertation über das «eruditum thaumaston in ætate tenera», also über das «gelehrte Wunderbare im zarten Alter»; 1700 in Kiel und 1702 in Wittenberg wurden Theologiestudenten mit Ergänzungen zu Baillets Katalog promoviert; 1708 eröffnete der spätere Hamburger Pastor Johann Christoph Wolf das Schuljahr des Flensburger Gymnasiums mit einer «oratio inauguralis de præcocibus eruditis», einer «Rede über frühreife Gelehrte». Ein anderer ehemaliger Theologie-Student aus Wittenberg, David Schultetus, legte im selben Jahr in Hamburg eine Zeitschrift mit dem pompösen Titel Schau-Bühne der Gelehrten Jugend vor. Und 1717 ließ Johann Klefeker, Jurist und Hamburger Stadtpolitiker, ein aktualisiertes Verzeichnis aller gelehrten Kinder drucken, eine immerhin 430 Seiten umfassende Bibliotheca eruditorum præcocium. Angesichts der hier nur unvollständig nachgezeichneten Fülle einschlägiger Schriften aus dem norddeutschen Raum drängt sich die Vermutung auf, das Phänomen Heineken sei von experimentierfreudigen Erziehern gleichsam als Probe aufs Exempel hergestellt worden. So einfach wird es sich freilich kaum verhalten haben. Denn es ist offensichtlich, dass derart atemberaubende intellektuelle Leistungen nicht nur durch Drill produziert werden können. Dennoch: Dass die außergewöhnliche Begabung Heinekens so früh geweckt wurde, dürfte sehr wohl mit unausgesprochenen Erwartungshaltungen seiner Umgebung verknüpft gewesen sein. Jedenfalls macht es stutzig, dass ausgerechnet der Autor einer zweiten Flensburger Eröffnungsrede zu diesem Thema, der «oratio solennis de præcocibus eruditis» von 1713, Johann Heinrich von Seelen, seit 1717 als Rektor am Lübecker Katharineum tätig war. Mehr noch: Derselbe Vorsteher der später auch von Thomas Mann besuchten Schule sollte 1724 die erste gedruckte Nachricht von dem gelehrten Lübeckischen Kinde verfassen. Und auch der Lübecker Superintendent, also der Vorgesetzte der städtischen Pfarrer, Georg Heinrich Goetze, der übrigens ebenfalls in Wittenberg studiert hatte, war 1709 als Autor zu diesem Modethema in Erscheinung getreten: mit einer «Elogia præcocium quorundam eruditorum», einer «Lobschrift auf einige frühreife Gelehrte».
Fast drei Jahrhunderte später ist es unmöglich zu bemessen, welchen Anteil die Umwelt am «Wunder von Lübeck» hatte und welchen eine nur als übernatürlich zu begreifende Begabung. Ohnehin ist aus musikhistorischer Perspektive eine andere Schlussfolgerung viel entscheidender: Am Ende des 17. und zu Beginn des 18. Jahrhunderts zogen nur «pueri eruditi», nur gelehrte Kinder (männlichen Geschlechts) die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich – die Kenntnis der klassischen Sprachen gehörte dabei ebenso zum selbstverständlichen Anforderungsprofil wie eine umfassende theologische Bildung, wenn nicht gar ein Engagement in theologischen Studien. Hinzuweisen ist dabei auch auf eine bemerkenswerte Eskalation: Der stereotyp verwendete Begriff der Frühreife, der «præcocitas», war 1670 bei einer Augsburger Leichenpredigt mit dem Titel «Præcox maturitas viri-iuvenis ... Thurmii» noch auf einen mit 17 Jahren promovierten und mit 20 Jahren verstorbenen Studenten angewandt worden; bei Exter bezeichnete er schon einen Zehnjährigen, bei Heineken gar einen Dreijährigen …
Wichtig ist der Hinweis auf das Monopol der Gelehrten unter den «Wunderkindern» aber vor allem deswegen, weil es natürlich auch in den Künsten und insbesondere in der Musik schon längst vor 1700 frühreife Kinder gab, die ganz selbstverständlich am Musikleben teilnahmen. Monteverdi gab bereits als 15-Jähriger eigene Kompositionen zum Druck, der Gambist Antoine Forqueray spielte schon als Fünfjähriger vor Ludwig XIV. Telemann komponierte als Zwölfjähriger seine erste Oper, und nach 1750 war es in der Mannheimer Hofkapelle völlig normal, dass Zehnjährige im immerhin führenden Orchester Europas aushalfen.
Gleichwohl ist der publizistische Reflex dieser musikalischen Leistungen nicht einmal im Ansatz vergleichbar mit dem vielstimmigen Echo, das «Wunderkinder» wie Heineken oder Baratier auslösten. Gewiss: 1667 erschien in Bologna die erste Komposition des gerade achtjährigen Francesco Antonio Pistocchi unter dem marktschreierischen, durchaus doppeldeutigen Titel Capricci puerili; 1678 wurde die 13-jährige Cembalistin Elisabeth-Claude Jacquet de la Guerre als «merveille de notre siècle», als «Zauber unseres Jahrhunderts» gerühmt. Aber auch wenn Konzertankündigungen immer wieder der «Zuhörer Bewunderung» versprachen, nie war bei musikalischer Frühreife von einem «Wunder» die Rede, nie wurde im Französischen das eindeutig theologisch konnotierte Wort «prodige» für «Wunder» verwendet. Für die Zeitgenossen war es offensichtlich unvorstellbar, wie ein Heide vor einem Musikerkind niederzuknien und gar seine Fingerfertigkeit anzubeten. Auch findet sich trotz der großen Zahl meist knapper Berichte über junge Instrumental- oder Gesangsvirtuosen nirgends eine ganze Buchveröffentlichung, wie sie Exter, Heineken und Baratier gewidmet wurde.
Im Gegenteil: Die handwerkliche Vervollkommnung «mechanischer» Fertigkeiten, wie sie etwa Schuster- oder Schreinerkinder im selben zarten Alter bei ihren Vätern und ohne jedes Aufsehen erlernten, war offenbar auch für Musikerkinder selbstverständlich. Charakteristisch für diese gänzlich unaufgeregte Wahrnehmung junger Musiker sind die Formulierungen, mit denen Johann Gottfried Walther in seinem 1732 gedruckten Musiklexikon von der frühen Karriere des heute vor allem als Musiktheoretiker bekannten Johann Mattheson berichtet: «Im neunten Jahr ließ er sich mit eigner Composition von den Hamburgischen Orgeln singend hören, bespielte sie auch alle, und fieng zugleich an sich in den Opern hervorzuthun.»
Erst fünfunddreißig Jahre nach Heinekens und zwanzig Jahre nach Baratiers Tod änderte sich die Sicht auf frühreife Musikerkinder ebenso plötzlich wie gründlich – mit dem Auftreten der Person, die bis heute als Wunderkind par excellence gilt: Wolfgang Amadé Mozart. Der extrem ambitionierte Vater hatte die Ausbildung seiner beiden Kinder systematisch in die eigenen Hände genommen und voller Stolz vor allem die Fortschritte des Sohnes mit stereotypen Einträgen in den eigens angelegten Notenbüchern dokumentiert: «Diesen Menuet/Dieß Allegro hat d. Wolfgangerl im 4ten Jahre gelernet.» 1762 schien Leopold Mozart der Zeitpunkt gekommen, den noch nicht ganz Sechsjährigen am Münchner Hof auftreten zu lassen, am Ende desselben Jahres folgte ein höchst erfolgreicher Aufenthalt am Wiener Hof. Ein als Flugblatt gedrucktes Huldigungsgedicht macht deutlich, wie in den ersten Berichten über Mozart zwar Wörter wie «Bewunderung» und «Erstaunen» verwendet wurden, nicht aber das eindeutig in theologischem Zusammenhang stehende Wort «Wunder»: «Bewundrungswerthes Kind! deß Fertigkeit man preißt, / Und Dich den kleinesten, den grösten Spieler heißt.»
Dies gilt auch für die Berichte von den ersten kommerziellen Auftritten Wolfgangs auf der großen Reise nach Paris und London, wo der nun Siebenjährige und seine ältere Schwester immer wieder den albernen Trick vorführen mussten, auf einer mit einem Tuch abgedeckten Klaviatur ebenso treffsicher zu spielen, als wenn sie «die Claves [Tasten] vor Augen gehabt» hätten. Ein in Salzburg erschienener Zeitungsbericht ging aber nun einen entscheidenden Schritt weiter. Am 19. Juli 1763 war dort zu lesen, Leopold Mozart habe «den Inwohnern seiner Vatterstadt [Augsburg] das Vergnügen gemacht, die der Grosse GOtt diesen zwey lieben Kleinen in so grosser Masse mitgetheilet, und deren Herr Capellmeister sich mit so unermüdetem Fleisse als ein wahrer Vater bedienet hat, um ein Mägdlein von 11. und, was unglaublich ist, ein Knabe von 7. Jahren als ein Wunder unserer und voriger Zeiten auf dem Claveßin der Musikalischen Welt darzustellen.» Es liegt nahe, in diesen fast blasphemisch zu nennenden Formulierungen die Handschrift Leopold Mozarts selbst zu vermuten. Denn Vater Mozart inszenierte sich in seiner privaten Korrespondenz stets als Erfüllungsgehilfe eines göttlichen Plans. So schrieb er am 22. Februar 1764 aus Paris über die Gesundheit seines Sohnes: «Es hänget von S:r göttlichen Gnade ab, ob er dieß Wunder der Natur, so er in die Welt gesetzet hat, auch darinnen erhalten, oder zu sich nehmen will.»
Als ein «Wunder der Natur» erkannte Leopold Mozart also, die eigene Rolle herunterspielend, seinen Sohn. Die gerade zitierten Formulierungen klingen derart genau an Berichte über Heineken an, dass man eine direkte Beeinflussung Leopolds durch die Literatur des frühen 18. Jahrhunderts unterstellen kann. Auch das erwähnte Wiener Huldigungsgedicht hatte den jungen Mozart in eine Reihe mit Heineken gestellt, indem es warnend schloss: «Nur wünsch ich, daß Dein Leib der Seele Kraft aussteh, / Und nicht, wie Lübecks-Kind, zu früh zu Grabe geh.»
Wenn man also davon ausgehen kann, dass die Übertragung des «Wunder»-Begriffs vom gelehrten auf das musikalische Kind eine publizistische Leistung Leopold Mozarts gewesen ist, so zeigt sich in der Weiterung «Wunder der Natur» allerdings der Einfluss der Pariser Zirkel zur Zeit Jean-Jacques Rousseaus. Friedrich Melchior Grimm, der Herausgeber der europaweit vertriebenen, aber nur im Manuskript hergestellten Correspondance littéraire hatte Gefallen an der merkwürdigen Truppe aus Salzburg gefunden und den neugierigen Vater in die aktuellen Diskussionen der Hauptstadt eingeführt. Kurzerhand übernahm er sogar die Werbekampagne der fahrenden Musiker und eröffnete einen am 1. Dezember 1763 erschienenen Bericht über die zwei Wochen zuvor eingetroffenen Mozarts mit folgenden emphatischen Worten: «Die wahren Wunder [prodiges] sind zu selten, als daß man davon spricht, wenn man die Gelegenheit hat, eines zu sehen.» Grimm, Pastorensohn aus Regensburg, der als (abgebrochener) Theologiestudent in Leipzig den Nachhall der Diskussionen um den «puer eruditus» noch verfolgt haben dürfte, bemühte im selben Bericht dann sogar die Verwirrung des heiligen Paulus bei seiner Vision auf der Straße nach Damaskus, um die eigene Reaktion auf des jungen Mozarts Spiel in Worte zu fassen.
Nun gab es kein Halten mehr: In einer von Leopold Mozart und wohl auch von Grimm mitgestalteten Londoner Anzeige vom Mai 1764 war nicht nur von «prodigies of nature», von «Wundern der Natur» die Rede, sondern kurzerhand von «the greatest Prodigy that Europe or that Human Nature has to boast of», vom «größten Wunder, das Europa oder die menschliche Natur hervorgebracht» habe. Schon in seinem Artikel vom Dezember 1763 hatte Grimm davon gesprochen, wie sich Wolfgang Amadé den «Eingebungen seines Genies» überlasse, und damit auch in der Wortwahl markiert, dass das Genie-Zeitalter angebrochen war. Musik wurde definitiv nicht mehr als Handwerk, sondern als – später gar religiös verklärte – Kunst angesehen. Gleichzeitig aber hatte sich nun in allen entwickelten Ländern Europas ein kommerzialisiertes Konzertwesen etabliert, das erst die ökonomischen Voraussetzungen für die folgenden, nach Zehntausenden zählenden Auftritte musikalischer Wunderkinder schaffen sollte.
Mit bemerkenswerter Plötzlichkeit war es Grimm und Leopold Mozart gelungen, den «Wunderkind»- Begriff vom Gelehrten aufs Musische zu verschieben – eine Verschiebung, die auch für die Folgen bis zum heutigen Tag entscheidend geblieben ist. Der frühe Tod der herausragenden gelehrten Wunderkinder war zu abschreckend gewesen, als dass sich das Vorbild Heinekens oder Baratiers zur Nachahmung empfohlen hätte. Die spätaufklärerische Pädagogik polemisierte im Unisono gegen eine «Treibhaus»-Erziehung und warnte vor der intellektuellen Überforderung, aber auch vor der kommerziellen Ausbeutung des Kindes. Auf das Risiko der frühen Erschöpfung wurde (und wird) zwar auch bei den Debatten um das musikalische Wunderkind immer wieder hingewiesen – obwohl sich das fast 36-jährige Leben Mozarts im Vergleich zu demjenigen Heinekens durch eine geradezu biblische Länge auszeichnet. Dennoch wurden die Warnungen vor musikalischer Früherziehung nie so kategorisch formuliert wie die Hinweise auf die Risiken intellektueller Überforderung. Auch dieses Ungleichgewicht hat einen einfachen Grund, der mit einem weiteren, fast gleichzeitig mit dem Übergang von der «Handwerkerkunst» zur «Künstlerkunst» eingeleiteten Paradigmenwechsel zusammenhängt.
Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts wird der Musik immer öfter eine direkte Wirkung auf die Gefühle, auf die Seele des Menschen zugeschrieben; das ältere Denkmodell einer durchaus rational angelegten Klangrede verschwindet im Orkus der Geschichte. Genau diese Verschiebung lässt aber die musikalische Frühausbildung von Kindern und Kleinkindern in einem viel positiveren Licht erscheinen als deren planvolle intellektuelle Erziehung. Denn wer wollte behaupten, dass es der kindlichen Seele schaden könne, ihre Emotionen auszudrücken? Die bis heute aktuelle – und gerade am Beispiel Mozarts so offensichtliche – Frage nach dem ökonomischen Hintergrund des seitdem vor allem in der Musik grassierenden Wunderkind-Trubels wurde (und wird) deshalb gar nicht erst gestellt. Nicht nur wegen dieses merkwürdigen blinden Flecks unserer Wahrnehmung lohnt es sich, einmal darüber nachzudenken, wie sehr sogar solche selbstverständlich scheinenden Mechanismen noch unseres heutigen Musiklebens von den hier umrissenen Entwicklungen bedingt sind – Entwicklungen, die ohne die intellektuellen Umwälzungen des 18., des «aufgeklärten» Jahrhunderts und ohne die im deutschen Sprachraum entscheidende Rolle protestantischer Theologie nicht verstanden werden können.
Anselm Gerhard