Zurück in Berlin habe ich mich dann erst einmal um meinen Körper gekümmert. Durch gut überlegtes Abtrainieren und viele Pilates-Stunden gelang es mir, ihn schnell begreifen zu lassen, dass sich Dinge geändert hatten und dass ich jetzt viel respektvoller mit ihm umgehen würde. So zogen einige Monate ins Land. Gemeldet als arbeitssuchend, entschloss ich mich, erst einmal, wenn überhaupt, mich zu finden.
Eine Jurytätigkeit für zukünftige Stipendiaten der deutschen Studienstiftung war eine emotionale Rückschau auf die vergangenen Arbeitsjahre. Ein sechswöchiges Praktikum im Künstlerischen Betriebsbüro der Komischen Oper Berlin, das ich noch in den letzten Monaten meiner Zeit beim Staatsballett absolvierte, wirkte nach. Es blieb die Idee in mir präsent, dem jahrelangen künstlerischen Schaffen eine intensive Beschäftigung mit dem Management und der Produktion von Kunst und Theater gegenüberzustellen.
Plötzlich war es April, ich vierzig geworden – und kein wirklich realistisches Angebot in Sicht. Lag es vielleicht doch an der immer noch gebremsten Euphorie meinerseits (denn die brennende Leidenschaft und der fordernde Antrieb, den ich auf dem Weg meiner ersten Karriere verspürt hatte, ließ auf sich warten); oder ist ein arbeitsloser Ex-Tänzer nicht so einfach vermittelbar?
Getrieben von ersten wirklichen Existenzängsten habe ich mich dann deutschlandweit auf verschiedene Stellen im Management-Bereich von Opernhäusern beworben. Nach einer Zusage war ich drauf und dran, Berlin auf längere Zeit den Rücken zu kehren, obwohl sich das falsch anfühlte.
Dann kam endlich Anfang Mai der Moment, auf den ich so lange gewartet hatte: Durch einen glücklichen Zufall war die Ruhrtriennale auf mich aufmerksam geworden, und nach einem kurzen Kennenlernen konnte ich – aufgeregt über die große Chance, in diesem einzigartigen Festival zu lernen, wie man Kunst produziert – meine Koffer packen, um sechs Monate im dortigen Produktionsbüro und als künstlerischer Produktionsleiter eine Elternzeit-Vertretung zu übernehmen.
Es war ein großes Geschenk und eine harte Schule zugleich. Die Redensart «ins kalte Wasser springen» werde ich auf Lebzeiten mit den erlebnisreichen und fordernden Monaten im Ruhrgebiet verbinden. Auch die Gespräche, die ich zuvor in Berlin geführt hatte, schienen plötzlich Früchte zu tragen: Die von mir so geliebte Komische Oper trat mit einem Angebot an mich heran, das ich gerne und glücklich angenommen habe.
Ab dem 1.11.2018 bin ich der Assistent von Barrie Kosky und führe das Intendanz-Büro der Komischen Oper. In dem Haus, in dem ich vor rund eineinhalb Jahren nach 19 Jahren Ballettkarriere meine Abschiedsvorstellung hatte, werde ich also nun meine Transition beenden.
Es war eine schwierige Zeit, und noch immer bin ich nicht angekommen. Aber die Vorfreude auf die neuen Aufgaben, die gelebten letzten Monate und die Gewissheit, dass ich im richtigen Moment Entscheidungen treffen konnte, lassen mich beruhigt, dabei weiterhin aufgeregt in den neuen Raum treten. Es geht also weiter....
Michael Banzhaf