Rezensionen 9. November
Stuttgart: Itzik Galili «The Gift»
Vom 15.–19. November im Theaterhaus
Nein, seinen Abschied lässt er sich nicht nehmen. Ganz zum Schluss singt er, schon sein eigener Zuschauer,- das Brel-Chanson «Ne me quitte pas», während auf dem Videoschirm das gefilmte Gegenüber sichtbar wird. Doch lang hält es ihn nicht auf seinem Sitz in der ersten Reihe. Debussys «Claire de lune» erklingt, und Eric Gauthier hebt sich wieder auf die Bühne des Stuttgarter Theaterhauses und tanzt sozusagen als P.S. einen Pas seul von Itzik Galili: ausschwingend, fast ein wenig abgehoben und dabei von einer poetischen Projektionskraft, zu der die Herzschwünge seiner Hände wie eine Pointe passen. Um am Ende doch wieder ganz er selbst zu sein: ein Ensemblechef, ein Publikumsliebling, ein Tausendsassa, der nicht nur aus seinem «Erinnerungsglas» den erhofften Beifall schlürft.
Jeder der vierhundert Zuschauer erhält zu Begin ein solches Marmeladegläschen. Auf den ersten Blick sieht es zwar ganz leer aus. Aber das Etikett «The Gift» lässt vermuten, dass es etwas Besonderes beinhaltet; «Das Geschenk» erschließt sich denn auch erst im weiteren Verlauf der Vorstellung. Bevor es nämlich ans Eingemachte geht, sieht sich Eric Gauthier mit der Stimme seines Gewissens konfrontiert, und die, etwas dunkler getönt als sein heller Live-Tenor, lässt ihn nicht unbedingt zur Ruhe kommen. Immer wieder springt er leichtfüßig von einem Lichtquader zum anderen hin und her, als müsste er als Vierzigjähriger seinen Platz erst noch aufs Neue definieren.
Doch bevor er ernste Schritte unternimmt und auf die Selbstbefragung reagiert, erinnert sich Gauthier daran, dass ihn mal jemand mit Jamie Oliver verglichen hat, und das bringt ihn (vor allem aber Itzik Galili als Autor und Choreograf) auf den Gedanken, wie der britische Fernsehkoch zwischendurch für abwechslungsreiche Kost zu sorgen. Und da ein Gauthier noch nie etwas anbrennen ließ, gerät auch dieses Abendmahl ganz nach dem Geschmack des Publikum.
Auch die Gläschen kommen noch zum Einsatz. Das erste, auf Bitten von Gauthier geöffnet, enthält das Geschrei eines Neugeborenen. Klar, Gauthier ist dreifacher Vater. Aus dem zweiten tönen ein paar Takte aus dem Musical «Cats». Es hat Gauthier angeblich bewogen, Tänzer zu werden. Im dritten pocht jemand, und zwar an die Tür von Ballettintendant Reid Anderson, seinem Übervater. Eric will kündigen, um als Gitarrist in London Karriere zu machen. Im vierten klingt das Klopfen schon zaghafter. Gauthier erklärt seinem Chef, dass er seine Kündigung zurückziehen wolle – obwohl er nie den Prinzen tanzen durfte (was er hier nachholt), nie als Basil besetzt wurde (den «Don Q.» gab's später von Christian Spuck), nie Crankos «Romeo» war (sondern nur dessen Benvolio).
Schade, dass die Stuttgarter keinen «Sommernachtstraum» im Programm hatten. Da hätte Gauthier als Zettel auch gleich noch den Löwen spielen können. Doch warum nicht mal ein Shakespeare bei Gauthier Dance? Auch wenn sich Gauthier von der Bühne verabschiedet – nach Meinung nicht nur des Publikums muss das ja kein Abschied für immer sein.
Hartmut Regitz
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