Rezensionen 9. November
Foto: Rolf Arnold
Leipzig: Goethe «Faust I und II»
Am 1., 21. Dezember, 24. Januar, 2. Februar im Schauspielhaus
Von Sorge zu Sorge spannt sich dieses Faustens Lebensbogen, spannt sich dieser sechsstündige Leipziger Erlebnisabend, der mit «Faust II» anhebt, den «Faust I» durchreist, ein poetologisches Puppenspiel zur Erklärung von Goethes Hauptwerk einschaltet, bald das Publikum entlang von «Faust»-Motiven auf Erkundungstouren durch die Stadt schickt, um gegen Mitternacht auf der großen Schauspielbühne zu «Faust II» rückkehrend zu enden.
Auch sechs Stunden Eventtheater sind nicht viel für die faustischen Erdentage, deren Spur bekanntlich in Äonen nicht untergeht. Und also steckt Enrico Lübbe den Protagonisten in Siebenmeilenstiefel. Taumelnd auf einer riesigen Drehscheibe zu düsteren Atmosphären trifft der Faust von Wenzel Banneyer bereits im Intro binnen weniger Verse auf die Flugübungen des Euphorion (in Kinderstimmen gekleidet), auf die Klagen von Philemon und Baucis, schließlich auf die Allegorien von Mangel, Not, Schuld und eben: die Sorge.
Der starke Akzent auf der Sorge wirkt zunächst sinnfällig, scheint an neueste «Faust»-Deutungen anzuschließen. Im Auftritt der mit Heidegger gesprochen «existenzialen» Sorge manifestiert sich die grundlegend offene Disposition des modernen Menschen. Der lebt nicht mehr in Zyklen oder im Korsett alter Sozialnormen, sondern in einem unstillbaren Begehren nach Gestaltung von Umwelt. Sorgend um sein nie gänzlich erreichbares Wohlergehen. Es ist eine zerstörerische Disposition, wenn sie – wie in der Gretchen-Tragödie – auf die Rudimente alter Sozialordnung stößt, oder wenn sie – wie in der finalen Landgewinnung – die Schranken der Natur austestet. Von dieser Zerstörungskraft, auch von ihr, kündet Lübbes «Faust»-Abend einleitend.
«Faust I», der in hoch fragmentierter und neu gesampelter Form an das Intro anschließt, entpuppt sich dann aber weniger als Modernisierungsstudie denn als suggestive Reise zurück in die abgelöste Ordnung: in die Tiefen der Disziplinargesellschaft, wo Menschen per Beobachtung durch ihre Umwelt sozial eingenordet werden. Lübbe inszeniert «Faust» aus einem Chor heraus, mit Männern in Bürgerfracks, Frauen wie von der katholischen Mädchenschule (glänzend komponiert und einstudiert von Peer Baierlein).
In rhythmischer Wiederkehr singen, deklamieren, ja exerzieren sie den «Osterspaziergang», mischen das Geschnatter der Nachbarschaft über die «gefallenen Mädchen» Bärbelchen, Kathrinchen, Gretchen, die Namen sind Legion, hinein. «Faust»-Verse werden aufs Niveau von Schüler-Merksätzen gestutzt. Mit voller Absicht. Denn Lübbe sucht den Ort der sozialen Zurichtung, eben die Schule. Er lässt die Szene mit Faustens Studierzimmer (mit Wagner und dem wissbegierigen Schüler) oszillieren.
Aus dieser engen Welt aus Lehre und Anstandsdrill wird Gretchen herausgerissen werden. Es ist vor allem ihre Geschichte, die Lübbe in «Faust I» erzählt. Julia Preuß gibt Margarethe leicht maulig, mitunter mit keck schiefen Betonungen, wissend um das klebrige Netz der Tugenderwartungen um sie herum: «Es ist, als hätte niemand nichts zu treiben / Und nichts zu schaffen, / Als auf des Nachbarn Schritt und Tritt zu gaffen.» Das Pathetische delegiert Lübbe an die Raumatmosphären: steil aufragende Drehbühne, Video, Stroboskop, dräuende Sounds.
Aber die Einbußen des originellen dramaturgischen Ansatzes, «Faust» von der Sozialstudie her zu lesen, fallen nicht gering aus. Weil die Nachbarschaftswelt ja selbst schon die Hölle ist, kann Mephisto gleich ganz draußen bleiben. Faust deliriert seinen Pakt im Vorübertaumeln. Vom Wissensdrang, vom zerstörerischen Streben und mithin von der Modernität des Faust ist kaum etwas zu sehen. Banneyer legt ihn als verblichenen Lebemann an, umringt von seinen Erinnyen Sorge, Mangel, Not und Schuld (Thomas Braungardt, Alina-Kathrin Heipe, Denis Petković, Bettina Schmidt). Von des Dichters Denkermelancholie kommt ihm nur ein ermatteter Seufzer über die Lippen: «Hab nun ach …» und weiter nichts. Im Ganzen bleibt «Faust I» eine einseitige, wiewohl reizvolle Skizze.
Was im «Faust»-Marathon folgt, sind lockere Durchwanderungen eines Fußnotenapparats zum Werk: Ein etwas hölzernes dreißigminütiges Puppenspiel mit verdreifachter Goethe-Figur, einem Eckermann und einer Luise von Göchhausen formt einige Goethe-Selbstaussagen zur Feier des Fragmenthaften und thematisch Ausufernden. Eine Lizenz zum Sammelsurium. Mit ihr geht’s auf eine von drei Touren durch den öffentlichen Raum. Für mich gab’s einen charmanten Audio-Walk zu den Grundlagen der Geldtheorie samt Infos über den Leipziger Immobilienmarkt, Start-ups und die Künstlerszene, bevor zwei eigens geladene Hochschuldozenten in der malerischen Handelsbörse 20 Minuten lang die Papiergeldschöpfung des «Faust» erörterten und die Kurve zu den Bitcoins nicht recht kriegten.
Das einstündige Finale im Schauspielhaus mit Extrakten aus «Faust II» setzt noch weitere unverbundene Schlaglichter, lässt Textfetzen über Videoleinwände rieseln, bevor man mit Sorge, Mangel, Not und Schuld zur heimeligen Motivwiederkehr schreitet. Eher suggestive denn gedanklich strenge Parallelen werden gezogen. Die Menge des Osterspaziergangs verschmilzt mit dem freien Volk bei der Landgewinnung. Ein Chor jubiliert im Publikum. Und Faust geht sich verloren. So endet der stark anhebende und stark zerfasernde Abend. «Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.» Die Lehre des Eventmanagers Goethe bestens umgesetzt.
Christian Rakow