Rezensionen 16. November
Foto: Arno Declair
Berlin: Tschechow «Drei Schwestern»
Am 16., 18. und 24. November, 6.,16., 27. Dezember im Deutschen Theater
Wie steht es heute um die sogenannte bürgerliche Mitte, jenen Ort, wo einmal die politischen Mehrheiten zu Hause waren, die sich nun mehr und mehr sozial und kulturell aufteilen und alte Volksparteien wie Hühnerbeine zerrupfen? Das zuverlässige Bühnen-Messinstrument dafür ist in Deutschland seit der Nachkriegszeit Anton Tschechow. Von Rudolf Noelte über Manfred Karge/Matthias Langhoff und Peter Stein bis zu Peter Zadek, Jürgen Gosch oder Simon Stone zieht sich die Perlenschnur der mittelbürgerlichen Gesellschaftsdiagnosen von Tschechow-Interpretationen seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts. Das Spektrum reicht von naturalistisch breit ausgepinselten Verlust- und Melancholie-Landschaften über schrille Farcen, schlimme Sentimentalitäten und düstere Schmerzszenarien unterschiedlicher Ausweglosigkeit bis hin zu Netflix-kompatiblem Soap-Material. Jedes Jahrzehnt findet seinen eigenen Tschechow-Stimmungsindikator.
Am Deutschen Theater setzt Karin Henkel für «Drei Schwestern» ein Schlussbild an den Anfang. Auf der tiefschwarzen Drehbühne kreiselt gegen den Uhrzeigersinn das Haus der drei Generalstöchter herein, bleibt mit dem offenen Innenraum zum Publikum stehen, kippt dann schwer nach rechts, worauf ein blasser Tusenbach mit Schusswunde in der Schläfe krachend durch die Tür hereinfliegt. Er hält den alten Brummkreisel von Irinas 24. Geburtstag im Arm und gerät ansatzlos in einen kleinen Depressionsdialog mit ihrer 75-jährigen Darstellerin Angela Winkler über das Vergessen-Werden aller Zeitgenossen in 100 Jahren. Das elegische Zwiegespräch kommt allerdings wie in einer Endlos-Schleife überlaut vom Band, und die zombiehaften Schauspieler bewegen dazu nur noch ungenau ihre Lippen. Mehr Endspiel geht nicht.
Damit ist eigentlich schon alles gesagt: der mäßig bewegte, absturzbedrohte Stillstand am immer selben Fleck, das Feststecken in einem nichtgelebten Leben aus Wiederholungsschleifen, die tiefe Existenzausweglosigkeit. Was folgt, ist eine knapp zweistündige, so beeindruckend konsequente wie erschreckend beinharte Exekution dieses Regiekonzepts.
Damit sich gar nicht erst atmosphärisch befeuerte komplexe Einfühlungsszenarien entwickeln können, ist Tschechows Figurenpanorama auf acht Kernfiguren zusammengestrichen, die von fünf Schauspieler*innen zum Teil crossgegendert verwaltet werden. Die drei Schwestern mit der unstillbaren Sehnsucht nach Moskau sind fest in männlicher Hand und werden bei Bedarf mal mit, mal ohne puppenhafte Gesichtsmasken vorgeführt. Bernd Moss, Michael Goldberg und Benjamin Lillie übernehmen neben Olga, Mascha und Irina noch die dazugehörigen Geliebten, Ehemänner und Verlobten: Werschinin, Kulygin und Tusenbach. Felix Goeser ist zuständig für Bruder Andrej und seine spätere Gattin, die energisch durchsetzungswillige Natascha; außerdem irrlichtert in einigen Szenen zu Beginn und Ende parallel zu Lillie Angela Winkler als gealterte Irina und performatives Zukunftsdementi für alle jugendlichen Aufbruchswünsche herbei.
Die Zusammenlegungen der Figuren erledigen nicht nur die meisten der ausgesprochen-unausgesprochenen Konflikte, sondern falten alle Liebes- und Lebenskatastrophen sauber in abgeschlossene Einsamkeitsmonaden unterschiedlichen Temperaments zusammen. Die trocken-müde Variante bei Bernd Moss, eher hysterisch-auffahrend Michael Goldberg, dazu jugendlich-elegisch Benjamin Lillie. Felix Goeser sucht mit Glatze, Haarkranz und fett auswattiert die grotesk-komödiantischen Töne. Ihnen allen hat Nina von Mechow ein zusammengestückeltes Zuhause aus improvisiertem Landhausausbau und stehengebliebener 70er-Jahre-Moderne entworfen, über dessen graue Wände Voxi Bärenklau (Licht und Video) gelegentlich unscharfe Schraffur- und Schatten-Projektionen scheinen lässt: verblichen zu Lebzeiten.
Die entsprechend hochkondensierte Textfassung hat fast alles Tschechowsche Dialogmäandern ausgemerzt und konzentriert sich auf die schönsten Vergeblichkeitsstellen aus Zukunftsangst, Gegenwartsverdruss, Sinnverlust und Liebesunmöglichkeit. Von der Stückvorlage bleiben vor allem Merksätze der trostlosen Endlichkeit, wie mit dem Textmarker hervorgehoben. Sie kreisen wie Karin Henkels Inszenierung programmatisch um sich selbst und werden von zumeist tönenden Schauspielern gegen jede Außenwelt konsequent abgeschottet. Man kann solche Gesellschaftsdiagnose als Beschreibung eines Problems lesen – und zugleich das Problem selbst sehen: zirkuläre, in sich abgeschlossene Meinungs- und Gefühlswelten des strengen Unglücks, kompromisslos vorgetragen und luftdicht verpackt. Willkommen in der Schrumpfblase des fröstelnden Mittelstands.
Franz Wille
https://www.deutschestheater.de/programm/a-z/drei_schwestern/