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Rezensionen 2. November

Foto: David Baltzer

München: Yael Ronen «#Genesis / A Starting Point»

Am 05., 12. und 15. November in den Kammerspielen

Im Anfang war enttäuschte Liebe. Ein Gefühl, das mit aller Heftigkeit und explosiven Energie einen wunderbaren Ausgangspunkt für eine Standortbestimmung in transzendenten Fragen abgeben kann. Und so beginnt Yael Ronens jüngstes Werk «#Genesis / A Starting Point», bei dem es um den Urgrund der Schöpfung, vielleicht auch des Schöpferischen gehen soll, zunächst mit einer hoch emotionalen Abrechnung der jüngsten Vergangenheit. Damian Rebgetz, Australoberliner Performance-Paradiesvogel und in den letzten drei Jahren Ensemblemitglied der Kammerspiele, verkündet seinen (längst bekannten) Weggang aus München mit dem Pathos des verschmähten Lovers («you never appreciated my ambiguity») und knüpft damit in sprudelndem Englisch, von Wiebke Puls in knappes Deutsch übersetzt, gleich noch mal an die mediale Erregung um Matthias Lilienthals Nichtverlängerungsentschluss als Intendant an.

Nachdem Puls dem «J‘accuse» des Kollegen ihrerseits ein entschiedenes Plädoyer des Bleibens – «Ich sehe auch die Probleme, aber ich will unbedingt, dass es funktioniert» – entgegengesetzt hat, ist allerdings der Schmerzpunkt des Abends auch schon vorüber. Was folgt, sind verspielte Flapsigkeiten über Vater- und Gotteskomplexe, ein Screwball-Dialog zur Frage, ob Gott selbst gläubig ist oder womöglich Atheist, weil er ja an sich selbst nicht glauben muss, mit der Quintessenz, dass sich keiner der Beteiligten in letzter Zeit ernsthafte Sorgen um seine persönliche Beziehung zum alttestamentarischen Schöpfergott gemacht hat. Und so bleibt auch Yael Ronens bewährtes Konzept, die Biografien ihrer Schauspieler zum Ausgangspunkt ihrer thematisch-theatralischen Recherche zu machen, hier zunächst eher vage.

Wenn sich schließlich zu den Anfangsfanfaren von Mahlers 5. Symphonie der Eiserne Vorhang hebt und den Blick freigibt auf eine dramatisch vernebelte, traumschön um sich selbst rotierende Drehscheibe, über der sich langsam wie eine Pupille eine zweite verspiegelte Scheibe in die Vertikale aufklappt, dann liegen in Wolfgang Menardis Bühne vor allem die Lust und das Versprechen, das Theater selbst als Ort des Schöpferischen zu inszenieren. Wer darin den zentralen göttlichen Part übernimmt, der sympathisch-phlegmatische Samouil Stoyanow, der die Rolle des Alleinerziehenden eher psychologisch-depressiv anlegt, Zeynep Bozbay als rotzig-sinnliche Fruchtbarkeitsgöre Lilith, die von einem verklemmten Monotheismus nachträglich aus dem Film geschnitten wurde, Daniel Lommatzsch als akrobatisch onanierende Satansschlange oder Jeff Wilbusch als zotteliger Urmensch Kain mit Paradies-Migrationshintergrund, das erscheint da fast schon zweitrangig und bringt jenseits der von Amit Epstein opulent kostümierten Familienaufstellung nur wenig tiefer gehendes Reflexionsmaterial.

Intensiver wird es nochmal gegen Ende, wenn Wilbusch und Wiebke Puls sich aus gereifter Erwachsenenperspektive an ihre Kindheit mit streng-religiösen Vätern – ultra-orthodoxer Rabbi der eine und evangelischer Pfarrer der andere – erinnern. Dabei wird deutlich, dass die Frage nach Gott hier mehr der Suche nach einem von väterlichem Vertrauen abgeleiteten und geprägten Selbstbild gleichkommt, vor deren neurotischen Spätfolgen am besten eine gesunde säkulare Emanzipation schützt.

So verschwindet denn auch Michelangelos berühmter Zeigefinger-Greis aus der Sixtinischen Kapelle allmählich in einem in die Pupille projizierten Strudel (Video: Stefano die Buduo), um dort zu den Klängen von «Knockin‘ on heaven’s door »und ganz im Geiste von #MeToo und #MeTwo durch eine schwarze barbusige Muttergöttin abgelöst zu werden. Ob die neuen Mythen, die künftig allen Enttäuschungen vorbeugen sollen, so einfach zu haben sind, erscheint durchaus bezweifelbar.

Silvia Stammen

https://www.muenchner-kammerspiele.de/inszenierung/genesis