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Rezensionen 2. November

Dresden: Forsythe, Godani «N.N.N.N.», «Echoes from a restless soul», «From now on»

Bis 5. November im Europäischen Zentrum der Künste Hellerau

Jacopo Godani hat Erfolg. Seine Dresden Frankfurt Dance Company tourt ganz gut und zieht Publikum an. Sein neues Programm, das in Frankfurt im Bockenheimer Depot Premiere feierte, weckt die «Echoes from a Restless Soul» von 2016 wieder auf, zeigt ein nagelneues «From now on» und schiebt «N.N.N.N.» von William Forsythe dazwischen. Als Godani 2015 die ehemalige Forsythe Company übernahm, waren Forsythe-Neueinstudierungen Teil des Programmversprechens. 

Diese vier Ns meinen jeden oder niemanden und machen Freude beim Wiedersehen; nur könnten die drei Tänzer und eine Tänzerin die Kontraste zwischen «Lose» und «Gespannt» noch deutlicher machen. Denn das Quartett ist eine Lektion über Schwingmechanik: Ein Körperteil wird losgelassen und der Schwerkraft ausgeliefert oder selbst geworfen oder angestupst. Das hochgezogene Knie stößt den Ellbogen über ihm an. Eine Hand hält die andere am Gelenk und lässt sie fallen. Die fliegenden Hände landen auf Schultern, Köpfen, Händen. Der Witz an «N.N.N.N.» sind die Landungen auf fremdem Terrain: die Hand auf dem Kopf des Nächsten, auf Kollegenschulter, am Nachbarbauch. Wie sich das wohl anfühlt? Ein fröhliches Experiment mit Wahrnehmung, ein ernstes über Eins- und Anderssein.

Godanis «Echos einer rastlosen Seele» hören auf live gespielte Ravel-Klaviermusik aus «Ondine» und «Gaspard de la nuit», ein Perlen und Wogen mit Pedalhall. Erst ein Mann-Frau-Paar, dann zwei, dann wieder eins. Immerzu hält der Mann die sich ständig verzwirbelnde, windende, knickende und zwanghaft die Beine auf- und hochspreizende Frau auf Spitze – gemeint ist wohl eine Art Flüssigsein. Er hebt, dreht, schiebt sie auf vielerlei Art, aber nie grob. Sie schubst ihn nur einmal oder wirft ihr Bein über ihn und hängt dann schon wieder ihre Achseln auf seine Armbeugenhaken und lässt ihn machen. Er macht. Warum? Das Herzzerreißende des romantischen Undine-Märchens kommt nicht durch. Sondern nur: Mann hantiert mit kleiner, superflexibler Frau. 

«From now on» scheint die Frauen-- oder Tanzfrage anders anfassen zu wollen: mit wenig Anfassen. Die vier Tänzerinnen (neben drei Kollegen) tragen knallige Farben und glitzern. Shownixen. Zum Jaulen von E-Gitarre und energischem Streicherschrummen des Kronos-Quartetts mit «Physical Property» von Steven Mackey machen die sieben auf Formationen, Reihen, Teilgrüppchen, unisono oder getrennt, sie hinken und hüpfen auch mal, zappeln, trippeln, wirbeln, wedeln, sitzen, liegen. Einmal halten die Frauen irgendwie drohend ihre Gesichter vorn an der Bühnenkante ins Licht. Aber sie müssen dafür auf den Boden.

Melanie Suchy

https://www.hellerau.org/de/event/dresden-frankfurt-dance-company/