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Rezensionen 2. November

Foto: Stephan Walzl

Oldenburg: Wagner «Siegfried»

Am 4. November im Großen Haus

Es bleibt spannend im Oldenburger Alpen-«Ring». Auch im dritten Teil von Wagners Tetralogie bewiesen Regisseur Paul Esterhazy und sein für die technisch hochprofessionell entworfene Drehbühne mit ihren zahlreichen ineinander verschachtelten Räumen zuständiger Bühnen- und Kostümbildner Mathis Neidhardt, dass ihnen die Ideen nicht ausgehen. Und wieder war man erstaunt, mit welcher Folgerichtigkeit es ihnen gelungen ist, das gewaltige mythologische Geschehen um Walhalls Niedergang und Wotans Abstieg deckungsgleich auf den Mikrokosmos eines abgeschiedenen Schweizer Bergdorfs zu übertragen und trotz der ganz anderen Positionierung der Handlung die elementare Wucht und Größe der Probleme zu erhalten.

Das «Ring»-Personal erhält hier seine ganz eigenen Charakteristika: Da ist Wotan, der Großgrundbesitzer, der ehemals das unumschränkte Sagen im Dorfe hatte, inzwischen aber ganz schön abgehalftert ist. Mit Umhängebart verkleidet, zieht er als Wanderer durch die Gegend und versucht, sein Image aufzupolieren. Mime, der an sich pfiffige Dorfschmied, lässt sich von ihm so halbwegs beeindrucken, doch Alberich, der alkoholsüchtige proletarische Emporkömmling, bietet ihm knallhart Paroli, ebenso die Dorfälteste Erda, eine alte Spökenkiekerin, die schon im «Rheingold» den ganzen Schlamassel vorausgesehen hat und die Dinge nurmehr aus der Distanz betrachtet.

Und dann ist da vor allem dieser Siegfried, Enkel des Großbauern, auf den der – nach eigenem Machtverlust – all seine Hoffnungen setzt. Ein junger Held oder ein Naivling? Esterhazy holt ihn, wie alle Protagonisten, vom Podest der Unnahbarkeit herunter. Besonders deutlich zu beobachten in Brünnhildes Erweckungsszene, wo uns zwei brünstig füreinander entbrannte junge Menschen vorgeführt werden, die eigentlich nichts anderes im Sinn haben, als (text- und musikgetreu) miteinander ins Bett zu gehen. Ein Moment von hoher erotischer Explosivität – für den g’schamigen Zuschauer fällt gerade noch rechtzeitig der Vorhang.

Zoltán Nyári als Siegfried und Nancy Weißbach als Brünnhilde kosten die hier geforderten stimmlichen Ekstasen voll aus, meistern die anspruchsvollen gesanglichen Anforderungen ihrer Partien mit Bravour. Auch für den Wanderer steht mit Thomas Hall ein hochrangiger Rollenvertreter zur Verfügung, der seine gesangliche Dominanz mit heldischem, dunkel gefärbtem Bariton beglaubigt. Kihun Yoon bringt als Alberich eine mit machtvollem Gestus geführte zweite Wotan-Stimme ins Spiel und lässt damit die Auseinandersetzung mit dem Wanderer im zweiten Akt zu einer hoch brisanten Angelegenheit werden. Timothy Oliver beeindruckt als Mime durch seine plastische Wortgestaltung, Marta Świderska durch die samtene Tiefe ihres Alts. Ill-Hoon Choung ist ein Fafner von einschüchternder Bass-Präsenz, und Sooyeon Lee als Waldvogel, szenisch zu einer Art Mutter-Ersatz für Siegfried aufgewertet, zwitschert munter und akkurat in den höchsten Tönen. Ein Ensemble von einem für ein Haus dieser Größenordnung bewundernswert gleichmäßig hohen Niveau.

Oldenburgs GMD Hendrik Vestmann weiß mit den nicht einfachen akustischen Gegebenheiten des Hauses souverän umzugehen und musiziert mit dem in der Besetzung natürlich reduzierten, aber ungemein präsenten Staatsorchester ebenso durchsichtig, wie er auch den großen Wagner-Ton trifft, ohne knallig zu werden. Das Publikum zeigt mit begeistertem Applaus, dass es weiß, was es an seinem Theater hat.

Gerhart Asche

https://staatstheater.de/programm/spielplan/premieren/oper/siegfried.html