Rezensionen 23. November
Franfurt: Strawinsky «Oedipus Rex», Tschaikowsky «Iolanta»
Am 23., 25. November, 1. Dezember im Opernhaus
Die Choreografin Pina Bausch ist lange nach dem Ende ihrer Karriere als Tänzerin noch zweimal als Schauspielerin aufgetreten: in Boris Blachers Gombrowicz-Oper «Yvonne, Prinzessin von Burgund» als stumme Titelfigur, in Fellinis «Schiff der Träume» als blinde Prinzessin. Die Lautlose kann sich nicht mitteilen; zum Nicht-Sehen-Können gehören die Hilflosigkeit wie das Charisma des «blinden Sehers», aber auch die «Verblendung» des Fanatikers, prototypisch der «Don Carlos»-Großinquisitor: ein Greis und blind.
Dass Stücke über «Blinde» im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert häufig anzutreffen sind, mag mit dem Doppelcharakter des Fortschritts zu tun haben: Gehörte zur Technik der Weitblick, dessen Rationalität romantische Realitätsverweigerung konterkarierte (etwa in Maeterlincks Drama «Die Blinden»), so zur industriellen Dynamik die militärische Massenvernichtung mit ihren unzähligen Kriegsblinden. Wenn die Frankfurter Oper zwei einschlägige russische Opern bündig koppelt, so reflektiert sie weltflüchtiges Fin de Siècle-Kunstmärchen wie neuzeitliche Schreckens-Sachlichkeit. Steht Tschaikowskys letzte Oper «Iolanta» (1892) im Zeichen der Liebes-Erlösungs-Mystik, so dokumentiert Strawinskys «Oedipus Rex» (1927) die nicht nur individuelle Ratlosigkeit der 1920er-Jahre, einschließlich der Sehnsucht nach dem «starken Mann» als ultimativem Problemabräumer. So mythisch das Sujet nach Sophokles und Cocteau daherkommt, es ist keineswegs politikfern oder nicht mehr aktuell.
Die Regisseurin Lydia Steier tat gut daran, auf ein Einheitsdekor für beide Stücke zu verzichten, statt dessen ein pinkfarbenes Puppenheim und ein grau-schwarzes Parlament zu evozieren, in dem ein realpolitisch-opportunistisches Kräftegeschiebe stattfindet, Tribunal für den unglücklichen, schuldig-unschuldigen Ödipus. Die Machtstreber und Militärs positionieren sich, noch kann sich dieser als Aufklärung und Rettung verheißender, bis dahin seriös erfolgreicher Regierungschef behaupten, doch mit der Ahnung seiner Vergehen wächst die Turbulenz – bis zur Selbstblendung. Analogien zur Weimarer Republik, ja zum heutigen Wirrwarr sind unverkennbar. Da bleibt die Darstellung differenziert real.
König Renés Tochter, die blinde Iolanta, wird nicht nur hermetisch in einem penetrant rosafarbenen Kinderparadies abgeschirmt, sondern über ihr Nichtsehen im Dunklen gelassen – auf dass der Vater, nach außen die Kontrolle selbst, sich an ihr vergreifen kann. Eine Kindheilige wird gefeiert, deren Puppenikone weiter unten in Souvenir-Serie verfertigt wird. Reinheit und gierige Übergriffigkeit via Video fügen sich zum edel-guten Geschäft. Schließlich wird die Schöne durch wahre Liebe und die Kunst eines maurischen Arztes sehend, das Happy End naht. Doch Iolanta bleibt verstört, der Vater erschießt sich. Sieht man am Ende von «Oedipus Rex» dessen blutige Augenhöhlen und die erhängte Jokaste als Horror-Memento, so ist der «Iolanta»-Schluss vollends antimärchenhaft: Schädigung durch frühkindlichen Missbrauch ist nicht wiedergutzumachen, hier vermutlich sogar Ursache der Blindheit. Die beiden durchaus konträren Werke wurden überzeugend quasi spiegelbildlich in Szene gesetzt.
«Iolanta» ist ein frappierendes Spätwerk, unerhört kunstvoll in der Faktur, nicht zuletzt der Bläsermischungen, hochexpressiv. «Oedipus Rex» hingegen setzt auf neoklassizistische Oratorien-Objektivierung, gehärtet durch das antikisierende Latein. Zwei polare Ästhetiken also, die Sebastian Weigle orchestral schlüssig voneinander absetzt, herber bei Strawinsky, eloquenter bei Tschaikowsky. Hinzu kam eine suggestive Besetzung. Asmik Grigorian gilt seit ihrer Salzburger Salome als große Hoffnung des lyrisch-dramatischen Operngesangs und der Charakterprofilierung. Als Iolanta verfügt sie stimmlich wie in der Aktion über eine weite Skala vom «kindlich» Introvertiert-Somnambulen bis zum jugendlichen Liebesenergieschub. Robert Pomakov kann für die überväterliche Neigung des Königs, bei gleichzeitig unzweifelhafter Seriosität mit fulminantem Bass eintreten., AJ Glueckert (Vaudémont) steigert seinen Tenor, zumal im großen Duett mit Iolanta, mitreißend in schier veristischem Überschwang.
Peter Marsh ist ein formidabler Oedipus-Darsteller, der den fließenden Übergang von staatsmännischer Souveränität zu katastrophischer Entäußerung auch mit tenoralen Mitteln packend nachzeichnet; Tanja Ariane Baumgartners rotgewandete Jokaste erweist sich als Modellfall markanter Sonorität. Nicht minder eindrucksvoll: Gary Griffiths als Kreon und Andreas Bauer als Teiresias.
Gerhard R. Koch