Rezensionen 23. November
Magdeburg: Gonzalo Galguera «Diva»
Am 24. November im Theater
Gonzalo Galguera glaubt an die Bedeutung von Diven, auch an ihren glamourösen Lifestyle in einer global uniformierten Welt. Mit seiner für klassische Handlungsballette hervorragend aufgestellten Truppe verführt er das hingerissene Magdeburger Pub-likum in acht Szenen, die von zwei raunenden Zwischenspielen unterbrochen werden, zum Nachdenken über das Leben einer Diva. Es ist keine bestimmte der legendären Damen gemeint, selbst wenn Anastasia Gavrilenkova, die mit Leah Allen als körperliche Sehnsuchtsfläche alterniert, auf einem lasziv roten Lippensofa wie Marlene Dietrich zwischen männlichen Verehrern posiert.
Das Symbol auf dem Portalschleier sagt fast alles: In der Regenbogenhaut eines menschlichen Auges rotieren Räderwerke als Zeichen für Verlangen und Projektion – für die Maschinerie, die Diven produziert, die Aufstieg, Zenit, Fall und Vergessen steuert. Galgueras Choreografie ist vor allem Gruppenbild mit Dame und einigen prägnanten Accessoires, ohne Lieben und Leiden. Stille Tableaus wechseln ab mit klar gefassten Ensembleszenen.
Viel Glanz, kein Elend: Nie überschreitet die Choreografie ihre mit diffuser Aura selbstgesetzten Grenzen. Das liegt am dunkel-sehnigen Sounddesign, mit dem Thomas Dudas eigens für diese Uraufführung komponierte Musik das Geschehen wohlig pulsierend umhüllt. Christiane Herchers Bühne bleibt oft leer, bis auf Spiegel – eine hermetische Welt, für Frauen in feinen Roben (von Stephan Stanisic): Charleston-Kleider am Beginn, wenn sich die Eine, Unverwechselbare, Göttliche aus der Gruppe herausschält, am Ende dann Verletzlichkeit, wenn sie sich entkleidet und die Perücke ablegt. Ein riesiger Flakon in Form eines Frauentorsos zeigt die Diva als Marketinginstrument, ein Kunstprodukt mit fließender Identität.
Die Daseinsberechtigung von Männern liegt vor allem darin, die -Diva zu umschwärmen wie Drohnen ihre Bienenkönigin. Eine der bewegungsstärksten Szenen des Abends bestreiten sie allein. Ein Zeremonienmeister, mit Wedelfächer ausstaffiert, kündigt den Generationenwechsel an, den Übergang in die plärrige Karaoke--Welt.
Galguera zeichnet eine Society, die ohne Diva – Objekt der gemeinsamen Begierde – auseinanderbricht. Die siebzig Minuten Spieldauer wechseln zwischen hymnischer Sehnsucht nach dem goldenen Diven-Zeitalter und zögerlichen Ausflügen hinter dessen Kulissen. So steckt dieses Ballett noch tief im 20. Jahrhundert, ist aber: eine Reanimation mit betörenden Mitteln.
Roland H. Dippel