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Rezensionen 23. November

Dresden: nach Heinrich Mann «Der Untertan»

Am 8., 14., 20. Dezember im Staatsschauspiel

«Bier, Junge!», ruft Jannik Hinsch alias Diederich Heßling seinem Gegenspieler, dem liberalen Anwalt Buck entgegen, der eben dem Publikum erklärt, dass Heßling als Untertan «der Typus seiner Zeit» sei. «Hängt!», brüllt es aus der letzten Publikumsreihe zurück. Hinsch und Lukas Rüppel, der als Buck davon träumt, Schauspieler in Berlin zu sein und dafür am liebsten in Heßlings Rolle schlüpfen würde – diese beiden ziehen vorn vor der Rampe zackig ihr Saufduell durch, bevor sie in Richtung letzte Reihe stürmen. Dort sitzt tatsächlich ein Grüppchen Burschenschaftler in Couleur, und zu dritt vollführen sie mit dem «Hängt!»-Rufer ein komisches Ritual aus Trinkversen, Bierglasgeruder und Kampfschlucken. «Der könnte meine Rolle spielen!», schnaubt Hinsch-Heßling mit Blick auf den dritten Mann, der sein Glas in einem Zug geleert hat.

Das (halb?) improvisierte Intermezzo nach der Pause stellt mit einem Schlag eine Realitätsanbindung her, an der Jan-Christoph Gockels Roman-Inszenierung bis dahin etwas mühsam gebastelt hat. Denn so sehr man vielleicht und gerade in Dresden versucht ist, alle Burschenschaftler für rechts zu halten und alle Rechten für ängstliche Kinder, die sich nach autoritären Vaterfiguren sehnen – Heinrich Manns Roman über den prototypischen Unteran im deutschen Kaiserreich am Vorabend des Ersten Weltkriegs lässt sich nicht ohne Weiteres mit den merkelverdrossenen, filterblasengeschürten Wutwählern der Bundesrepublik zur Deckung bringen. Vielleicht springt Gockel deshalb etwas unentschlossen zwischen historischen Zitaten und zeitgeistigen Brechungen, zwischen greller Farce, kritischem Sozialstück und Puppenspiel hin und her.

Gleich zu Anfang, vor dem roten Samtvorhang, begegnet sich Diederich Heßling in doppelter Ausführung. Einmal als pausbäckige Kinderpuppe, geführt von Michael Pietsch – und als junger Erwachsener (Jannik Hinsch), beide im selben braunen (!) Look der vorletzten Jahrhundertwende. Puppe und Schauspieler werden sich das ganze Stück hindurch ergänzen, kommentieren, widersprechen – wobei mal der Mensch, mal sein inneres Kind als Puppe marionettenhaft agieren. Hinter dem Vorhang kreist auf der Drehbühne ein wild collagierter Bungalow (Julia Kurzweg), der – wie Sophie du Vinages Kostüme – Kaiserzeitmotive zitiert. Hier lässt der aus Unsicherheit grausame Diederich während seines Studiums in Berlin die kränkelnde Fotografentochter Agnes sitzen und wird von einer (tapfer gemischtgeschlechtlichen) Verbindung gekeilt, hier erobert er aber auch nach dem Tod des Vaters seinen Platz in der bis dahin nationalliberalen Gesellschaft der fiktiven Kleinstadt Netzig.

Heßlings Ambitionen fallen auf erstaunlich fruchtbaren Boden, denn der Säuglingsheimstifter Buck (Torsten Ranft), sein vom Theater träumender Anwaltssohn, die schließlich eroberte Kurvenbraut Guste Daimchen (Ursula Hobmair), ja selbst der organisierte Arbeiter Fischer (Sven Hönig) sind praktisch zu jedem Deal mit dem Papier-Erben bereit. Nach der Pause ist aus dem furchtsamen Diederich ein stattlicher, selbstherrlicher Patriot geworden, der nicht nur alle unter den Tisch trinkt, sondern sich auch zunehmend mit seinem großen Vorbild, dem Kaiser, identifiziert. In einer delirierenden Filmsequenz, die die Inszenierung beherzt zu sprengen versucht, blendet Gockel von Diederich zu Wilhelm II., zu Hitler, Ulbricht und der D-Mark hinüber, während auf der Bühne der Bungalow kriegsbedingt zusammenstürzt. Übrig bleibt die Diederich-Puppe hoch oben auf einer Art Obelisk, mit stramm ausgestrecktem Arm: Nörgelnde innere Kinder überleben eben jede Katastrophe.

Eva Behrendt    

https://www.staatsschauspiel-dresden.de/spielplan/a-z/der_untertan/