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Rezensionen 16. November

Cottbus: Torsten Händler «Alice in Wonderland»

Am 23. November im Großen Haus

Es gibt Ballettensembles, die gibt’s eigentlich gar nicht. 1997 hat der Brandenburgische Kulturminister Steffen Reiche am Staatstheater Cottbus die Tanzsparte geradezu handstreichartig weggespart. Aber ein paar der Tänzer, als «Edelstatisten» dem Musiktheater zugeordnet, ignorierten einfach ihre Abschaffung und entwickelten sich erst unter Leitung von Michael Apel, dann unter Dirk Neumann zu wahren Überlebenskünstlern. Mal waren es Stücke von Nils Christe, die sie vor dem Vergessen bewahrten, mal Arbeiten von Adriana Mortelliti, Winfried Schneider, Ralf Rossa, Giorgio Madia oder Lode Devos, die das Interesse der Zuschauer in der «ballettlosen» Zeit nicht erlahmen ließen. Vor allem aber waren es zwei Uraufführungen von Torsten Händler, «Die kleine Meerjungfrau» (2007) und «Ein Tag bei Norma» (2008), mit denen die acht ihre ungebrochene Kreativität bekräftigen konnten. 

Ein solcher Einsatz muss honoriert werden, dachte sich wohl Interimsintendant René Serge Mund. Bemüht, das Staatstheater Cottbus aus den negativen Schlagzeilen der letzten Monate herauszuholen, etablierte er das Ballett wieder als Sparte – und das verbliebene Ensemble demonstrierte seine Eigenständigkeit gleich mit einer Kreation, die Lust machen soll und die Geschichte von «Alice im Wunderland» im Sinne ihres Erfinders originell verdreht. «Die Vorstellung ist beendet», heißt es aus dem Off, bevor sie überhaupt begonnen hat. Und die Kreisel, die am Anfang von Alice («als alte Frau») eingesammelt werden: Richtig zum Brummen geraten sie erst am Schluss.

Ballett verkehrt heißt es aber nicht. Auch fällt Alice nicht wie in der gleichnamigen Erzählung von Lewis Carroll in ein tiefes Loch. Bei Torsten Händler verirrt sich die junge Frau vielmehr in einer Bühnenwelt, die nicht weniger verwirrend ist – von -Leonie Mohr und Hannes Hartmann wie ein Papiertheater oder Aufklappbuch gebaut. Da kann es schon mal geschehen, dass sich Thomas Edward Hart raupenhaft aus der Höhe abseilt, die Nebelmaschine in der Hand. Jhonatan Arias Gómez hoppelt und kobolzt über die Bühne, als wär er das weiße Kaninchen höchstpersönlich. Während sich Andrea Simeone eins grinst wie eine Katze, die über alles Körperliche erhaben ist – und sich zum Schluss en travestie in die rotflammende Königin verwandelt: ein geradezu atemberaubender Auftritt, der selbst die Protagonistin für ein paar Augenblicke in den Schatten stellt.

Klassisch geformt und von der unterhaltsamen Musik Steffan Claußners beflügelt, fügt sich in der Choreografie von Torsten Händler eins zum anderen. Und doch lässt sie Raum genug für die pubertäre Verwirrtheit einer Alice, die Venira Welijan (alternierend mit Gemma Pearce) ganz wundersam gestaltet. Sie ist es, die sich vor allem in die Herzen der Zuschauer hineintanzt, und das ist gut so. Schließlich hat das wiedererstandene Ballett noch einiges vor, und da will man sich auf Dauer der Zuneigung seines Publikums sicher sein.

Hartmut Regitz

https://www.staatstheater-cottbus.de/programm/alice-im-wunderland/