Ihre Mutter war Altistin, Ihr Vater Operndirektor, Sie waren also erheblich vorbelastet. Ihre Mutter hat Ihre Stimme ausgebildet. Wie darf man sich das im Alltag vorstellen?
Das ging immer so en passant! Mein Vater hat dramatischen Unterricht gegeben; als ich etwa sechs, sieben Jahre alt war, durfte ich dabei sein, und dann habe ich gesagt: So, und jetzt lass mich auch mal! Ich konnte sämtliche Arien natürlich auswendig und habe sie mit meiner Kinderstimme irgendwie gesungen. Die Opern kannte ich sowieso, schließlich war mein Vater Operndirektor in Aachen. Wir hatten dort eine Loge, in der ich andauernd saß. Und wenn die Oper aus war, habe ich geweint!
Das nennt man wohl frühkindliche Prägung. Konnten Sie trotzdem leicht aufhören mit dem Singen?
Ich habe gesungen, solange meine Mutter lebte. Nachdem sie 1993 gestorben war, habe ich auf der Stelle beschlossen, nur noch meine Verträge zu erfüllen. So bekam ich immer einen schönen Abschiedsabend. Der Nachteil daran war: Ich musste immer gut bei Stimme sein, denn ich konnte diesen letzten Eindruck ja nicht mehr korrigieren.
Wie war der Unterricht bei Ihrer Mutter?
Das Singen war allgegenwärtig. Ich hörte immer, wie man singen muss und wie man nicht singen darf. Ich habe mit meiner Mutter aber nie lapidare Stimmübungen gemacht (singt einige Dreiklänge), sondern immer ganze Arien gesungen. Sie hat – manchmal aus der Ferne rufend – währenddessen erklärt und korrigiert. Tonleitern habe ich höchstens für mich alleine geübt, das musste ich natürlich schon tun.
Blieb Ihre Mutter Ihre einzige Lehrerin?
Ja, sie wohnte ja auch immer bei mir – sehr zum Unglück meiner Ehemänner übrigens (lacht). Nach ihrem Tod habe ich dann meine Abschiedsrunden gedreht. Ich war fast 67, als ich aufgehört habe, nach 50 Jahren! Das genügt! Es war genug Musik! Seit meinen Kindertagen gab es unentwegt Musik, den ganzen Tag.
Das heißt, Sie hören jetzt auch keine Musik?
Überhaupt nicht. Ich liebe die Stille.
Wo liegen denn Ihre anderen Interessen?
Ach, das ist schwierig zu sagen, im Moment lese ich, mit Ausnahme von Gedichten, nicht sehr viel, weil meine Augen nicht mehr so funktionieren, wie ich möchte. Ich habe viel Zeit zum Denken.
Rund um den 90. Geburtstag waren Sie doch sicher sehr gefragt?
Natürlich, ich hatte fast jeden Tag ein Interview. Und ich freue mich, dass man an mich denkt. Aber es ist mir trotzdem lästig, Entschuldigung!
Sie haben bereits mit 18 Jahren den «Fledermaus»-Orlowsky gesungen, waren Sie da schon bühnenreif?
Nein, ich beherrschte die Partie eigentlich überhaupt noch nicht. Aber ich musste damals, kurz nach Kriegsende, für die Familie sorgen. Mein Vater war in der Partei gewesen und durfte deshalb nicht arbeiten, meine Mutter konnte nicht mehr singen, wir waren ausgebombt. Einer musste Geld verdienen, um auf dem schwarzen Markt etwas kaufen zu können. Ich hatte Stimme und Talent, konnte aber eigentlich noch nicht richtig singen. Für jeden halben Ton in der Höhe habe ich ein Jahr gebraucht, bis er sicher war.
Sie waren schon im Engagement?
In Frankfurt, als Anfängerin, habe ich pro Saison 250-mal auf der Bühne gestanden. Da waren natürlich auch winzigste Rollen dabei. Und Spieloper, das war leicht zu singen. So wurde ich langsam sicherer. Damals kam die Neue Musik auf, das habe ich eine Weile auch sehr intensiv betrieben. Denn ich habe schnell gelernt, ich hatte eine schöne Stimme – und vor allem war ich billig! So habe ich damals haufenweise Konzerte mit zeitgenössischen Stücken gesungen, habe Nono gesprochen, solche Sachen.
War es stimmtechnisch nicht schwierig, gleichzeitig Avantgarde und klassisches Repertoire zu singen?
Nein, überhaupt nicht. Entweder man kann’s – oder man kann’s nicht.
Sie haben in einem Interview mit August Everding einmal gesagt, dass die Regie Ihnen zunehmend wichtig wurde. Damals dominierten aber noch die Rampen-Sänger.
Nach dem Krieg kaum noch. Es gab ja keine Opernhäuser mehr. Wir spielten in Frankfurt in der Börse. Dort hatten wir eine winzige Garderobe mit vielleicht zwölf Quadratmetern und spielten auf einer kleinen runden Bühne; die nannten wir die «Kochplatte». Das war ganz karg, es gab ja gar kein Geld für opulente Szenerien. So kam die Moderne zwangsläufig auf!
Sie machten dann sehr bald rasant Karriere ...
Eigentlich nicht, ich war nur sehr jung, als ich anfing, es ging tatsächlich nur langsam aufwärts. Meine ersten Auftritte hatte ich schon mit 17 Jahren, aber das waren «Bunte Abende» in Wirtshäusern. Das erste richtige Engagement erhielt ich mit 18, nach Wien kam ich dann mit 27. Man klettert zehn Jahre, man bleibt zehn Jahre gut oben – und dann muss man mit Anstand und Würde zehn Jahre runtergehen.
Sie behaupteten einmal, Ihre Stimme sei eigentlich sehr limitiert. Aber dann haben Sie doch die Leonore gesungen, vor deren Spitzentönen sich selbst die Soprane fürchten.
Ich liebe es, Hindernisse zu überwinden. Wenn ich das nicht könnte, dann wäre es nicht mein Leben. Das ist meine Art. Ich will nicht auf Nummer sicher gehen, das mag ich nicht. Ich liebe das Risiko, deswegen habe ich das probiert. Die Leonore wurde mir aber angetragen. Das Schöne war, dass ich immer aufgefordert wurde. Ich musste nie sagen: Ich möchte gerne diese oder jene Partie singen.
Als Leonard Bernstein Ihnen die Isolde anbot, war die Verlockung offenbar zu groß – Sie haben angenommen ...
Ja, leider, aber meine Stimmbänder waren einfach nicht dafür gemacht. Ich habe die Partie gelernt und auch komplett gesungen. Aber wenn ich sie durchgesungen hatte, musste ich danach zwei, drei, manchmal sogar vier Tage aussetzen.