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Sehnsucht nach Stille

Die legendäre Mezzo-Sopranistin Christa Ludwig über Anfänge und Abschiede

Als Elvira, Dorabella, Carmen, Adalgisa, Octavian oder Marschallin verzauberte Christa Ludwig das Publikum mit einer noblen, sinnlichen, durch Krisen gereiften Mezzostimme, die scheinbar mühelos feinste Ausdrucksnuancen bewältigte. Vor einem Vierteljahrhundert hat sie sich von der Bühne zurückgezogen. Was bleibt?

Frau Ludwig, Ihr Abschied von der Bühne liegt lange zurück, fehlt Ihnen nichts?
Ich habe beherzigt, was meine Mutter gesagt hat: «Bedenke, dein Beruf ist nur Theater.» Ich kann auch ohne Gesang, Oper und Theater leben. Es war sehr schön, dass ein Kritiker damals geschrieben hat: «Warum hört sie auf?» Das ist doch viel besser, als wenn es geheißen hätte: «Was, die alte Kuh singt immer noch?»

Ihr Abschiedskonzert im Wiener Musikverein kann man auf YouTube finden. Sogar die Zugabe ist dabei, «Morgen» von Richard Strauss.
Ach, das wusste ich gar nicht. Das ist aber schön! Wissen Sie, ich selbst höre mich eigentlich nicht mehr an – ich weiß ja, wie ich singe. Nur für meine Geburtstags-Matinee, die die Wiener Staatsoper seit nunmehr zwei Dezennien alle fünf Jahre ausrichtet, hatte ich ausnahmsweise Aufnahmen herausgesucht, von denen ich möchte, dass man sie spielt.

Ihre Mutter war Altistin, Ihr Vater Operndirektor, Sie waren also erheblich vorbelastet. Ihre Mutter hat Ihre Stimme ausgebildet. Wie darf man sich das im Alltag vorstellen?
Das ging immer so en passant! Mein Vater hat dramatischen Unterricht gegeben; als ich etwa sechs, sieben Jahre alt war, durfte ich dabei sein, und dann habe ich gesagt: So, und jetzt lass mich auch mal! Ich konnte sämtliche Arien natürlich auswendig und habe sie mit meiner Kinderstimme irgendwie gesungen. Die Opern kannte ich sowieso, schließlich war mein Vater Operndirektor in Aachen. Wir hatten dort eine Loge, in der ich andauernd saß. Und wenn die Oper aus war, habe ich geweint!

Das nennt man wohl frühkindliche Prägung. Konnten Sie trotzdem leicht aufhören mit dem Singen?
Ich habe gesungen, solange meine Mutter lebte. Nachdem sie 1993 gestorben war, habe ich auf der Stelle beschlossen, nur noch meine Verträge zu erfüllen. So bekam ich immer einen schönen Abschiedsabend. Der Nachteil daran war: Ich musste immer gut bei Stimme sein, denn ich konnte diesen letzten Eindruck ja nicht mehr korrigieren.

Wie war der Unterricht bei Ihrer Mutter?
Das Singen war allgegenwärtig. Ich hörte immer, wie man singen muss und wie man nicht singen darf. Ich habe mit meiner Mutter aber nie lapidare Stimmübungen gemacht (singt einige Dreiklänge), sondern immer ganze Arien gesungen. Sie hat – manchmal aus der Ferne rufend – währenddessen erklärt und korrigiert. Tonleitern habe ich höchstens für mich alleine geübt, das musste ich natürlich schon tun.

Blieb Ihre Mutter Ihre einzige Lehrerin?
Ja, sie wohnte ja auch immer bei mir – sehr zum Unglück meiner Ehemänner übrigens (lacht). Nach ihrem Tod habe ich dann meine Abschiedsrunden gedreht. Ich war fast 67, als ich aufgehört habe, nach 50 Jahren! Das genügt! Es war genug Musik! Seit meinen Kindertagen gab es unentwegt Musik, den ganzen Tag.

Das heißt, Sie hören jetzt auch keine Musik?
Überhaupt nicht. Ich liebe die Stille.

Wo liegen denn Ihre anderen Interessen?
Ach, das ist schwierig zu sagen, im Moment lese ich, mit Ausnahme von Gedichten, nicht sehr viel, weil meine Augen nicht mehr so funktionieren, wie ich möchte. Ich habe viel Zeit zum Denken.

Rund um den 90. Geburtstag waren Sie doch sicher sehr gefragt?
Natürlich, ich hatte fast jeden Tag ein Interview. Und ich freue mich, dass man an mich denkt. Aber es ist mir trotzdem lästig, Entschuldigung!

Sie haben bereits mit 18 Jahren den «Fledermaus»-Orlowsky gesungen, waren Sie da schon bühnenreif?
Nein, ich beherrschte die Partie eigentlich überhaupt noch nicht. Aber ich musste damals, kurz nach Kriegsende, für die Familie sorgen. Mein Vater war in der Partei gewesen und durfte deshalb nicht arbeiten, meine Mutter konnte nicht mehr singen, wir waren ausgebombt. Einer musste Geld verdienen, um auf dem schwarzen Markt etwas kaufen zu können. Ich hatte Stimme und Talent, konnte aber eigentlich noch nicht richtig singen. Für jeden halben Ton in der Höhe habe ich ein Jahr gebraucht, bis er sicher war.

Sie waren schon im Engagement?
In Frankfurt, als Anfängerin, habe ich pro Saison 250-mal auf der Bühne gestanden. Da waren natürlich auch winzigste Rollen dabei. Und Spieloper, das war leicht zu singen. So wurde ich langsam sicherer. Damals kam die Neue Musik auf, das habe ich eine Weile auch sehr intensiv betrieben. Denn ich habe schnell gelernt, ich hatte eine schöne Stimme – und vor allem war ich billig! So habe ich damals haufenweise Konzerte mit zeitgenössischen Stücken gesungen, habe Nono gesprochen, solche Sachen.

War es stimmtechnisch nicht schwierig, gleichzeitig Avantgarde und klassisches Repertoire zu singen?
Nein, überhaupt nicht. Entweder man kann’s – oder man kann’s nicht.

Sie haben in einem Interview mit August Everding einmal gesagt, dass die Regie Ihnen zunehmend wichtig wurde. Damals dominierten aber noch die Rampen-Sänger.
Nach dem Krieg kaum noch. Es gab ja keine Opernhäuser mehr. Wir spielten in Frankfurt in der Börse. Dort hatten wir eine winzige Garderobe mit vielleicht zwölf Quadratmetern und spielten auf einer kleinen runden Bühne; die nannten wir die «Kochplatte». Das war ganz karg, es gab ja gar kein Geld für opulente Szenerien. So kam die Moderne zwangsläufig auf!

Sie machten dann sehr bald rasant Karriere  ...
Eigentlich nicht, ich war nur sehr jung, als ich anfing, es ging tatsächlich nur langsam aufwärts. Meine ersten Auftritte hatte ich schon mit 17 Jahren, aber das waren «Bunte Abende» in Wirtshäusern. Das erste richtige Engagement erhielt ich mit 18, nach Wien kam ich dann mit 27. Man klettert zehn Jahre, man bleibt zehn Jahre gut oben – und dann muss man mit Anstand und Würde zehn Jahre runtergehen.

Sie behaupteten einmal, Ihre Stimme sei eigentlich sehr limitiert. Aber dann haben Sie doch die Leonore gesungen, vor deren Spitzentönen sich selbst die Soprane fürchten.
Ich liebe es, Hindernisse zu überwinden. Wenn ich das nicht könnte, dann wäre es nicht mein Leben. Das ist meine Art. Ich will nicht auf Nummer sicher gehen, das mag ich nicht. Ich liebe das Risiko, deswegen habe ich das probiert. Die Leonore wurde mir aber angetragen. Das Schöne war, dass ich immer aufgefordert wurde. Ich musste nie sagen: Ich möchte gerne diese oder jene Partie singen.

Als Leonard Bernstein Ihnen die Isolde anbot, war die Verlockung offenbar zu groß – Sie haben angenommen ...
Ja, leider, aber meine Stimmbänder waren einfach nicht dafür gemacht. Ich habe die Partie gelernt und auch komplett gesungen. Aber wenn ich sie durchgesungen hatte, musste ich danach zwei, drei, manchmal sogar vier Tage aussetzen.

Ihr Gesang klang immer mühelos, selbstverständlich. Schwer vorstellbar, dass Sie um die Stimme ringen mussten.
Ich war manchmal jeden Tag beim Hals-Nasen-Ohren-Arzt und wollte wissen, was los ist! Hier in Wien hatte ich einen wunderbaren Experten. Manchmal ist man ja nicht so gut bei Stimme, da wacht man morgens auf wie ein Rabe. In solchen Momenten musste man wissen: Kann ich das am Abend noch singen, wenn ich mich langsam einsinge bis mittags? Mein Doktor wusste genau, was man mit welchen Stimmbändern singen konnte.

Wie viele Partien haben Sie eigentlich wie oft gesungen?
Ich habe sie nie gezählt, das hat mich nicht interessiert. Nur die «Winterreise», mit der ich ganz am Schluss getourt bin, habe ich dokumentiert. Das ist auch der einzige Klavierauszug, den ich behalten habe: 72-mal habe ich den Zyklus gesungen, weltweit.

Legendär und in gewisser Weise unerreicht ist Ihre Kundry in der «Parsifal»-Aufnahme mit Georg Solti. Wie hat er Sie zu diesen urtümlichen Schreien animiert?
Erinnern Sie mich bloß nicht daran! Dabei ist mir damals die erste Kapillare geplatzt: Drei Stunden lang musste ich für den Herrn Solti schreien. Und am nächsten Tag dachte ich: «Na ja, jetzt ist sie hin, die Stimme.»

War das der Beginn Ihrer Stimmkrise?
Ja, und zusätzlich stand die Menopause an; man kann schon im Alter von 35 Jahren Veränderungen an den Stimmbändern sehen. Dann kam die Scheidung von Walter Berry und eine neue Liebe. Es war eine Umbruchzeit. Aber das war im Grunde genommen mein Glück, denn sonst hätte ich unentwegt weitergesungen, auch mit den gefährlichen Ausflügen ins Sopranfach. Dann hätte die Stimme womöglich bald gewackelt und ihre Farben verloren. So aber musste ich alles zurückfahren, pausieren und vorsichtig sein.

Ist Ihnen das nicht schwergefallen, auf dem Höhepunkt der Karriere auf die Bremse zu treten?
Man macht die Karriere mit dem Kopf und nicht mit der Stimme. Man muss wissen, was man zu welcher Zeit singen kann. Und wenn man das nicht mehr kann, dann lässt man’s besser bleiben.

Wurden Sie nervöser durch die Krise?
Ich hatte immer Angst, aber nur vorher, nie auf der Bühne. Die Angst war zu Hause, da wollte ich lieber Putzfrau sein. Nach dem ersten Ton war alles in Ordnung. Manchmal legte sich die Angst sogar schon, wenn ich das Gebäude der Wiener Staatsoper betrat. Ich roch das Haus und dachte: Hier kann ich gut singen. Ich liebte diese Atmosphäre.

Noch einmal zurück zur Leonore: War das Ihre größte Herausforderung?
Vielleicht. Ja. Aber ich musste das tun, denn ich war schon als Kind verliebt in «Fidelio». Der Humanismus rührte mich schon damals zu Tränen, und ich habe mir immer gesagt: «Einmal Fidelio singen, und dann sterben!» Ja, und dann hat sich der Traum erfüllt.

Im Radio erkennt man Ihre Stimme nach wenigen Tönen. Das Gleiche gilt für Brigitte Fass­baender und die meisten großen Stimmen dieser Zeit wie Edith Mathis, Gundula Janowitz, Hermann Prey und viele mehr. Stimmt der Eindruck, dass die Stimmen damals charakteristischer klangen als heute?
Ja, aber wissen Sie auch, warum? Man konnte uns an unseren Fehlern erkennen! Heute haben alle erfolgreichen Sängerinnen und Sänger die gleiche, mehr oder weniger perfekte Technik, aber eben dadurch kann man den einen Sopran nicht mehr vom anderen unterscheiden. Die Charakteristik fehlt, aber die Charakteristik kann eben auch ein Fehler sein. Elisabeth Schwarzkopf hat immer zu manieriert gesungen, Maria Callas hatte ihren scharfen wobble. Dietrich Fischer-Dieskau sang immer die ersten Töne ganz gerade und steif, das war auch manieriert. Und Hermann Prey war immer ein bisschen zu tief. Aber man hat sie trotzdem geliebt –  weil sie diese schönen Stimmen hatten.

Konnten Sie eigentlich die Technik vergessen auf der Bühne?
Meine Mutter gab mir immer den Rat: Lass es singen. Und darum geht’s – um dieses «Es»: dass man sich neben sich selbst stellen kann und nur den Text interpretiert. Das ist eigentlich ein bisschen wie in Trance. Aber dafür muss man die Technik natürlich total beherrschen.

Bei YouTube gibt es noch eine weitere Rarität zu bestaunen: Im vergangenen Jahr sind Sie nämlich doch noch einmal aufgetreten, und zwar mit dem Monolog der Marschallin – allerdings  gesprochen und begleitet einzig von dem Geiger Yury Revich. Wie kam es dazu?
Das war im «Theater im Salon» von Maresa Hörbiger. Mit diesem Monolog lebe ich ja täglich. Meinen ersten Octavian habe ich mit 21 probiert. Meine Mutter schenkte mir damals einen antiquarischen, zerfledderten Auszug und schrieb da hinein: «Jetzt für den Octavian und später für die Marschallin.» Aber ich hätte nie daran gedacht, die Marschallin zu singen. Bis Leonard Bernstein mich in New York mit den Worten begrüßte: «Da kommt ja meine Marschallin.» Aber das war auch eine Grenzpartie für mich, vor allem der Anfang des Terzetts. Für den Monolog braucht man Mittellage, aber das Terzett! Das war ein Angst­moment, bis Horst Stein mir vorschlug: «Christa, probier doch mal, ob du nicht mit dem Rücken zum Publikum anfangen kannst.» Das war toll, denn so war mein piano auch wirklich leise genug.

Als Sie den Monolog sprachen, stand da die musikalische Erinnerung im Weg?
Gar nicht. Mit gefällt das sehr, gesprochen ist es weniger larmoyant! (zitiert) «Aber wie kann das wirklich sein, dass ich die kleine Resi war und dass ich auch einmal die alte Frau sein werd’!... Die alte Frau, die alte Marschallin!»

Und wie geht Christa Ludwig selbst mit dem Alter um?
Na ja, man guckt sich jeden Morgen im Spiegel an ... Ich mache mir nichts daraus, aber es ärgert mich trotzdem. Also ganz ehrlich: Mir wär’s wurscht, wenn es vorbei ist, aber dieses Jahr muss ich noch durchhalten. Ich will ja schließlich mit meinen Kindern noch Ferien in Südfrankreich machen.

Das Gespräch führte Regine Müller