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Tanz-Rezension #3

Leipzig

Leipzig: Tschaikowsky/Dury „Der Nussknacker“

Wieder am 18., 19. November, 1., 5., 6., 18., 19., 20., 23., 25. Dezember 2017 im Opernhaus 

Alle Jahre wieder kommt Tschaikowskys Klassiker auf die Bühnen. Nicht nur zur Weihnachtszeit möchte man die Nuss knacken. Doch wie soll man auf der Ballettbühne das Immergrün des Tannenbaums zum Verschwinden bringen? Wie einen Klimawandel begründen, der im Frühjahr oder Herbst die Schneeflocken walzerselig tanzen lässt? Peter Tschaikowsky hat dafür die Musik geschrieben, und die lässt sich allenfalls umdeuten, nicht aber ignorieren.

„Der Nussknacker“ an der Oper Leipzig wurde von Jean-Philippe Dury choreografiert, einem ehemaligen Gruppentänzer der Pariser Opéra, der seit 2013 in Madrid die Kompanie Elephant in the Black Box leitet. Er leuchtet schon während der Ouvertüre seine Protagonisten aus dem Dunkel ihrer Vergangenheit heraus: die kleine Clara, in einem Lehnstuhl sitzend; der Mausekönig, der unter seiner metallischen Maske mehr einer Ratte aus einem Cosmic-Comic ähnelt. Dann der Nussknacker, die Eltern. Standfiguren, die noch etwas Spielzeughaftes haben. Damit hat es sich aber bald. Im ersten Akt ist die Weihnachtsparty in vollem Gange, und wenn die Bühne von Yoko Seyama schon keine deutsche Behaglichkeit signalisiert, löst der elektrische Weihnachtsbaum, der wie auf Knopfdruck entflammt, bei den Gästen hellstes Entzücken aus. Die Szene hat ganz offensichtlich etwas von einer Vorstellung, in der Drosselmeier sich wie ein Maître de plaisir aufführt. Seine drei Puppen könnten geradewegs einem „Petruschka“-Ballett entstammen. Noch haben die kindlichen Auseinandersetzungen etwas Spielerisches. Aber im wirklichen Leben könnte daraus eines Tages unversehens ein Geschlechterkonflikt erwachsen. Konsequent läuft in Claras Traum alles auf eine Konfrontation hinaus: Auf der Seite der Soldaten finden sich die Mädchen. Alle Mäuse hat Dury mit Jungs besetzt.

Insbesondere die Verwandlung des Gewöhnlichen ins Fantastische gelingt Dury grandios. Kaum dass Clara in den Schlaf sinkt, wächst der Weihnachtsbaum. Der Raum weitet sich ins Unendliche. Der Lehnstuhl erscheint auf einmal riesengroß, und Clara wirkt wie ausgetauscht. Nicht mehr ganz Kind, noch nicht ganz Frau, konkretisieren sich ihre Gefühle in Gestalt eines Prinzen. Hin- und hergerissen, tanzt Madoka Ishikawa mit David Iglesias Gonzalez so hingebungsvoll, als wäre ihr Gegenüber Drosselmeier und zugleich dessen Neffe.

Man kann den zweiten Akt als Ausdruck ihrer sexuellen Sehnsüchte wie ihrer Ängste deuten. Wirklich sichtbar wird diese Ambivalenz nicht, selbst wenn Aleksandar Noshpal für Claras Projektionen eine faszinierende Farbigkeit findet. Jedes Erwachen hat etwas Ernüchterndes, das ist auch in Leipzig nicht anders – da kann das erträumte Paar noch so lange aus der Ferne grüßen.

Hartmut Regitz

Der vollständige Überblick zu aktuellen „Nussknacker"-Produktionen erschien in tanz 12/2016

http://www.oper-leipzig.de/de/programm/der-nussknacker/62873