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Tanz-Rezension #4

Darmstadt / Wiesbaden

Darmstadt, Wiesbaden: Tim Plegge „Eine Winterreise"

Am 30. November, 2., 29. Dezember im Staatstheater Wiesbaden, Großes Haus; am 8., 16., 22., 25. Dezember im Staatstheater Darmstadt

Tim Plegge, Ballettdirektor des Hessischen Staatsballetts in Wiesbaden und Darmstadt, stemmt seit seinem Amtsantritt 2014 jährlich ein Erzählballett: „Aschenputtel", „Kaspar Hauser", „Sommernachtstraum" - jetzt die am wenigsten dramatische „Winterreise" zum Liederzyklus von Franz Schubert mit Texten von Wilhelm Müller. Dazu wählt er Hans Zenders „komponierte Interpretation" von 1993 für Orchester und Tenor. Wie bei „Kaspar Hauser" geht es um Einsamkeit, doch um eine selbstgewählte, erwachsene. Die Figur des Wanderers verkörpert Ramon John, die Tänzerentdeckung des Abends, gemeinsam mit dem Sänger David Zimmer. Während der mal hier, mal da steht, begibt sich der Tänzer in wechselnde Gefühlszustände, etwas bastelbogenartig choreografiert. Ramon John fällt auf. Mit kahlem Kopf und schmalem, superflexiblem Körper lässt er sein Können lässig wie einen Mantel bauschen und flattern.

Großartig der Moment gegen Ende, wenn er nur still dasteht, als sei das ganze, große Tanzgewese davor doch nur für die Katz. Das Leben endet, leiert aus. „Wunderlicher Alter" singt sein Alter Ego. So wird es sein. Platsch, bestraft ihn noch ein kalter Guss aus dem Bühnenhimmel, als hätte die Technik kein textgemäßes Schneegestöber auf Lager gehabt. Eigentlich handelt es sich bei der Feuchtattacke um einen Wasserrohrbruch, denn diese „Winterreise" findet im Hotel statt. In einer eher luxuriösen Unbehaustheit, anfällig für Langeweile. In Sebastian Hannaks Bühnenbild wird in Sesselchen geschlafen, auf Treppen langsam geschritten, die Galerie oben bleibt meist verwaist, die Küchentür klappt ein einziges Mal auf und zu, eine kleine Tänzerschar huscht rein und raus. Nur die Eingangstür ist irgendwie magisches Terrain: Keiner darf raus.

Gegen – oder für – die Vergänglichkeit arbeitet bei Plegge ein weiterer Einzelgänger: der Portier, der sich zwar gelegentlich ereifert, etwa einer älteren, sich tanzjung wähnenden Dame den Arm reicht oder chaplineske Hüpfer vollführt. Meistens aber ist ihm, Hände in den Taschen, alles egal. Mit ihm teilt der Wanderer Ramon John später ein stilles Einverständnis, das sich in einem locker eingehakten Duett zeigt. Manchmal interpretiert die Inszenierung also Text und Musik, zuweilen illustriert sie – so mit Händen auf der Brust das romantisch betextete „Herz", mit einem herumgereichten Papier den Brief, den die „Post" bringt. Das von Zender komponierte Klappern von Bögen auf Geigenseiten wird später vom Zitteranfall eines Tänzers aufgenommen – „Zittr' ich, was ich zittern kann". Schöne Momente und einiger Leerlauf.

Melany Suchy

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