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Schauspiel-Rezensionen #3

München, Wien

München: nach Shakespeare „Juliet und Romeo“

Wieder am 19., 20., 21. November, 07., 08., 10. Dezember Regie/Choreographie Trajal Harrell, an den Kammerspielen

Darf ein schwarzer Mann mittleren Alters an einem deutschen Stadttheater eine weiße Frau, beispielsweise die Amme in Shakespeares „Romeo und Julia“, spielen? Ausdrücklich verneinen würde das niemand, aber in der Praxis erscheint eine solche Besetzung dennoch fast ausgeschlossen. Schaut man jedoch dem New Yorker Tänzer und Choreografen Trajal Harrell dabei zu, wie er sich jüngst auf der Bühne der Kammer 2 im langen dunklen Kleid mit kleinen Wiegeschritten in den Schmerz der Erinnerung einspinnt, nur durch die sanfte Intensität seiner Bewegungen eine Inkarnation von Trauer weit jenseits von Geschlechter- oder Rassenschranken kreiert, dann erscheint diese Frage nachgerade absurd, und die Antwort lautet, natürlich, na klar, warum denn nicht?

 Andererseits ist Harrells Shakespeare-Transformation „Juliet & Romeo“ als neue Repertoireproduktion der Münchner Kammerspiele in mancher Hinsicht schon eine Herausforderung für Sehgewohnheiten und Körperbilder. In seinen weltweit in Theatern wie Museen gefeierten Performances kondensiert Harrell Elemente der afroamerikanischen Clubkultur wie das Voguing, eine Art hyperindividualistisches Schaulaufen, das sich zu Beginn der 1980er in Harlemer Ballrooms entwickelte, mit Butoh-Elementen zu einer emotional aufgeladenen Bewegungssprache. Zusammen mit acht jungen männlichen Akteuren (nicht alle sind weiß, manche Tänzer, manche Schauspieler) hat er nun Shakespeares Drama in einen emphatisch-narzisstischen Totentanz verwandelt. Dabei geht es weniger um Jugendliebe und Familienkonflikte als um Selbstbehauptung, Stil und darum, auch im Spiel des Sterbens noch schön zu sein. Mitunter wirkt das sehr selbstverliebt, aber in der Lust an der puren (Bühnen-)Präsenz im Angesicht des offenen Grabes auch fragil und radikal zugleich.

Androgyne Laufsteg-Geschöpfe in queer kombinierten Kostümteilen, Netzstrümpfen und geblümten Tights stolzieren auf Zehenspitzen, hüftschwingend und sich gegenseitig kaum eines Blickes würdigend um zwei abgesenkte, von innen beleuchtete Grüfte, finden sich zu eingeschworenen und zugleich apathischen Gruppenformationen zusammen, das Ganze getragen von einer exquisit heterogenen Musikauswahl von Barock über Jayce Clayton bis Latin Pop. Von der Geschichte bleiben nur Schlüsselmotive, Figuren werden weitergereicht wie Jacketts mit dem Rückenaufdruck „Romeo“ und „Tybalt“ oder anprobiert wie Mädchenkleider. Mode, Accessoires und Allüre treten an die Stelle von Rolle und Erzählung, eine intensive Feier des Diversen, die die Grenzen der Repräsentation sprengt, indem sie jenseits von Figurenbildern hybride Wesenheiten erschafft, Männliches und Weibliches, Leben und Tod ineinander verschwimmen lässt.

Partner in diesem Liebesspiel der Posen und Blicke sind nicht so sehr die Spieler untereinander, sondern die multiplen (Selbst)Darstellerpersönlichkeiten und das Publikum mit Harrall selbst als subtil dirigierendem Kuppler. Mitunter balanciert die Konstellation auf schmalem Grat zwischen Tragik und latenter Komik, wenn sieben Julias im Wettstreit mit schmerzverzerrten Gesichtern ihren Selbstmord zelebrieren oder ein verlassener Romeo minutenlang ins Dunkel des Zuschauerraums starrt. Wie beim Voguing, wenn die notorisch diskriminierte Minderheit schwarzer Homosexueller die Rollenmuster der weißen Mittelschicht mit Coolness und Charisma kopiert und in eine überhöhte Form von „realness“ überführt, erscheint Identität hier als aufregend offener, unaufhörlich neu zu verhandelnder Prozess zwischen gesellschaftlicher Zuschreibung und individueller Aneignung und Präsentation.

Silvia Stammen

https://www.muenchner-kammerspiele.de/inszenierung/juliet-and-romeo

↓ Rezension 2

Wien: Clemens Setz „Vereinte Nationen“

Die Studiobühne des Volkstheaters zeigt die Inszenierung von Holle Münster (Prinzip Gonzo) am 30. November und am 04., 06. und 18. Dezember

Das erste abendfüllende Theaterstück des Grazer Romanciers Clemens J. Setz sieht einfacher aus, als es ist. Auf den ersten Blick haben wir es bei „Vereinte Nationen“ (Stückabdruck in TH 4/17) mit einem well-made Play zu tun: realistisches Setting, klar definierte Figuren, saubere Dialoge. Die Handlung wiederum lässt auf ein medienkritisches Zeitstück schließen: Ein junges Paar filmt die autoritären Erziehungsmaßnahmen, mit denen es seine siebenjährige Tochter malträtiert, und verkauft die Filme im Internet. 

Tatsächlich aber ist das Stück komplexer und auch komplizierter. Inhaltlich ist gar nicht so klar, worum es eigentlich geht: Um die Auswüchse von öffentlich gemachtem Privatleben? Um überforderte Eltern und schwarze Pädagogik? Oder doch um Graubereiche der Kinderpornografie? Mit sardonischem Humor treibt der Autor ein böses Spiel mit Tabus und Klischees, eindeutige Botschaften verweigert er bewusst. Dazu kommt, dass „Vereinte Nationen“ nicht wirklich well-made ist, zum Beispiel gibt es keinen richtigen Schluss. Man kann das Stück jedenfalls nicht einfach so vom Blatt spielen, das hat schon die Mannheimer Uraufführung unfreiwillig deutlich gemacht. 

Ob eine Inszenierung von „Vereinte Nationen“ gelingen kann, entscheidet sich bereits in den ersten Minuten. Das Stück beginnt nämlich mit der härtesten Szene: Der Vater zwingt das Kind – als Strafe dafür, dass es angeblich mit Essen geworfen hat –, ein offenbar ziemlich ungenießbares Gericht aufzuessen. Nimmt man die Szene ernst, müsste sie so grausam sein, dass es kaum auszuhalten ist; wenn man will, könnte sie aber auch ziemlich komisch sein. 

Wenn das Publikum im Volx/Margareten, der Studiobühne des Wiener Volkstheaters, eingelassen wird, ist das in bunt gemusterte Adidas-Anzüge gekleidete Ensemble – Studentinnen und Studenten des Max Reinhardt Seminars – schon beim Aufwärmen; unter anderem übt man sich im Boxen und Ohrfeigen. Dann die erste Szene: Martina (Nélida Martinez) stopft sich mit einem XL-Löffel den Mund mit roter Grütze so voll, dass sie nicht sprechen kann. Irgendwann spuckt sie die Grütze aus, worauf der Vater (Philipp Auer) sie mit dem Löffel vom Bühnenboden kratzt und der zunehmend verzweifelten Tochter wieder in den Mund schiebt. 

Spätestens jetzt kippt die Atmosphäre vom Grotesken ins Unangenehme; sowohl die Absurdität als auch die Grausamkeit der Szene kommen so zur Geltung. Während die Tochter bei Setz im Verlauf der Handlung etwas verloren geht, ist sie im Volx das Zentrum der Inszenierung. Regisseurin Holle Münster (vom Kollektiv Prinzip Gonzo) erzählt das ganze Stück aus der Perspektive von Martina, die sich offenbar alte Familienvideos ansieht – und zwar ohne dass dafür Videotechnik benötigt wird. Sie unterbricht die Handlung mit Kommandos wie „Play!“, „Stop!“ oder „Rewind!“, sie gibt den Mitspielern Stichwörter, manchmal synchronisiert sie sie auch, weil sie die Texte ohnedies schon auswendig kann. 

Außerdem legt Münster der Tochter Zwischentexte in den Mund, die aus Setz’ erstem Roman „Söhne und Planeten“ stammen. „Meine Kindheit war ein Treppenhaus aus Ritualen“, sagt Martina. Oder: „Nichts kann für ein Kind erklärungsbedürftiger sein als das Verhalten seiner Eltern.“ Das kann man nachvollziehen. 

Der Kunstgriff – wir sehen ja nur Erinnerungsfetzen – ermöglicht auch beherzte Striche. Das Beziehungsgeplänkel zwischen Anton und seiner Frau Karin (Clara Schulze-Wegener) etwa, das nicht zu den Stärken des Textes zählt, findet kaum statt. Manches wiederum bekommt durch den Perspektivwechsel eine andere Gewichtung: Oskar (Anton Widauer) und dessen Freundin Jessica (Emilia Rupperti) sind hier kein fieses Dealerpärchen, sondern einfach nur Freunde der Eltern, was aus Sicht der Tochter ja seine Logik hat. 

Die billigen Dschungel-Kulissen des Bühnenbilds (Thea Hoffmann-Axthelm) erinnern an eine Kindertheater-Deko, verweisen aber auch ganz allgemein darauf, dass hier eben kein realistisches Drama aufgeführt wird: die Bühne als Spielplatz, Biografie ein Spiel. Das Stück wird dadurch aber nicht verharmlost, eher im Gegenteil. In dieser Aufführung, die sich relativ viele Freiheiten nimmt, kommt der offene, doppelbödige, spielerische Charakter von „Vereinte Nationen“ deutlich besser zur Geltung als in den werktreuen Versionen. Das spricht nicht gegen das Stück, aber für diese Inszenierung. 

Wolfgang Kralicek

http://www.volkstheater.at/stueck/vereinte-nationen