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Schauspiel-Rezension #4

Stuttgart

Stuttgart: Goethe „Faust“ mit Texten aus Elfriede Jelineks „FaustIn and out“

Unter der Regie von Stephan Kimmig im Schauspielhaus am 25. November, 07., 20., 22., 29. Dezember 2017 und am 07., 11., 13., 26. Januar 2018

Das Dilemma der jungen Frau: Sie gäb was drum, wenn sie nur wüsst, wer dieser Herr gewesen ist. Auch wenn ihr dieses Gefühl gar nicht passt. Weil es ihr peinlich ist. Weil es unzeitgemäß ist. Weil es in einem Anbaggern wurzelt, das sie gerade noch vehement abgewiesen hat. Aus ihrem höhnischen „Wär sonst auch nicht so keck gewesen“ beispielsweise klingt nicht nur Wut über den übergriffigen Faust, sondern auch Wut darüber, auf diesen Kerl wütend sein zu müssen. 

In mehreren Varianten spricht Lea Ruckpaul als Gretchen die bekannte Passage nach der ersten Begegnung mit Faust: Zum einen zeigt sie Gretchen als junge Frau, die sich ihr Weltbild noch formt und Haltungen ausprobiert, zum anderen spiegelt sie den Formungsdruck von außen durch soziale Normen. Vor allem dank solcher Momente gelingt es Stephan Kimmigs Inszenierung, aus Goethes „Faust“ mit einem nur vierköpfigen Ensemble (plus Livemusiker Malakoff Kowalski) einen überraschenden Theaterabend zu machen. 

Wenn auch mit Anlaufschwierigkeiten: Von der ersten Hälfte, der so genannten Gelehrtentragödie, scheint die Regie eher genervt. Alles bis zum Osterspaziergang wird von Paul Grill und Elmar Roloff als jung-altes Faust-Doppelpack in einer Reader's-Digest-Version schnell durchgehechelt – allenfalls die Deutsch-Leistungskurse im Publikum, die in Baden-Württemberg in diesem Jahr flächendeckend mit „Faust“-Inszenierungen versorgt werden, dürften da mehr mitbekommen, als dass hier jemand mit seinem Leben unzufrieden ist und irgendwas von Geistern faselt. 

Auch ob die ikonisch überdimensional präsentierten Gegenstände im weißen Kubus (Bühne: Katja Haß), wo unter anderem ein riesiges Handy, ein Lippenstift und ein Goldbarren zu sehen sind, für Lebensüberdruss durch Überkonsum stehen oder nur cool aussehen sollen, bleibt offen. Und selbst die anfängliche Wette scheint Kimmig nur insofern zu interessieren, als Gott und Mephisto sich zu Beginn unterhalten wie zwei Vorstandsvorsitzende, die beschließen, sich mit einem Untergebenen einen Scherz zu erlauben.

Der Witz an der Szene ist allerdings, dass diese Oberchefs weiblich sind: Lea Ruckpaul in Weiß gibt Gott, Sandra Gerling trägt als Mephisto natürlich Schwarz – eine Farbe, die im Lauf des Abends auf die zunächst ebenfalls weißgekleideten Fausts übergehen wird (Kostüme: Sigi Colpe). Und mit Mephistos Eingreifen in die Handlung beginnen jene Szenen, in denen Kimmig Funken aus dem Text schlägt: Szenen der Annäherung, des Umkreisens und Belauerns, des Verhandelns und des Begehrens. Gerling fährt mit leicht genervtem Blick, Schmollmund und schneidender Kommandostimme das volle Sophie-Rois-Programm – kein Wunder, dass Paul Grills junger Faust ihr verfällt. Allerdings nur, bis er der großartigen Mischung aus schüchterner Vitalität und ruppiger Unsicherheit begegnet, mit der Lea Ruckpaul das Gretchen ausstattet.

Zwar hat sie schon vor der Pause ein paar Auftritte, etwa als strebsamer Schüler und als Opfer-Gretchen aus Elfriede Jelineks Sekundärstück „FaustIn & Out“, das hier ausschnittweise eingestreut wird. Doch so richtig in Fahrt kommt der Abend erst, wenn sie nach der Pause mit blonder Zopfperücke „Personal Jesus“ raunt. Als zunächst ungehemmt entflammter, dann schuldbewusster Verliebter hält Grill eine große emotionale Spannung (nur wenn er allzu sehr an etwas leidet, sieht es aus, als plagten ihn bedauerliche Verstopfungen). 

Ruckpaul ist verliebtes Mädchen, wütende junge Frau, unnachgiebig Nachfragende und vorbehaltlos Vertrauende, und hält all diese Facetten stimmig in einer Figur zusammen. Und Gerling demonstriert derweil, wie man auch im versteinerten Stehen an der Rampe zum Blickfang wird: Mephisto lässt die kurze Phase von Fausts Glück stoisch über sich ergehen und starrt aus bedrohlich dunklen Augen in den Saal.

Vor ausgiebiger Musikuntermalung durch Malakoff Kowalski, der sich mit opulent verzerrter Gitarre durch elegischen Indie-Pop von der Favoritenliste des mittelalten Hipsters arbeitet (Archive, PJ Harvey, etc.), entwickelt sich hier ein Sog, der sich gnädig über Unklarheiten und lose Fäden der Inszenierung legt. Beim Wandel mit bedächtger Schnelle vom Himmel durch die Welt zur Hölle wird zwar (nicht zuletzt in den Jelinek-Passagen) die Frage angerissen, was denn das Böse ist und ob der Mensch dafür einen Teufel braucht. Dann ist die Frage aber auch wieder weg. Genauso schnell wie manche Figur, etwa Gretchens Bruder Valentin, der immerhin als Vertreter des männlich-patriarchalischen Gewaltprinzips, das Elmar Roloff wohl verkörpern soll, noch vorkommt, im Gegensatz zu Frau Marthe, der Hexenküche oder Auerbachs Keller. 

Dafür vibriert die Kerkerszene wieder vor Spannung, und die erst darauf folgende kurze Walpurgisnacht, eingekürzt auf eine Gretchen-Vision von Faust, ersetzt die göttliche Rettung des Originals: Hier wird Gretchen von Mephisto nach draußen begleitet, die beiden mittlerweile in mephistophelisches Schwarz gekleideten Faust-Personae bleiben zurück und sind sich nun selbst genug. 

Paradoxerweise ist Faust gerade als monomanisches Individuum, das die Welt nur für sich gemacht glaubt, gar kein Individuum, sondern ein Archetyp. Man könnte auch sagen: das System. Im Kontrast dazu gewinnt das Gretchen gerade in seiner Vielstimmigkeit individuelle Kraft.

Andreas Jüttner

www.schauspiel-stuttgart.de/spielplan/premieren/faust-1-kimmig