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Schauspiel-Rezensionen #2

Zürich, Bremen

Zürich: Kleist «Der zerbrochne Krug»

Wieder am 13. November, 2., 4., 8., 15., 19., 31. Dezember, Regie Barbara Frey, im Schauspielhaus

#EveToo. Es ist ja das Stück zur Stunde. Ein Mann mit Macht nötigt eine junge Frau zum Sex; die Ähnlichkeiten mit lebenden Personen drängen sich auf und sind leider ganz gewiss nicht zufällig. In nackter Scheußlichkeit windet er sich also auf die Bühne, Markus Scheumanns Adam, und hopst auf seinen Dorfrichter-Drehsessel. Von da grinst er zufrieden herunter und räkelt sich im Bewusstsein der Unantastbarkeit. Blutrot leuchten allerdings die beiden verräterischen Wunden an seinem Kopf, und die Perücke, Symbol für Amt und Würden, ist auch nicht aufzufinden. Gestrauchelt sei er halt, sagt er dem Schreiber Licht, aber auch: Die Sünde sei dem Menschen doch immer schon eingepflanzt.

Kleist schlägt das Thema in der Exposition schon an. «Jeder trägt den Stein zum Anstoß in sich selbst»: Besser als mit diesem Satz könnte man den «Zerbrochnen Krug» gar nicht resümieren. Solche sozusagen aus dem Unbewussten der Figuren vorgebrachten Bemerkungen in Kleists Text machen eine Art bitteren Witz des zweiten Grades aus. Denn selten waren sie so drängend zu hören wie jetzt in Zürich, diese immerfort sich physisch realisierenden Metaphern vom Stolpern und Straucheln, Scheiden und Entscheiden.

Regisseurin Barbara Frey zieht aus ihnen die pessimistischste Statusaufnahme einer heruntergewirtschafteten Condition humaine. Immer mal zitieren die Figuren in Körperhaltung und Ausdruck Kunstwerke des klassischen Kanons, Skulpturen wie Rodins Denker oder Botticellis Venus, alles in einem Chiaroscuro, das an Rembrandts düstere Szenen erinnert. Allein: Diese Bildzitate sind nur hingeworfen. Kaum sind sie erkannt, haben sie sich auch schon wieder aufgelöst. Die großen Vorstellungen, die sich der Mensch einst von sich selbst machte, sein Humanismus, das ideale Menschentum der Renaissance, sie sind in diesem Huisum nicht mehr zu haben.

Darüber kann man lachen. Das ist nun Barbara Freys Sache weniger. Es gibt zwar die Komik der Figurenzeichnung, aber immer bleibt auch ein spröder Anteil. Friederike Wagner zeigt eine Marthe Rull, die sich ein Leben als Saure Gurke eingerichtet hat; man glaubt ihr auf der Stelle (und sie erntet damit viele Lacher), wenn sie darlegt, dass sie schon noch die Zähne weißen könne und wir ja nicht wüssten, wo ihr die Haare wachsen. Aber wenn sie den Krug beschreibt und die zerbrochenen Darstellungen eines Goldenen Zeitalters darauf, beklagt sie eine verlorene Utopie.

Graham F. Valentine in der Rolle der Frau Brigitte – mit erlesen auftoupierter Hennawelle – ist zwar die esoterische Hysterie in Person. Aber vor allem summt er mit seiner Falsettstimme eine berührend brüchige Melodie, eine schottische Paraphrase des Psalms 121: Ich sehne mich nach Schutz, ich habe Angst vor dem Stolpern.

Barbara Frey beobachtet die Figuren und ihre Beziehungen untereinander präzis, vor allem aber weist sie auf die Ambivalenzen hin. Markus Scheumann als Adam wendet sich und windet sich, er holt die spaßigsten Nuancen der Erbärmlichkeit aus diesem Ekelpaket heraus. Aber er ist immer auch nackt und bloß in seinem «Adamskostüm», später unter der dünnen Richterrobe: Der Richter, der über sich selbst richtet, entlarvt sich einerseits als unkultivierte Bestie, aber anderseits eben auch als Inbild der menschlichen Hinfälligkeit.

Bühnenbildnerin Muriel Gerstner hat für die deprimierende Menschheitskomödie ein Mühlen- oder Turbinenrad entworfen, flach auf der Bühne, das sich immerfort dreht und aus seinen schmalen Abteilen Figuren ausspuckt oder wieder wegbefördert.

Barbara Frey streicht folgerichtig das Happy End, mit dem Kleist aus dem Trauerspiel ein Lustspiel gemacht hat. Am Ende haben sich alle blamiert bei dieser Geschichte. Selbst Eve, die den Richter zunächst schützen wollte; auch Ruprecht, der seiner Eve nicht vertraute. Auch Gerichtsrat Walters Aufklärung ist bankrott; Licht ohnedies nur ein karrieristischer Schleimer. Wie ein trauriger Abklatsch klassischer Statuen verteilen sie sich auf die Kompartiments des Mühlenrads. Und dieses mahlt unbeeindruckt fort und fort.

Andreas Klaeui

http://www.schauspielhaus.ch/de/play/951-Der-zerbrochne-Krug

↓ Rezension 2

Bremen: nach Kafka «Amerika»

Wieder am 10-. 19. November, 2., 20. Dezember in der Regie von Alexander Riemenschneider am Theater Bremen

Der Reisende ist müde. Zusammengesunken, stumm, mit leeren großen Augen liegt er auf seinem Überseekoffer, als das Schiff langsam in den Hafen gleitet, und selbst der Blick auf die Freiheitsstatue entlockt ihm kaum ein Staunen. Kein Wun­der: Der Reisende, Karl Rossmann, ist eine Puppe, und Gefühlsregungen, Bewegungen, Handlungen vollführt diese nur, wenn sie vom Performer und Puppenspieler Jarnoth bewegt wird.

Es ist eine einleuchtende Idee von Regisseur Alexander Riemenschneider, die zentrale Figur aus Franz Kafkas Romanfragment «Der Verschollene» (1927 von Max Brod unter dem Titel «Amerika» veröffentlicht) am Theater Bremen ins Puppenspiel zu verlagern. Denn Karl Rossmann ist schon in dem der Inszenierung zugrundeliegenden Prosatext kein echter Akteur, sondern nur eine Figur, die mehr oder weniger willkürlich hin- und hergeschoben wird: von den Eltern nach Amerika, nachdem er von einem Dienstmädchen verführt wurde. Vom reichen New Yorker Onkel in ein unlogisches gesellschaftliches Regelwerk, an dem er mangels Durchblick schnell scheitert. Von zwei Taugenichtsen, die ihm seine Vorräte wegfressen, in ein seltsam sexualisiertes Dienstbotenverhältnis. Von der Ostküste in den Mittleren Westen – dieses Amerika ist ein Land der begrenzten Möglichkeiten, das auf jede Chance einen neuen Tiefschlag folgen lässt.

Im Grunde erzählt Riemenschneider überraschend brav an der Vorlage entlang: Ankunft, erstes Scheitern, Job, zweites Scheitern, und so weiter, das steht alles so im Roman und wird auch praktisch genauso runtergespielt, inklusive Karls Tätigkeit als Liftboy in einem kafkaesk durch­bürokratisierten Hotel sowie einer sanften Romanze mit der Sekretärin (Lisa Guth) und der Oberköchin (Susanne Schrader). Allerdings auf nahezu nackter Bühne (David Hohmann), die sich nur zu Beginn kurz nach hinten öffnet und Platz schafft für die hauseigene Kafka-Band, ein hochkarätig besetztes, tschechisches Septett, das schon Riemenschneiders vorangegangene Kafka-In­szenierung «Das Schloss» 2015 mit melancholischen Indiechansons veredelte. In «Amerika» hat der Musikeinsatz freilich einen gewissen statischen Charakter des Gezeigten zur Folge, immer wieder gesellen sich die Schauspieler zur Band und sorgen so dafür, dass die Inszenierung Züge eines szenischen Konzerts annimmt.

Wobei diese Statik nur konsequent ist: Riemenschneider erzählt nicht vom Scheitern eines hoffnungsfrohen Auswanderers, er erzählt eine über die gesamte Strecke im Passiv gehaltene Depressionsparabel, bei der allzu viel Bühnenaktivität fehl am Platze wäre. Es reicht schon, wenn die Karl-Puppe rumgeschubst wird, zerteilt, neu zusammengesetzt – die Dekonstruktion einer Figur, die sich nicht wehren mag, deren einziger Charakterzug eine bis zur Selbstaufgabe reichende Passivität ist. Die sparsam, aber wirkungsvoll eingesetzten Aktionen der übrigen Figuren stellen diese Handlungsunlust noch stärker in den Vordergrund: wenn Simon Zigah als grausige Herrin Brunelda ein in derber Körperlichkeit explodierendes Solo performt, wenn Guths Sekretärin vom Tod ihrer Mutter berichtet und damit einen ungewohnt anrührenden Moment schafft.

Erst in den letzten Szenen deutet sich eine Kafka-untypisch positive Wendung an: Karl schließt sich dem «Theater von Oklahoma» an und scheint hier tatsächlich eine erfüllende Aufgabe gefunden haben.

Bühnenbearbeitungen stellen dieses Motiv oft als theaterästhetische Utopie dar, während die Literaturwissenschaft das Happy End manchmal als friedliches Entschlafen eines Gescheiterten interpretiert. Diese pessimistische Sicht klingt auch bei Riemenschneider an: Die Inszenierung weist wenig über den reinen Text hinaus, aber im letzten Bild, nach den erlösenden Worten «Jetzt erst begriff Karl die Größe Amerikas», liegt die Puppe leblos auf der Bühne. Riemenschneider hat mit «Amerika» also etwas geschafft, was kaum möglich scheint: Er hat Kafka noch ein wenig dunkler gelesen, als es der Roman verlangt.

Falk Schreiber

http://www.theaterbremen.de/de_DE/spielplan/amerika.1128978