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Opern-Rezensionen #2

Foto: Jörg Landsberg

Bremen: Schostakowitsch "Lady Macbeth von Mzensk"

Wieder am 15. November, 9., 15. Dezember im Theater

Es ist nur eine Vermutung. Aber als Premierengast dieser Inszenierung wäre der russische Präsident Wladimir Putin wohl so wenig amused gewesen wie weiland Josef Wissarionowitsch Stalin, als er 1936 Schostakowitschs «Lady Macbeth von Mzensk» in seiner Loge verfolgte, um sie daraufhin von den Spielplänen der Sowjetunion verbannen zu lassen. Dabei aktualisiert Armin Petras das Werk am Theater Bremen niemals platt provozierend. Vielmehr verlegt er das Schicksal der Kaufmannsfrau Katerina naturalistisch in die graue Gegenwart des eiskalten, nordrussischen Norilsk mit seiner umwelt- und menschengefährdenden Nickelindustrie – eine kluge Kontextualisierung.

Im neureich-muffigen Wohnzimmer ihres Schwiegervaters ist Katerina zu Beginn kaum mehr als weibliches Dekorum. Boris drängt sie in die engen Grenzen ihrer Frauenrolle inmitten eines paternalistisch-neokapitalistischen Systems. Ihr asthmatisch-schwächlicher Ehemann Sinowi kann sie nicht befriedigen. Nadine Lehner macht das als sängerdarstellerisches Großereignis deutlich: Katerina will raus aus dem goldenen Käfig. Mit großer Intensität, brennenden Pianissimi, im Dramatischen bis an ihre vokale Grenzen gehend, gestaltet die lyrisch grundierte Sopranistin das Porträt einer verletzlichen, sich emanzipierenden Frau, der die Lebenslügen einer Gesellschaft im Umbruch zutiefst zuwider sind.

Auf ihrer Suche nach einer Insel des richtigen Lebens im falschen kommt prompt der Arbeiter Sergej (Chris Lysack singt ihn mit einem Tenor am Anschlag) ins Haus – den Presslufthammer noch in der Hand, ein deftiges, zugleich ironisches Zeichen unzweifelhafter Manneskraft. Die muss Petras dann gar nicht mehr zeigen; er kann sich auf den Komponisten verlassen, dem der von Stalin veranlasste «Prawda»-Verriss nicht einmal zu Unrecht unterstellte, seine Musik schnattere, stöhne und keuche.

Genau diese expressiven Extreme der Partitur kostet Yoel Gamzou mit den prächtig einstudierten Bremer Philharmonikern genüsslich aus. Da hat sich das Theater Bremen einen genialischen Berserker als neuen Musikdirektor ans Haus geholt. Unerhört gekonnt setzt Gamzou die frech plappernden Motive der Holzbläser und die brutalen Ausbrüche des Blechs gegen die stillen, irisierenden Mahler-Momente des spätromantischen Sehnens bei Katerina. Regisseur Petras lässt sie sich übereinstimmend mehr und mehr zu einer Terroristin der Liebe entwickeln. Schuld und Sühne, Werte und Moral spielen keine Rolle mehr in dieser Welt jenseits von Gut und Böse. Klug zwischen Mensch und Monstrum changierend, mit hintersinniger Basswucht pendelt Patrick Zielke seinen Boris aus.

Der Clou der mit viel Schauspielpräzision durchgeführten Personenregie ist denn auch weniger der Aktionismus des Herrenchores, der sich als brustfrei-eklige Männermasse an die Köchin Aksinja heranmacht, sondern der Feinsinn, mit dem Petras das Schicksal der Protagonistin mit den weiblichen Nebenfiguren verbindet; beide werden durch Parallelhandlungen deutlich aufgewertet. Die Mezzosopranistin Ulrike Mayer als opportunistische Sonjetka mutiert von Katerinas Konkurrentin zur Geistesverwandten, der finale Doppelselbstmord zur Befreiungstat. Und Schauspielerin Hanna Plaß schlägt als mutige Aksinja angenehm unaufdringlich (weil hochpoetisch) die Brücke zur jahrelang in russischen Straflagern inhaftierten Pussy Riot-Aktivistin Nadja Tolokonnikowa, deren zeitlose Texte immer wieder eingeblendet werden. Einer von ihnen ist besonders bemerkenswert: "Macht haben nicht diejenigen, die über Gefangenentransporte verfügen, sondern diejenigen, die ihre Angst überwinden."

Peter Krause

http://www.theaterbremen.de/de_DE/spielplan/lady-macbeth-von-mzensk.1128995

↓ Rezension 2

Bonn: Schoeck "Penthesilea"

Wieder am 12., 19. November, 2., 14. Dezember im Opernhaus

Bemitleidenswerte Masse. Wo sie in Erscheinung tritt, wird sie, den Bereich der Physik ausgenommen, kritisch unter die Lupe genommen, von Arendt bis Canetti, von Le Bon bis Reich. In seinem Text «Im Schatten der schweigenden Mehrheiten» aus dem Jahr 1978 hat Jean Baudrillard das Phänomen auf den Punkt gebracht. Die Masse sei «Nullpunkt des Politischen», sie sei «stärkeres Medium als alle Medien». Dass der französische Soziologe im Programmheft zur Bonner «Penthesilea» zitiert wird, verwundert wenig. Der Stoff bietet sich dafür an. Und auch der Regisseur.

Für Peter Konwitschny war die Ausgrenzung, die Destabilisierung des (zumal weiblichen) Individuums immer ein zentrales Thema. Othmar Schoecks Einakter passt deswegen zu ihm. Konwitschny verzichtet dabei gänzlich auf Illusion. Der Kampf zwischen Penthesilea und dem Volk, die intensiv-existenzielle, körperliche Verstrickung der Amazonenkönigin mit dem griechischen Kriegshelden Achilles findet bei ihm in einer Art Boxarena statt, als Fernsehshow, hautnah. Die Zuschauer (der hochengagierte Chor und Extrachor der Oper Bonn), festlich gekleidet, als wären sie Teil einer glänzenden Abendunterhaltung, an der sie aber real teilnehmen als emotionalisierte Menge, sitzen rund um das Viereck herum. Das Orchester, von Dirk Kaftan zu entgrenzt-brutalistischem Spiel angetrieben, ist auf einem Podest dahinter postiert, als Klangwand. Auf der spartanischen Bühne des Schicksals (Johannes Leiacker) lediglich zwei Flügel; sie symbolisieren die Berge Ida und Ossa und ebenso das männliche wie das weibliche Prinzip: Antagonismen des Klangs, der Positionen, der Ideale. 

Zwischen den Bergflügeln, mal darunter, mal obendrauf, die beiden Protagonisten der Liebe, des Krieges, des Geschlechterkampfes: Penthesilea und Achilles, Dshamilja Kaiser und Christian Miedl. Sie entledigt sich rasch der feinen Robe, agiert fortan, bis kurz vor Ende, im weißen Negligé, ist ganz und gar (nächtliche) weibliche Sirene, aber auch widerspenstiges Weib. Diese Penthesilea handelt autonom, autark, und, ja: authentisch. Sie kennt keine Gesetze außer dem, das sie sich selbst gibt, keine Schranken, sie kennt nur das Gefühl: ihr Gefühl. Achilles dagegen ist mehr naiv-eitler Jüngling als überzeugter Mann, mehr Projektion ihrer Ekstase als eigenmächtig. Nur im Liebesduett, das im Kontext dieses Stücks wirkt wie eine Erinnerung an alte Opernkonventionen, durch die gestalterische Energie der beiden Solisten aber enorme Tiefe erlangt, ist er ebenbürtig. 

Der Rest ist tönende Selbstbehauptung der Alleingelassenen. Dshamilja Kaiser singt und spielt das mit einer Verve, die nahe geht, die das Grundsätzliche ihrer problematischen Situation bis in den letzten Winkel ausmisst. Man kann förmlich in jeder Sekunde spüren, wie stark der Gegenwind des Draußen ist, vertreten vor allem durch die Oberpriesterin der Diana (Ceri Williams), die sie  aus dem Saal heraus anbrüllt, zur Räson zu bringen versucht. Und, als das nicht gelingen will, sie des Verrats bezichtigt, darin unterstützt von den Amazonen. 

Der Mord Penthesileas an Achilles gerät zum klassischen Doppelmord. Sie erschießt erst ihn, dann sich. Und tritt dann (eine typische Volte bei Konwitschny) aus ihrer Rolle heraus. Das Spiel ist beendet, das entsetzliche Ende hat ein Nachspiel. Während das Volk noch zetert, betritt Dshamilja Kaiser in einem schwarzen Abendkleid die Szene und beginnt ihren Schlussmonolog als Konzertsängerin; Christian Miedl bringt eilfertig-ehrfürchtig einen Notenständer. Nun beherrscht sie das Spiel auf ganz andere Weise: reflektierend, nachdenklich. Die Stimme ist weich geworden, sanft, leise. Umso entwaffnender die Wahrheiten, die Penthesilea ausspricht, aussingt, ausatmet. Mag das Experiment der Liebe misslungen sein, diese letzte lyrische Wendung zeigt, wie stark der Wille sein kann, wenn er die Vorstellung der anderen überwindet. Ein bemerkenswerter Abend.

Jürgen Otten

http://www.theater-bonn.de/spielplan/gesamt/event/penthesilea/vc/Veranstaltung/va/show/