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Medien-Tipps #2

An Open Secret; Anastasia; Alles, was ich nicht erinnere

An Open Secret

Ein Dokumentarfilm von Amy Bergs

Spätestens seit dem «Fall Weinstein» und dem «Fall Spacey» steht Hollywoods bigotte scheinheil(ig)e Welt ganz anders im Scheinwerferlicht als beabsichtigt. Plötzlich ist der Schmutz hinter der glänzenden Fassade sichtbarer als je zuvor. Viele wollen nun plötzlich immer schon einiges gewusst haben. Doch warum dann das große, mafiagleiche Schweigen? 

Das ist eine der großen Fragen – neben den juristischen, moralischen, psychologischen. Und vor allem neben der wahrscheinlich auf ewig unbeantwortbaren, ob ein guter Künstler auch ein „guter“ Mensch sein müsse, damit seine große Kunst etwas «wert» sein könne... Von Benvenuto Cellini bis Kevin Spacey ein riesiges Fragezeichen. Und jeder Fall ist zudem zugegeben: ein Einzelfall. 

Keine Frage hingegen, dass es in Hollywood ein Schweigekartell in Sachen Sex & Macht gibt. Es wird nicht wirklich darüber diskutiert, wo die Macht in Missbrauch umschlägt, obwohl es dazu unter anderem einen höchst diskutablen Dokumentarfilm gibt wie Amy Bergs „An Open Secret“. 2014 fertiggestellt, gab und gibt es dafür keinen Verleiher, keinen Fernseh-Sender oder Streaming-Dienst. 

Seit Mitte Oktober kann man ihn auf Vimeo sehen. Ein Dokument der Schande. Das zeigt, wie Kinder und Jugendliche in ihrem Wunsch, Schauspieler zu werden, von Talent-Scouts, Castern, Regisseuren und Produzenten sexuell ausgebeutet werden, schutzlos ihren vermeintlichen Förderern ausgeliefert, weil auch die Eltern, vom kindlichen Ehrgeiz verleitet und vom kurzzeitigen Erfolg geblendet, oft nichts sehen können oder sehen wollen... Beides hat System: Missbrauch und Blindheit. Der Film ist ein Dokument dieser Verlogenheit, die Alltag ist. 

Michael Merschmeier 

Hier der Link zum ganzen Film: https://vimeo.com/142444429

↓ Tipp 2

DVD: Anastasia

Von den abendfüllenden Werken des Choreografen Kenneth MacMillan war bisher nur «Isadora» (eine getanzte Biografie der berühmten Ausdruckstänzerin) von 1981 und das zehn Jahre zuvor für das Royal Ballet entstandene Handlungsballett «Anastasia» über die angeblich letzte Zarentochter nicht auf Speichermedien greifbar. In letzteren Fall hat Covent Garden jetzt diese Lücke mit einem dafür prädestinierten Superstar geschlossen: Natalia Osipova tanzt im unerwarteter indentifikatorischen Suggestion diesen Traumpart der geistig verwirrten Anna Anderson, die man in den Zwanzigerjahren aus dem Berliner Landwehrkanal herausgefischt hatte und die sich lebenslang für die den Mord an der Zarenfamilie überlebt habende jüngste Tochter hielt. Was DNA-Tests nach ihrem Tod wiederlegten. Aus diesem historischen Nukleus hat McMillan schon 1976 in seiner Berliner Zeit eine kargen, surrealen Einakter auf elektronische Klänge und Musik von Martinu entworfen. Anna im Irrenhaus als Rückblende, surreal, zerfetzt, von den Schlagschatten ihres angeblichen früheren Lebens bedrängt und verwirrt. Diese 40 Minuten gehören zum Besten, was Kenneth MacMillan eingefallen ist, sie sind grau, intensiv, bedrückend. Und dazwischen erhob einst seine Muse Lynn Seymour ihren brennenden Blick, jetzt ist es die Osipova, die sich die Seele aus dem biegsamen Leib schleudert. In der abendfüllend repräsentativen Erweiterung für die Königliche Oper muss man freilich zwei zähe Akte auf dieses psychologisch dichte Stück warten. Denn MacMillan hat sich doch der Konvention gefügt und auch die Vorgeschichte erzählt, ballettös breit und harmlos. Da tanzen die Zarenkinder mit Matrosen, bis endlich der Erste Weltkrieg ausbricht und Rasputin noch grimmiger blicken darf. Im Katharinenpalast gibt es einen allerletzten Prachtball auf dem Revolutionsvulkan. Da trifft Anastasia dann auch in Gestalt der eben von einem umstrittenen Film thematisierten kaiserlichen Ballerina Matilda Kschessinskaja (mit Allüre: Marianela Nuñez) auf die einstige Rivalin ihrer Mutter und das echte Leben – bevor die Rotarmisten die Kulisse entern.

Manuel Brug

↓ Tipp 3

Jonas Hassen Khemiri «Alles, was ich nicht erinnere»

Khemiri, hierzulande bekannt durch seine Stücke «Invasion» oder «ungefähr gleich», geht in seinem neuen Roman sehr freigiebig mit dem Personalpronomen «ich» um. So freigiebig, dass das erste Viertel von «Alles, was ich nicht erinnere» weitgehend dafür benötigt wird, um sich einigermaßen zu orientieren. Als erzählendes «Ich» darf sich nämlich jeder benehmen, der vorkommt, was bei einem knappen Dutzend Handlungsträger nicht gerade die Übersicht erhöht. Dafür gibt es aber auch keine Erzählinstanz, die Überblick und Wahrheit verbürgen könnte: Beides muss sich der Leser selbst suchen, wenn derartiges in dieser Geschichte überhaupt zu finden ist.

Im Zentrum steht Samuel, von dem man erst zur Hälfte des Buchs ein halbwegs gesichertes Bild erhält: Er ist in seinen Zwanzigern, hat Politik studiert und wollte danach eigentlich bei der UN ganz groß einsteigen, ist aber nur ein gelangweilter Verwaltungsmitarbeiter im Stockholmer Amt für Migration geworden. Auf seinem Namen hat der Vater damals bestanden, weil er meinte, dass Menschen mit Migrationshintergrund und schwedisch klingendem Namen leichter eine Wohnung bekommen. Die Eltern sind geschieden – Mutter Schwedin, Vater ein Nordafrikaner, der in Schweden nicht klar kam und zu dem der Kontakt abgebrochen ist. Es gibt eine Schwester und zwei enge Freunde, von denen eine Kunst studiert hat und gerade gründlich erfolglos in Berlin weilt. Der andere jobt zwischen Umzugsfirma und mafiösen Kontakten, ist ständig pleite und teilt sich die Wohnung mit Samuel. Außerdem ist da noch Samuels schwedische Oma, die langsam dement wird und inzwischen ins Pflegeheim eingewiesen werden musste.

Der Text umkreist aus vielen Blickwinkeln die Frage, warum Samuel eines Nachmittags auf der Heimfahrt von der Großmutter von der Straße abgekommen ist und ungebremst den einzigen Baum auf weiter Flur gerammt hat. War es ein Unfall oder vielleicht doch Selbstmord? Gründe für Vermutungen in alle Richtungen gibt es jede Menge. Da wäre Samuels Freundin Laide, die als Dolmetscherin arbeitet, sich um arabischstämmige Frauen mit gewalttätigen Männern kümmert, und ihn nach einem ziemlich intensiven, wenn auch zunehmend kriselnden Beziehungsjahr verlassen hat. Da wäre das leerstehende Haus von Samuels Großmutter, in das er und Laide ein paar dieser Frauen übergangsweise einquartiert haben und das eines Tages in Flammen aufgegangen ist. Da wäre Samuels Familie, die nach dem Brand vor dem Ruin steht und von all dem keine Ahnung hatte.

Aber letztlich ist es auch völlig egal, warum Samuel tot ist, da er nun mal tot ist. Wesentlich entscheidender ist, die vielen «Ichs» in dieser Geschichte kennengelernt zu haben und ihre ganz unspektakulären Perspektiven und Erfahrungen in einer europäischen Großstadt, durch die viele unsichtbare Grenzen verlaufen, über die man sich nur unter Verzweiflungs-, wenn nicht Lebensgefahr wagen darf. Der Autor, der sich auch selbst einen Auftritt gönnt, kennt sich da aus eigener Erfahrung sehr gut aus. Sein «Ich» ist kein anderes.

Franz Wille

Jonas Hassen Khemiri «Alles, was ich nicht erinnere». Aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann. DVA, 19,99 €