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Filme und Serien #4

Familie Braun

Serie: „Familie Braun“

Eine Dramedy in 8 Folgen (zwischen 3 und 7 Minuten), Regie Maurice Hübner, Buch Manuel Meimberg, ZDF (Mediathek).

Lara: „Ist das eine Sonne?“ Thomas: „Nee, is keine Sonne.“ Lara: „Was ist das.“ Kai: „Das ist ein Hakenkreuz.“ Lara: „Das ist vollschön.“ Kai: „Nein, das ist nicht vollschön.“ Lara: „Was ist Hakenkreuz?“ Thomas: „Das ist ’nen Zeichen, ’nen Symbol für Zusammenhalt. Für Stolz.“ Lara: „Was ist Stolz?“. Stöhnen bei den Jungs. Thomas: „Kai, zeigst du ihr mal dein Tattoo, bitte.“ Kai zieht sein T-Shirt hoch. Ein Hakenkreuz. Dunkel auf weißer Arierhaut. Lara: „Bei mir würde man das gar nicht sehen.“

Lara ist die siebenjährige schwarze Tochter, die Thomas seinerzeit im Suff bei einem Quickie mit einer Flüchtlingsfrau aus Eritrea gezeugt hat. Er weiß nichts mehr davon oder wollte es nie wissen. Als die Mutter abgeschoben werden soll, gibt sie ihre Tochter beim leiblichen Vater ab. Beim Leibhaftigen. Denn Thomas wohnt mit Kai in einer Nazi-WG im Berliner Plattenbau – ohne Frauen und entsprechend latent homoerotisch unterfüttert (der Titel der 4. Folge lautet konsequenter Weise: „Hitler ist schwul“). Ein solches dramaturgisches Setting für eine Nazi-Sitcom ist eine ziemlich schräge Versuchsanordnung: Welche Mutter würde ihr Kind dort abgeben? Aber entscheidend ist, ob dieses Rezept – jenseits eines immer einklagbaren Fernseh-Realismus’ – Funken schlägt.

Es funkt. Einerseits, weil das Drehbuch, die Dramaturgie hervorragend ist: In acht Folgen von 3 bis 7 Minuten wird jeweils ein Thema pointillistisch und doch profund abgehandelt – und in den notwendigen Verkürzungen liegt die komische Würze. Alles ist Dialog-Aktion. Andererseits, weil die Schauspieler glänzend sind. Angefangen bei der kleinen Lara, die Nomie Laine Tucker mit all der naseweisen Altklugkeit und Schlagfertigkeit einer begnadeten und gnadenlosen Überlebenskünstlerin ausstattet, die ein Mädchen in Laras Situation haben muss, um durchzukommen. Sie hat es drauf. Es ist immer eine helle, erhellende Freude, ihr zuzuschauen.

In der Wohnung hängt ein riesiges Hitler-Briefmarken-Poster. Lara findet, dass Herr Hitler traurig aussieht. Als sie mal allein dort ist, geht sie zu ihm, spricht mit ihm, füttert ihn – indem sie ein matschiges Sandwich aufs Plakat patscht. Da sie nichts weiß von deutscher Geschichte, begegnet sie dem melancholischen Monster als einem Mitleid verdienenden Mit-Menschen – und macht so den Mythos mühelos marode. Thomas, ihr Vater wider Willen, begreift es allmählich, ein Fall von Liebe. Kai aber, der zunehmend neidisch und eifersüchtig gegen das Negerkind keilende Nazi-Kumpel, begreift bis zum Schluss nichts.

Dieses Kind kann jedes noch so rechte Weltbild ins Wanken bringen. Beim Kostümtag in der Schule will sie – ja genau: als Hitler gehen! Sie hat „Sieg heil!“ samt Hitler-Gruß im Gesten-Repertoire und findet den WG-vertrauten Führer, weil er so hilflos auf sie wirkt, einfach nur lieb. Als Thomas ihr vorsichtig vorschlägt, lieber als Marienkäfer zu gehen, sagt sie lakonisch: „Dafür hab ich keine Verkleidung.“

Als sie nicht schlafen kann und möchte, dass jemand ihr vorliest, greift Kai zu „Mein Kampf“ und beginnt zu lesen. Vincent Krüger, bekannt aus „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, zieht alle Register eines Daily-Soap-Stars und exekutiert die Banalität des Bösen mit exakt jener klugen Blödheit, die eine Figur nicht zum Abziehbild verkleinert, sondern entfaltet – in diesem traurigen Fall zu einem heillos in die tumbe Nazi-Welt Verrannten.

Der deutsch-bosnische Schauspieler Edin Hasanovic als Thomas gibt mit behäbig-gefährlicher Underdogigkeit einen politischen Eiferer, der sich seinen Eifer instinktiv selbst verordnet hat, um überhaupt noch etwas zu spüren in seinem Leib und Leben; sobald aber eine neue ergreifende Aufgabe in sein trost- und sinnloses Dasein kommt – in Gestalt von Lara –, ergreift er den Strohhalm zur Anpassung an die Wonnen der Normalität und wird so sehr liebender Vater, wie er zuvor irrlichternder Ideologe war. Mitte November war Hasanovic auch im ARD-Zweiteiler „Brüder“ zu sehen: Dort spielt er einen deutschen Studenten, der in die Fänge von Salafisten gerät und IS-Kämpfer wird – genau der umgekehrte Weg zwar, aber ein ähnliches Psycho-Muster, das Hasanovic höchst glaubwürdig und handwerklich perfekt beherrscht.

Neben den drei Hauptdarstellern ist das Drehbuch von Manuel Meimberg ein Pfund, mit dem die Serie wuchern kann. Es ist voller knapper Ping-Pong-Dialoge, undeutsch sparsam und angenehm ungeschwätzig, weil fast nichts erklärt wird, sondern aus dem Situativen erwächst. Maurice Hübners Regie setzt dieses Potential kongenial um. So ziemlich alles stimmt hier. Und so verwundert es nicht, dass eine amerikanische Jury diese kleine große Serie gerade eben mit dem „International Emmy“ (der weltweit wichtigsten Auszeichnung für ausländische Fernsehen-Produktionen) ausgezeichnet hat: Im Land der Autoren- und Writers-Room-Erfolge ist diese Entscheidung nur konsequent.

Beim ZDF, wo „Familie Braun“ Anfang 2016 und vorgestern noch einmal analog ausgestrahlt wurde, ist die Mini-Serie weiter in der Mediathek abrufbar. Ein großer Spaß. Und zugleich durchaus ein politisches Statement, ein Beweis, dass und wie man mit Humor gegen rechts punkten kann. Der Schluss der Serie lässt manches offen – und vieles erahnen. Und wird hier natürlich nicht verraten! Fortsetzung folgt. Hoffentlich.

Michael Merschmeier

www.zdf.de/serien/familie-braun