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Filme und Serien #2

Mord im Orientexpress; Big little lies; Casting

Schaulauf vor Dampflok

Im Kino: Kenneth Branaghs „Mord im Orient-Express“

Ein Meisterdetektiv am Rand des Nervenzusammenbruchs. Ein Pedant, der alles, was ihm lieb und heilig ist, sausen lassen, ja das soeben entdeckte Mordkomplott einfach vergessen soll. Klar, dass der Mann einen Tobsuchtsanfall kriegt. Nur nimmt der Ausbruch weniger an Agatha Christies kultivierter Roman-Vorlage Maß, als an den Bluträuschen und Wahnsinnsauftritten, die Shakespeares Tragödien vorwärts treiben. Was insofern kein Wunder ist, als Kenneth Branagh (alias Superkriminalist Hercule Poirot) mit diesen Klassikern Karriere gemacht hat: als Kinoregisseur und Held etlicher Shakespeare-Verfilmungen. Die Doppelrolle vor und hinter der Kamera hat er sich nun auch bei „Mord im Orient-Express“ angezogen.

Die Geschichte in aller Kürze: An Bord des legendären Luxus-Zuges wird ein Passagier umgebracht, ein Dutzend Fahrgäste geraten in Verdacht, der ebenfalls mitreisende Poirot löst das „Whodunit“-Rätsel − und der Zuschauer blickt in den teuflischen Abgrund eines Jahre zurückliegenden Verbrechens, das nach Sühne, Rache, Lynchjustiz ruft. Agatha Christies literarisches murder mystery puzzle ist vor gut 40 Jahren schon einmal verfilmt worden, von Sidney Lumet mit einem Cast vom Allerfeinsten: Ingrid Bergman, Lauren Bacall, Jacqueline Bisset, Vanessa Redgrave, Albert Finney, Sean Connery, John Gielgud… und ein paar weitere Leinwand-Ikonen gaben sich die Ehre. Die Animationskünste des Jahres 2017 waren damals allerdings nicht mal ansatzweise in Sicht, weshalb Lumets Orient-Express recht gemächlich vor sich hindampfte. Dagegen sprintet er bei Branagh nun die Abhänge hinauf wie ein stählerner Rammbock des Fortschritts, und die Lawine, die ihm die Weiterfahrt vermasselt, staubt mit gigantischer Wucht vom Gipfel herunter – so spektakulär wie ein vereistes Feuerwerk. 

Das eigentlich Interessante aber ist der Schauspieladel, der im Schatten der havarierten Dampflok zum Schaulauf ansetzt. Willem Dafoe, Penélope Cruz, Johnny Depp, Derek Jacobi, Daisy Ridley… können es durchaus mit ihren Vorgängern aufnehmen. Das gilt erst recht für das Diven-Doppelgestirn an der Spitze des Besetzungszettels, für Judi Dench und Michelle Pfeiffer. 

Die fulminante Judi Dench – Theateraktrice von Rang, bis 2012 zudem als Vorgesetzte von James Bond in Amt und Würden –, muss keine Miene verziehen, um den Hass heraus zu speien, der Prinzessin Natalia Dragomiroff im Nacken sitzt – auch wenn sich ihre Identität zuletzt als reine Fiktion erweist. Michelle Pfeiffer, die viel zu lange aus dem Kino verschwunden war, feiert als Caroline Hubbard nicht weniger als einen Triumph über die eigene Vergangenheit. Die Augen liegen tiefer, zarte Fältchen zittern um ihren Mund. Aber wer sie anschaut, hat sofort eine Handvoll unvergesslicher Bilder vor Augen: Das Jungmädchengesicht aus Stephen Frearsʼ „Gefährliche Liebschaften“ von 1988, die sexy Großstadtmieze, die sich ein Jahr später auf dem Flügel der „Fabelhaften Baker Boys“ räkelte, schließlich die so schöne wie kluge wie unglückliche Frau, die Michael Ballhausʼ Kamera in Martin Scorseses „Zeit der Unschuld“ zu streicheln schien, endlos und immerzu. 

Man kann Branaghs „Mord im Orient-Express“ ohne weiteres in die Nostalgieschublade stecken und als gute Unterhaltung absitzen. Aber wer ein Faible für großartige Schauspieler hat, der wird in jeder Szene eine Entdeckung machen. Und sei es nur eine klitzekleine.

PS. Ballettfans werden den Film ohnehin stürmen, hat ihr Superstar Sergei Polunin doch den Minipart des Grafen Andrenyi ergattert. Was allerdings auch das Maximum markiert, denn mehr gibt das mimische Talent des Russen derzeit nicht her.

 Dorion Weickmann 

↓ Tipp 2

Helikoptermütter in Monterey

Die preisgekrönte HBO-Serie "Big little lies" mit Reese Witherspoon und Nicole Kidman

Der erste Schultag ist ein großer Moment im Leben eines jeden Kindes, ein wesentlicher Schritt in Richtung Erwachsenenwelt. Auch für die Eltern ist die Einschulung ihrer Kinder eine Zeitenwende, vor allem, wenn es sich um derart aggressive Helikoptermütter handelt wie in der HBO-Serie „Big little lies“.

Die kleine Amabella ist gewürgt worden, und obwohl deutliche Würgemale an ihrem Hals zu sehen sind, weigert sie sich, den Namen des Täters zu nennen. Große Aufregung unter den Eltern und den Kindern am Ende des ersten Schultages. Die junge Lehrerin fordert Amabella auf, mit dem Finger auf das Kind zu zeigen, welches ihr die Verletzungen zugefügt hat. Sie entscheidet sich für den kleinen, neu zugezogenen Ziggy. Dieser wehrt sich gegen die Anschuldigung mit einem klaren Nein, und seine Mutter betont nachdrücklich, Ziggy sei kein Lügner. Das Drama nimmt seinen Lauf. Am Ende dieser Verkettung von Ereignissen rund um die Mütter und deren Schützlinge wird ein Mord stehen. Schauplatz ist die Spendengala der Schule, ein Audrey Hepburn-Elvis Presley-Kostümwettbewerb für die Eltern. 

Wir befinden uns im pittoresken Monterey an der kalifornischen Küste, unweit von Silikon Valley. Die Mütter um die es hier geht, kümmern sich entweder neben den Kindern um ihre absurd großen Villen mit Meerblick oder sie leiten als „working mum“ Unternehmen wie PayPal - so wie Amabellas überspannte Mutter Renata (die wunderbare Laura Dern). Dass es in Monterey zur Tagesordnung gehört, mit dem Finger auf andere zu zeigen, erschließt sich dem Zuschauer schnell. 

Es fällt schwer, die von David E. Kelley (Ally McBeal, Boston Legal), basierend auf dem Roman von Liane Moriarty geschriebene Serie einem Genre zuzuschreiben. Gekonnt und teilweise ohne erkennbare Übergänge springt die Erzählung vom undurchschaubaren Krimi zum intensiven Beziehungsdrama, von der schwarzen Komödie zur Satire und wechselt somit virtuos die Register. Das erfordert vor allem in den ersten Folgen der Serie hohe Aufmerksamkeit beim Zuschauer, aber die „Belastung“ wird kompensiert durch die durchweg sensationelle Besetzung der wunderbaren Frauenfiguren. Nahezu jede weibliche Rolle hätte eine eigene Serie verdient, so vielschichtig präsentieren sich die auf den ersten Blick eher unsympathischen, aber unwiderstehlichen Heldinnen der Erzählung.

Im Zentrum der Geschichte um Intrigen, Abgründe und Geheimnisse steht die gefährlich übergriffige Madeline, gespielt von Reese Witherspoon. Reese Witherspoon ist ein Ereignis. Ihre Madeline wütet wie ein Orkan als hilfsbereite, empathische, wütende und in ihrer scheinbar heilen Welt tief frustrierte Frau durch das Leben ihrer Freundinnen und Feindinnen. Obwohl der Tonfall sehr leicht gehalten ist, gelingt Witherspoon ein virtuoses, liebevolles und detailliertes Portrait dieser bewegten Frau, und sie beweist abermals, dass sie zu den besten, aber leider unterschätztesten Schauspierinnen ihrer Generation gehört.

Ihre beste Freundin Celeste spielt Nicole Kidman. Auch sie ist Mutter zweier Kinder und lebt mit ihrem auffallend jungen, attraktiven Ehemann (Alexander Skarsgård) ebenfalls in einer prachtvollen Villa auf den Klippen, in der ein Ikea-Regal als abartiger Fremdkörper sofort ins Auge fallen würde. Die Abgründe, die sich hinter dieser perfekten Fassade verbergen erschließen sich dem Zuschauer erst im Verlauf der Serie.

Die beiden Frauen sind Institutionen in der Kleinstadt, und so ist es naheliegend, dass sie sich der hilflosen, geläuterten Mutter des kleinen Ziggy annehmen. Die offensichtlich verstörte Jane (Shailene Woodlay) ist gerade erst nach Monterey gezogen und bezieht als alleinerziehende Mutter das einzige Haus ohne Meerblick, das wir in „Big Little Lies“ zu Gesicht bekommen. Sie arbeitet als Buchhalterin und scheint auf der Flucht vor den Dämonen ihrer Vergangenheit zu sein – eine willkommene Herausforderung für die neugierige und hilfsbereite Madeline.

Die Situation um den kleinen Ziggy eskaliert, denn Amabella wird weiterhin misshandelt, ohne dass es gelingt, einen Täter zu ermitteln. Hier nimmt die Serie große Fahrt auf. Das Stigma, welches auf dem kleinen Jungen liegt, treibt nicht nur Ziggy und dessen junge Mutter in die Enge, sondern die Ängste aller Eltern – „Was, wenn aus unseren Kindern kleine Monster werden?“ – erhalten hier eine beängstigende und realistische Parabel. Es beginnt ein Kleinkrieg unter den Müttern, angeführt durch Amabellas Mutter Renata Klein, die obendrein auch noch Madelines Erzfeindin ist. 

Das Thema Gewalt lauert aber auch hinter anderen verschlossenen Türen der Serie. In kurzen Rückblenden schlüsselt sich Stück für Stück der Grund für Janes Flucht aus ihrem bisherigen Leben auf. Noch eindrücklicher aber ist der Blick hinter die Fassade von Nicole Kidmans Figur Celeste. In der nach außen hin perfekten Ehe ist häusliche Gewalt Teil des Alltags. Die Szenen, in denen Celeste von ihrem Ehemann misshandelt und verprügelt wird, sind in einer Deutlichkeit inszeniert, die in großem Kontrast zu den anderen Szenen der Serie steht.

Später wird Celeste Hilfe bei einer Psychologin suchen, erst gemeinsam mit ihrem Mann und dann auch allein. Die Szenen bei der Psychologin gehören zu den Höhepunkten der Serie. In ungewöhnlich langen Sequenzen lässt uns Regisseur Jean-Marc Vallée nahezu in Echtzeit spüren, wie die Lebenslügen von Celeste langsam über ihr zusammenbrechen. Nicole Kidman zeigt deren schmerzliche Erkenntnis anfangs sehr zurückhaltend, um dann mit gnadenlosem Einsatz all ihrer schauspielerischen Mittel zu zeigen, wie Celeste in sich zusammenbricht. Vielleicht ist das die beeindruckendste Leistung in Kidmans Schauspielkarriere.

 „Big Little Lies“ hat man auch diesen beiden Schauspielerinnen zu verdanken. Nicole Kidman hatte die Idee, Moriartys Buch in eine Serie umzuwandeln, und ihre Freundin Reese Witherspoon setzte diesen Plan als ausführende Produzentin um. Es muss eine lange und schwierige Odyssee gewesen sein, bis dieses Projekt ermöglicht werden konnte, und wenn Reese Witherspoon darüber berichtet, dann spürt man die große Frustration vieler Hollywood-Schauspielerinnen fern der 40, wenn es um die Schwierigkeit geht, interessante Rollen und gute Drehbücher zu finden. 

Der üppige Preisregen bei den diesjährigen Emmys war eine verdiente Belohnung. Ausgezeichnet wurden Nicole Kidman (beste Darstellerin), Laura Dern (beste Nebendarstellerin) und Aleksander Skarsgard (bester Nebendarsteller) – und nahezu alle anderen Cast-Mitglieder waren für eine Trophäe nominiert. Der Preis für die beste Serie ging an Reese Witherspoon als ausführende Produzentin.

Dass es fast unwichtig erscheint, wer nun die kleine Amabella misshandelt hat und wer am Ende gewaltsam aus dem Leben scheidet, liegt an den vielfältigen gut geschriebenen Geschichten und Handlungssträngen, die „Big little lies“ miteinander verbindet. Man hätte vielleicht das Tempo in den ersten Episoden etwas anziehen und visuell etwas weniger auf den sich erschöpfenden Hochglanz vertrauen können, nichtsdestotrotz kann man sich dem zwiespältigen Charme von Monterey und dessen Einwohner schwer entziehen. „Das ist Monterey: mit unserer Nettigkeit schlagen wir hier einfach jeden“, so Madeline zu Jane. „Tot“, ergänzt Celeste trocken. 

Michael Banzhaf

↓ Tipp 3

Sittenbild der Filmindustrie

Im Kino: Nicolas Wackerbarth „Casting“ 

Eigentlich sollte Nicolas Wackerbarths „Casting“ gar nicht ins Kino kommen. Ursprünglich war der Film „nur“ als Fernsehfilm mit dem produzierenden SWR geplant, nahm dann aber den „Umweg“ über das Forum der Berlinale, um schließlich einen Kino-Verleih zu finden. Zum Glück, denn der Film ist eine Sternstunde der Schauspielkunst. Am 01. November war Premiere im Berliner Cinema Paris.

Nach der Premiere gefragt, was das Lustigste beim Dreh gewesen sei, sagte Andrea Sawatzki: „Nicolas bat mich, einen Moment rauszugehen. Als ich wieder reinkam, haben alle gelacht, weil sie sich ausgedacht hatten, ich hätte was Schlechtes gegessen. Das ist jetzt wahrscheinlich gar nicht lustig.“ Doch, ist es. Denn die Schauspielerin wusste davon beim Dreh nichts, die geschilderte Szene ist improvisiert. Als Zuschauer weiß man von der Verabredung, und das sorgt dann eben für herrlich komische Momente. Regisseur Nicolas Wackerbarth hat es geschafft, die Schauspieler mit solchen Mitteln an ihre Grenzen zu bringen. „Casting“ ist ein Film der echten Momente.

Dabei ist es ja äußerst schwierig, authentische Momente im Film einzufangen. Wie eine echte Situation herstellen, wenn Schauspieler immer eine Rolle spielen, auf die sie sich zurückziehen können? Wackerbarths „Casting“ findet in der Improvisation eine Antwort. Denn wenn man dem Glauben schenkt, was der Regisseur (und selbst auch Schauspieler) über den Film sagt, dann gab es kein Drehbuch, sondern nur Situationen („Drehbuch“: Wackerbarth selbst und Hannes Held). Und so ist es immer wieder ein Genuss, zu sehen, wie es dem Regisseur gelingt, die Schauspieler in Situationen zu bringen, die sie völlig überraschen und bei denen ad hoc szenische Intuition gefordert ist. Als Zuschauer sieht man die Spieler arbeiten, ganz ohne Netz und doppelten Boden.

Wackerbarth hat dafür ein hochkarätiges und theatererfahrenes Ensemble gewonnen. Ideal für ein filmisches Kammerspiel. Dabei sind unter anderem Ursina Lardi, Andrea Sawatzki, Victoria Trauttmansdorff, Judith Engel, Marie-Lou Sellem, Milena Dreißig, Corinna Kirchhoff, Anne Müller. Ach ja, und auch einige wenige Männer. Und das ganz ohne Frauenquote. Denn die Grundidee des Films lehnt sich an eine berühmte Vorlage mit großen Frauenrollen an: „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ von Rainer Werner Fassbinder. Regisseurin Vera (grandios changierend zwischen Kunstbegeisterung und Regiediktatur: Judith Engel) möchte ein Fernseh-Remake des Fassbinder-Meisterwerks machen. Petra von Kants Gegenpart – hier dann doch ein Mann, Karl statt Karin im Original – ist bereits gefunden, was noch fehlt, ist eine Hauptdarstellerin. Und da kann sich Vera einfach nicht entscheiden – fünf Tage vor Drehbeginn. 

Zwischen Kulissenbau und -einrichtung bittet Vera mit stoischer Seelenruhe und zurückhaltender Selbstsicherheit eine Kandidatin nach der anderen zum Vorspiel ans Set, während um sie herum alle nervös werden: Produzent Manfred (angestrengt den Chef betonend: Stephan Grossmann), Casterin Ruth (nervös bemüht, alles richtig zu machen: Milena Dreißig) und natürlich die Kandidatinnen selbst. Und weil Kostja, der die Rolle des Karl spielt, beim Casting nicht dabei sein kann, muss der erfolglose Schauspieler Gerwin (alert und intrigant: Andreas Lust) als „Anspielwurst“ herhalten – natürlich wird das Original später laut Vera „deutlich jünger“ sein, versichert sie einer Kandidatin. 

Und damit sind wir mittendrin im unberechenbaren Casting-Spiel um Machtverhältnisse, Abhängigkeiten, Authentizitätsforderungen und Selbstaufopferung. Denn würde ein/e Schauspieler/in nicht alles tun, um eine Rolle in einem Film zu ergattern? Bester Vorspiel-Satz des fiktiven Castings: „Ich bin nicht hysterisch, ich leide.“ Bitte ohne Hysterie gesprochen. Ursina Lardi dabei zuzusehen – allein das lohnt schon den Kino-Besuch.

Die Qualität des Films entsteht aus der intelligenten Doppelung von Form und Inhalt. Auf der Suche nach dem perfekten Moment ist Regisseurin Vera sich nicht zu schade, schonungslos mit Anspielpartner Gerwin zu spielen: Mal macht sie ihm Hoffnungen auf eine Rolle im Film, dann lässt sie ihn von Schauspielerin Tamara Lentzke (eine verletzt-verletzende Domina: Victoria Trauttmansdorff) erniedrigen, damit er aus seiner Reserve kommt. Mögliche Folgen? Nebensache. Auch Gerwins sexuelle Orientierung wird zum Spielball: Ist er nun schwul oder bisexuell? Casterin Ruth ist sicher: Ein homosexueller Mann kann niemals authentisch eine Liebesbeziehung zu einer Frau spielen. Umso lustiger, aber auch beängstigender gerät die Szene, in der sich der eigentliche Karl-Darsteller Kostja (Tim Kalkhof) und Gerwin näher kommen, als dieser kurzzeitig die Rolle der Petra von Kant markiert: mehr als eine Filmkuss-Szene, fast eine körperliche Überrumpelung.

Es ist erstaunlich, wenn nicht sensationell, wie Wackerbarth die gestandenen, ihres Markt- und Markenwertes bewussten Schauspielerinnen dafür gewinnen konnte, sich wenig geschützt durch feste Figuren in die unangenehme Situation eines Film-Castings zu begeben und sich damit schonungslos auszustellen. Um am Ende für diesen Einsatz gar nicht lange im Bild zu sein. Denn fünf Frauen werden für die Rolle der Petra gecastet, da bleibt nicht viel Spielzeit pro Schauspielerin. 

Als das Ensemble im Anschluss an die Premiere von schlimm-peinlichen Casting-Momenten aus ihrem Schauspielerinnen-Dasein berichtete, glaubte man, die eine oder andere Parallele zum Film zu hören. Vor allem aber eines: Je mehr man sich anstrengt zu gefallen, desto unauthentischer die Wirkung – und desto weniger wahrscheinlich bekommt man die Rolle. Natürlich seien sie auch für „Casting“ gecastet worden. Aber das habe großen Spaß gemacht. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

„Casting“ ist ein Sittenbild der Filmindustrie. Aber er ist noch mehr: ein Abbild der Leistungsgesellschaft, der die Maske heruntergerissen wird. Und das sprichwörtlich: Wackerbarth lässt die Figur der Maskenbildnerin Hanne (Nicole Marischka) alles geben, um das „wahre“ Ich der Kandidatinnen freizulegen. Bei der einen (Andrea Sawatzki) muss das Zuviel an Makeup runter, bei der anderen (Ursina Lardi) eine Perücke her, um einen anderen Typ zu sehen. Herrlich für den Zuschauer, wie die echten Schauspielerinnen mit solch überraschenden Übergriffen umgehen (müssen). 

Bei all den Machtkämpfen um Authentizität und (Selbst-)Darstellung gerät das eigentlich zu produzierende Fassbinder-Remake in den Hintergrund. Stattdessen sieht man, wie Schauspieler zum Spielball verschiedener Interessen werden, sich verbiegen, Hoffnungen geschürt und zerstört werden. Alles auf Kosten von: (fiktiven) Schauspielern selbst. 

Angesichts der derzeitigen Debatte um sexuellen Missbrauch gerade in der Filmindustrie kommt „Casting“ allerdings eher harmlos daher. Ob das daran liegt, dass hier fast alle verantwortlichen Positionen mit Frauen besetzt sind? Das jedenfalls wirkt sehr authentisch und wohltuend. Für den Zuschauer. Denn der psychische Druck zur Selbstentblößung, die Existenzängste und Machtspiele wirken umso schärfer und verfehlen am Ende auch nicht ihre Wirkung, wenn der Hauptgewinn für Gerwin darin besteht, überhaupt irgendwie im Film vorzukommen. Und seine einzige Szene noch einmal machen zu dürfen. Traurig, aber wahr: Dabei sein ist eben alles, wenn auch nur als Paketbote.

Dirk Baumann