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Filme und Serien

God´s own country, Berlin Station

"God´s own country"

Das nordenglische Yorkshire diente schon Emilie Brontë als Schauplatz für ihren Roman „Wuthering Heights“. In den endlosen Weiten dieser schönen aber sehr rauen, gewaltigen bis abweisenden Natur spiegelten sich die Emotionen ihrer Romanhelden vortrefflich.

So scheint sich auch in Francis Lees wunderschönem Regiedebüt „God´s own country“ die karge Einsamkeit dieses Landstrichs in die Gesichter seiner Protagonisten zu fressen.

God´s own country - Gottes eigenes Land - so werden besonders schöne Regionen meist liebevoll von ihren Bewohnern bezeichnet. Der Regisseur und Drehbuchautor wuchs nur 10 km vom Drehort entfernt auf einer Farm auf, verließ dann aber Nordengland, um in London auf die Schauspielschule zu gehen. Die Zwiespältigkeit gegenüber seiner Heimat ist den ganzen Film über zu spüren und wird auch visuell sehr eindrücklich eingefangen.

Der 24-jährige Johnny lebt mit seinem durch einen Schlaganfall gezeichneten Vater und seiner Großmutter auf einer abgelegenen Farm. Die meiste Arbeit bleibt an Johnny hängen, und die groben Worte, die am Anfang des Films gewechselt werden, lassen einen die Verbitterung des von Ian Hart gespielten Vaters nahezu körperlich spüren. Die Großmutter (Gemma Jones) geht stoisch (bis auf einen kurzen, herzzerrreißenden Tränenanfall) und stumpf den Arbeiten im Haushalt nach, und es erscheint nur verständlich, dass sich Johnny abends im nahegelegen Pub die Kante gibt.

Josh O´Connor spielt diesen überforderten, jungen Mann, und schon in den ersten Szenen des Films ist die Isolation seiner Figur so greifbar, dass man bald auf einen Ausbruch seiner angestauten Frustration wartet. Sie entlädt sich vorerst im unverbindlichen und groben Sex mit anderen jungen Männer. Die Ausweglosigkeit seiner Situation zeigt sich in einem trostlosen Gespräch, dass Johnny vor einem Pub mit einer ehemaligen Mitschülerin führt, die gerade als Studentin auf Heimatbesuch ist. Als sie mit ihrem Weggang aus der Abgeschiedenheit Yorkshires prahlt, erwidert Johnny verbittert „Nicht jeder hat die Wahl“. Auch an diesem Abend wird er sich heillos betrinken.

Als der junge, rumänische Saisonarbeiter Gheorghe (Alec Secareanu) auf die Farm kommt, wird er nicht nur von Johnny mürrisch und misstrauisch begrüßt - beim ersten Abendessen erinnert ihn auch der alte Farmer unverfroren daran, dass sie „kein Obdachlosenasyl“ seien.

Fremdenfeindlichkeit ist ein großes Thema in Francis Lees Film, und sie erscheint immer wieder in dessen feiner und vielschichtiger Dramaturgie.

Die beiden jungen Männer verbringen viel Zeit miteinander und kommen sich während der harten Arbeit auf der Farm behutsam näher. Gheorghe ist das Gegenteil des störrischen Briten - er hat ein Ziel, ist kreativ in seinem Beruf, und hinter seinen traurigen Augen spürt man die Leidenschaft für das raue Leben eines Schafbauers. Als einem verwaisten Lamm droht, nicht von der Herde aufgenommen zu werden, bindet er das Fell eines gerade gestorbenen Lamms über dessen Körper und führt es der Mutter zu. Die Häutung des toten Lamms und die gleichzeitige Rettung des anderen jungen Tieres ist eine brutale und gleichzeitig herzzerreißend schöne Szene, die das erste Lächeln auf Johnnys Gesicht zaubert, der sich langsam, aber widerstrebend öffnet.

Die beiden Hauptdarsteller haben vor Drehbeginn mehrere Monate gemeinsam auf einer Farm gearbeitet, und die Szenen erlangen durch diese Vorbereitung eine große Authentizität. Als Johnny und Gheorghe für ein paar Tage die Farm verlassen, um mit den Schafen im Hochland zu leben, wandeln sich die erst zaghaften Berührungen in starkes Begehren, dass in einer dem Genre angemessenen, matschigen Sexszene kulminiert.

Man kennt das aus anderen Filmen, in denen es um raue Männer geht, die sich in einander verlieben. Mit welcher zärtlichen Intensität der Regisseur aber die darauf folgende Körperlichkeit zwischen den jungen Männern inszeniert ist überwältigend. Wie sich Gheorghe von Johnny den ersten Kuss erkämpft, gehört zu den innigsten Liebesszenen die ich je gesehen habe. Es gibt kaum Dialoge in diesem Teil des Films, doch unterstützt von der einfühlsamen Kamera (Joshua James Richards) vermitteln die beiden großartigen Darsteller durch zarte Blicke und kleinste Gesten mehr, als Worte es könnten.

Nach ihrer Rückkehr auf die Farm erfährt Johnnys Vater eine dramatische Verschlechterung seines Gesundheitszustands. Die neue Situation zwingt Johnny, Verantwortung zu übernehmen – widerwillig nimmt er die neue Rolle an. Auch in der Beziehung zu Gheorghe kommt es zu einem heftigen Zwischenfall, und die erhoffte gemeinsame Zukunft steht auf dem Spiel.

Für seinen Debütfilm hat Francis Lee beim diesjährigen Sundance-Filmfestival den Preis für die beste Regie gewonnen. Es ist naheliegend, dass der Film mit Ang Lees Meisterwerk „Brokeback Mountain“ verglichen wird, denn auf den ersten Blick gibt es viele Parallelen. Trotzdem sind die beiden Werke sehr verschieden. Anders als in „Brokeback Mountain“ gerät die Liebe der Protagonisten nie durch die abwertende Haltung der Gesellschaft in Gefahr, vielmehr sind es Themen wie Fremdenhass und der drohende Existenzverlust in der jungen Generation englischer Landwirte, die beiläufig, aber nachhaltig thematisiert werden.

Abgesehen von der schroffen Liebesgeschichte der beiden Protagonisten sind die Szenen zwischen Johnny und seinem entkräfteten Vater und die daraus entstehende Emanzipation des jungen Mannes von großer Intensität und meisterhaft inszeniert. „Macht dich das glücklich?“ fragt Johnnys Vater seinen Sohn gegen Ende des Films. Es ist unklar, was genau er damit meint, aber Johnny hat zu diesem Zeitpunkt bereits gelernt, dass er seines eigenen Glückes Schmied ist. Es ist eine eindrucksvolle Szene.

„God´s own country“ ist einer dieser Filme, die glücklich machen. Francis Lee hat mit seinem kleinen Film dem Queer-Cinema endlich wieder eine große Liebesgeschichte geschenkt. Ein Grund zur Freude.

Michael Banzhaf

Berlin Station

2 Staffeln, abrufbar auf Netflix

Im Juli 2017 präsentierte Netflix Deutschland die erste Staffel von „Berlin Station“. Viel Werbung wurde dafür nicht gemacht. Und als Zuschauer dachte man zunächst: Noch eine Agenten-Serie? Kann das gut gehen? Es kann. Und wie. Das gilt auch für die gerade erschienene 2. Staffel. Denn die Crew um Serien-Erfinder Olen Steinhauer macht vieles richtig.

Aber was genau machen die US-Amerikaner anders als deutsche Serien-Produzenten? Ähnlich wie der nur Monate zuvor von Amazon produzierte und groß angekündigte deutsche Serienversuch „You are wanted“ spielt „Berlin Station“ in der deutschen Hauptstadt. Was die amerikanische Agenten-Serie aber vom Schweighöfer-Einerlei unterscheidet, ist ihr Umgang mit Berlin: Während die Stadt bei „You are wanted“ zur bloßen Kulisse verkommt, in der man nahezu kein Setting glaubt, weil Regie und Produktion zu sehr darauf aus sind, die üblichen Postkarten-Motive ins Bild zu bekommen, setzt „Berlin Station“ auf ein authentischeres Berlin, traut sich in Weddinger Hinterhöfe, in Kreuzberger Bars oder in queere Nachtclubs – eben ins Berliner Leben der Gegenwart. Natürlich darf im Agenten-Plot auch der Teufelsberg nicht fehlen.

Hilfreich war sicher, dass die Drehbuch-Autoren während ihrer Arbeit tatsächlich in der Stadt lebten – drei Viertel der Dreharbeiten sollen auch in Berlin stattgefunden haben, die Innenaufnahmen entstanden im benachbarten Potsdam-Babelsberg.

„Berlin Station“ spielt in der Welt US-amerikanischer CIA-Agenten, die in der titelgebenden Station in der US-Botschaft am Pariser Platz ihre deutsche Basis haben. Protagonist Daniel Miller (Richard Armitage, bekannt als Thorin Eichenschild aus „Der Hobbit“) ist gerade nach Berlin versetzt worden, offiziell zur Unterstützung des Teams um Station-Chef Steven Frost (Richard Jenkins), inoffiziell von höherer Stelle damit beauftragt, einen immer mehr für Skandale sorgenden Whistleblower namens „Thomas Shaw“ ausfindig zu machen.

Shaw hat schon einige Geheimdienst-Interna medienwirksam an die Redaktion der „Berliner Zeitung“ weitergereicht (deren federführende Journalistin spielt die Deutsche Victoria Mayer), natürlich sehr zum Missfallen der ohnehin schon unter ihrem schlechten Image leidenden US-Geheimdienste; und zur Freude von Datensicherheits-Kritikern in Deutschland, bei denen Shaw zu so etwas wie einem Popstar-Phantom geworden ist.

In den zehn Folgen der ersten Staffel ist so ziemlich alles drin, was man von einem Agenten-Thriller erwartet: geheime Treffen, versteckte Nachrichten, Verfolgungsjagden, abgehörte Telefonate, Doppelagenten, Saboteure, Affären ... Das ist spannend und unterhaltsam – und trägt die Episoden-Dauer von jeweils 50 Minuten nahezu ohne Längen. Dabei lebt die Serie von Aktualität und Realitätsbezug. Die „normale“ Arbeit neben der Shaw-Jagd heißt, zugegebenermaßen sehr naheliegend: potentielle Islamisten aufspüren und möglichst in flagranti bei der Anwerbung von Unterstützern für den Krieg des IS in Syrien zu erwischen.

Wenn die CIA mit dem deutschen Bundesamt für Verfassungsschutz zusammenarbeitet und dabei nicht alles mit rechten Dingen zuzugehen scheint, fühlt sich der deutsche Zuschauer an den einen oder anderen Verfassungsschutz-Skandal erinnert. Die Besetzung von BfV-Chef Hans Richter und Mitarbeiterin Esther Krug mit den deutschen Schauspielern Bernhard Schütz und Mina Tander erweist sich als Glücksgriff: Ihre Figuren werden so geschickt geführt, dass sie mal Vertraute, mal Gegenspieler der Amerikaner zu sein scheinen. Dass sie in der amerikanischen Originalfassung Deutsch sprechen, ist da selbstverständlich: Authentizität wird bei „Berlin Station“ eben groß geschrieben.

Auch der Abhörskandal um das Kanzlerinnen-Handy findet Platz in den 500 Spielminuten der ersten Staffel. Die Serie versucht erst gar nicht, das Image des Geheimdienstes als Datensammelkrake zu beschönigen, sondern stellt es schonungslos zur Schau: Permanent werden Rechner gehackt, Handys abgehört, versteckte Kameras installiert – amerikanischer Agentenalltag eben. Der Titelsong „I’m afraid of Americans“ von David Bowie ist denn auch kein Zufall, sondern Programm.

Mit dramaturgischer Sorgfalt sind die Figuren entwickelt. Jede hat ihre Geheimnisse – selten weiß der Zuschauer, wo die Agenten-Professionalität endet und die private Figur beginnt: Hauptfigur Daniel Miller trägt genauso sein Paket wie Station-Leiter Steven Frost und Co-Leiter Robert Kirsch (Leland Orser), die ihre Leichen im Geheimdienst-Keller haben und unter Druck geraten, als die CIA-Zentrale genauer hinzuschauen versucht. Hector DeJean (Rhys Ifans), ein sogenannter Case Officer und ranghoher Mitarbeiter der Station, verbindet eine verschüttete Geschichte aus der Vergangenheit mit Daniel Miller. Hinzu kommt eine merkwürdige Connection DeJeans in die queere Szene – so undurchschaubar sie ist, so gut motiviert sie das gezeigte Berliner Nachtleben. Auch die Figur Julian, ein Vertrauter DeJeans, ist mysteriös. Ihr Darsteller, Ex-Berliner-Ensemble-Schauspieler Sabin Tambrea, ist ein Pfund: Wie er seiner Figur aschgraue Rätselhaftigkeit verleiht, ist reine Zuschau-Freude.

Was also ist das Erfolgsgeheimnis von „Berlin Station“? Sicher, dass die Serie unter dem Aufmerksamkeits-Radar entstehen konnte und damit anders als die anderen in Berlin spielenden Agenten-Serien – wie „You are wanted“ und die fünfte „Homeland“-Staffel – frei von Erwartungsdruck war. Die Produzenten konnten ungestört an ihrer Vision arbeiten, ohne unter permanenter Medien-Beobachtung zu stehen. Dazu gehört aber auch das Casting von Suzanne Smith: Es spielen sehr gute, dabei nicht unbekannten Schauspielern, die aber alle noch nicht fernseh-‚verbraucht’ sind. Und dann ist da die unverkennbare Liebe zum Detail, ja: zur Perfektion. Sie reicht vom Umgang mit den Locations (Spiel-Orte und die Wege dazwischen sind fast immer realitätsgetreu miteinander verbunden) über das Kamerabild (Hagen Bogdanski) bis zur Ausstattung (Christiane Rothe).

Auf dem Heimatmarkt erntete „Berlin Station“ nicht nur wohlwollende Kritik – vielleicht ist sie für den US-amerikanischen Zuschauer zu deutsch? Für den hiesigen jedenfalls ist es neben der spannenden Story gerade das deutsche Umfeld, das den Reiz ausmacht. Und die erschreckende Aktualität. Natürlich könnte man der Serie vorwerfen, dass sie sich mit der Wahl von Berlin als Spielort auf einen Trend setzt, sich beim aufregenden Image der immer schlaflosen Metropole bedient. Und dass die Storyline vielleicht noch ein wenig dichter sein könnte, überraschender, mit noch mehr Wendungen. Aber das wäre Jammern auf hohem Niveau.

Dirk Baumann

Mathilde

Hat er, oder hat er nicht? Hat Nikolaus Alexandrowitsch Romanow seine Unschuld erst Ende 1894 verloren, als er Prinzessin Alix von Hessen-Darmstadt ehelichte und beide den Zarenthron bestiegen – oder nicht? Über diese Frage ist in Russland erbittert bis zur Gewaltanwendung gestritten worden, seit ruchbar wurde, dass Alexei Uchitels Melodram "Mathilda" (deutscher Verleihtitel: "Mathilde") die Liebesaffäre zwischen dem späteren Zaren Nikolaus II. und der skandalumwitterten Ballerina Mathilda Kschessinskaja zum Filmstoff macht. Was bedeutet, dass der Regisseur gar nicht umhin kam, ein paar Tanzszenen einzubauen, die ihm der Ballettchef der Permer Staatsoper, Alexei Miroshnichenko, choreografiert hat. Damit das gleich erledigt ist: Von historisch informierter Ballettpraxis kann gar keine Rede sein, vielmehr werden die Beine geschmissen und die Fouettés gepeitscht, dass einem Marius Petipa Hören und Sehen vergangen wäre.

Aber ein Ballettfilm will "Mathilde" ja auch nicht sein, sondern eher eine Leinwandoper in Visconti-Manier. Was die Opulenz der Ausstattung (und damit die Kosten) betrifft, kann es "Mathilde" durchaus mit "Ludwig II." aufnehmen: Soviel Goldprunk an Wänden, Möbeln, Kleidern war im Kino lange nicht zu sehen, das Defilee der Seidenroben und Schmuckuniformen wirkt geradezu erschlagend. Wer spätfeudalistische Prachtentfaltung zu schätzen weiß, wird an "Mathilde" gewiss seine Freude haben.

Nun ist mit dem Schaubühnen-Star Lars Eidinger in der Zarewitsch-Rolle ein Vertreter der ersten Theater-Liga am Start, vermutlich dank der Tatsache, dass die Filmstiftung Baden-Württemberg als Koproduzentin firmiert. Aber Eidinger ist kein Helmut Berger, und Michalina Olszanska, die der tanzenden Mathilda Kschessinskaja nach "Black-Swan"-Rezept lediglich Kopf und Dekolleté leiht, keine Romy Schneider. Die historisch verbürgte Liaison zwischen der Tänzerin und dem Thronanwärter bleibt trotz Bettszenen so keusch, dass man den Frömmlern jenseits des Urals zurufen möchte: "Selbst wenn sieʼs getan haben, kann das für Euren heiliggesprochenen Zaren nun wirklich kein Erweckungserlebnis gewesen sein!"

Lust flackert an ganz anderer Stelle auf – dort nämlich, wo Kschessinskajas Lebensweg später tatsächlich hinführte. Wann immer Prinz Andrei in Erscheinung tritt, Cousin des künftigen Kaisers und Verehrer der Ballerina, kitzelt der Eros die Sinne. Grigori Dobrygin, selbst ausgebildeter Tänzer, brilliert in der Nebenrolle des Manns, den die Kschessinskaja schließlich 1921 im Pariser Exil heiratete. Keine schlechte Wahl, wenn "Mathildes" Herrentableau als Maßstab gilt.

Dorion Weickmann

www.kinostar.com