Rezensionen Oktober 2022
Foto: Ursula Kaufmann
Ferdinand Schmalz: «hildensaga» in Worms
Der Mensch ist des Menschen Wolf, hat Ferdinand Schmalz mit Thomas Hobbes erkannt, dessen Naturzustand eben ein Kriegszustand aller gegen alle ist. Damit beweist Schmalz seinerseits erheblichen geopolitischen Weitblick. Seine «Nibelungen»-Variante hat er bereits für die Festspiele 2020 geschrieben, die dann aber vor Corona kapitulieren mussten. Dafür passen die Machtschachspiele vom Rhein jetzt umso besser in eine Zeit, in der ein europäischer Staat statt mit völkerrechtlichen Verträgen mit purer Gewaltaggression regiert.
Die zentralen Akteure sind jedoch nicht die nibelungentreuen Intriganten und Feierbiester, auch nicht Brünhild, die als Einzige überleben wird. Sondern Kriemhild, die Burgundenschwester, die eine erstaunliche Entwicklung macht: vom glamourösen Cocktailgirl, das die Männer vom Burgturm herab betrachtet, zur überlegenen Politikerin, die schließlich die Seite wechselt. Hier liegt der entscheidende Hebel von Schmalz’ «hildensaga». Nach dem Hochzeitsnacht-Betrug und Brünhilds ehelicher Vergewaltigung belässt sie es eben nicht bei eifersüchtelndem Königinnen-Gezänk wie bei Hebbel, sondern agiert mit unbedingter Frauensolidarität: Sie gibt Brünhild den geraubten Zaubergürtel zurück, wiegelt die Brüder gegen Hagen auf, sticht Göttervater Wotan das letzte Auge aus und geht schließlich mit auf Rachefeldzug. Am Ende wird sie zwar Hagens letztes Opfer, dafür müssen anschließend die männlichen Hauptschurken ihr Leben unter Brünhilds Eisenhand verröcheln. Das letzte Wort aber behalten die Nornen: «da draußen warten wölfische zeiten.»
Die gesamte Rezension von Franz Wille lesen Sie in Theater heute 10/22