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Machtfreies Theater?

Eine Gesprächsrunde mit vier weiblichen Führungskräften

Die Fakten liegen auf dem Tisch – und sie sind erschreckend. Nach wie vor ist die Zahl der weiblichen Führungskräfte nicht nur an bundesdeutschen Opernhäusern äußerst gering. Eine Handvoll Intendantinnen, dazu drei weibliche Generalmusikdirektoren – das war’s hierzulande. Daran hat auch Thomas Schmidts erhellendes Buch «Macht und Struktur im Theater» von 2020 kaum etwas geändert. Diejenigen, die im Besitz der Macht sind, verteidigen sie mit allen möglichen und unmöglichen Mitteln, die (patriarchal dominierten) Hierarchien sind, scheinbar unantastbar und verkrustet, dieselben geblieben. «Opernwelt» hat vier Frauen, die den «Betrieb» aus eigener Anschauung und Tätigkeit sehr gut kennen, zu einer Gesprächsrunde gebeten, bei der es vor allem darum ging, Lösungswege freizuschaufeln, damit an den bestehenden Machtverhältnissen eines Tages vielleicht doch gerüttelt werden kann: Birgit Meyer, die nach zehn erfolgreichen Jahren unsanft aus dem Amt gedrängte Intendantin der Oper Köln, Anna Skryleva, Generalmusikdirektorin am Theater Magdeburg, Louisa Proske, Hausregisseurin und Stellvertretende Intendantin an den Bühnen Halle, und die Dramaturgin Yvonne Gebauer.

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Jede von Ihnen abschließend einen Traum frei: Erfinden Sie ein Theater, das nicht den Gesetzen des aufgeklärten Absolutismus folgt, sondern in einem machtfreien Diskursraum agiert. 
Yvonne Gebauer: Mein Theater ist – ausgehend von dem historischen Vorbild von Gleichheit, Freiheit, Schwesterlichkeit und Brüderlichkeit – mit Menschen besiedelt, die selbstbestimmt sind und das Recht auf ihre eigene Meinung haben, ohne dem Spargelprinzip ausgesetzt zu sein, das heißt: wer den Kopf heraussteckt, wird geköpft. Wenn auf der Bühne das stattfindet, was real geschieht, ist das ideale Theater erreicht. Eine Zusammenkunft reflektierter Menschen in einem angstfreien Zusammenhang – das wäre für mich das ideale Theater.

Louisa Proske: Ich möchte noch ein bisschen an dem Modell festhalten, dass es Leitung gibt – wobei wir mehr Demokratie schaffen können. Aber zugleich denke ich darüber nach, wie wir Erfolg messen und feiern. Und dazu zählen nicht nur Publikumszahlen und die künstlerische Qualität, sondern auch, wie man mit Empathie und im Dialog leitet: dass solche Qualitäten gesehen und beschrieben werden, dass man Macht besser ausüben kann. Ich glaube nicht, dass das Theater ein machtfreier Raum sein kann, das ist unrealistisch.

Andererseits treibt es mich sehr um, dass wir sehr viel über die Politik des Theatermachens reden. Wichtig ist, dass das eigentliche Theater, die Kunst selbst einen Freiraum behalten darf und nicht gut oder korrekt sein muss, sondern alles denken kann, auch das Unangenehme, Abgründige, und dass wir diese Spannung aufrechterhalten können. Das eine darf nicht als Entschuldigung für das andere dienen. Mein Traum ist ein Denk-Freiraum, wo Transgressives auf der Bühne mit dem Einvernehmen aller Beteiligten passieren kann. Ich glaube, dass man Strukturen schaffen muss, die imstande sind, mit guten wie mit schlechten Menschen umzugehen. Nur gute Menschen werden wir nicht bekommen.

Anna Skryleva: Für mich besteht das vorrangige Ziel darin, dass wir es schaffen, Theater und Kunst auf Augenhöhe mit der Realität ausüben zu können. Momentan drängt die Gesellschaft durch politische Korrektheit in eine Ecke, wo wir gegenüber jedem tolerant auftreten möchten. Kunst aber kann nicht immer korrekt sein, und darin liegt ihre Freiheit. Sie darf nicht nur schön sein, sie muss Spiegel unserer Gesellschaft sein und eben auch die Probleme des Alltags aussprechen. Mit Tanz und Bildern, mit Schauspiel und Gesang.

Birgit Meyer: Ich träume von einem machtfreien Theater. Und die Gattung Oper sollte darin eine so große Ausstrahlung haben, dass viele Menschen – jung und alt – davon angezogen werden. Alle, die dazugehören, und dazu zähle ich explizit auch das Publikum, sollen sich als mündig fühlen: Mitarbeiter, Künstler, Zuschauer. Ich wünsche mir viel mehr Begegnungen und Gespräche, damit die Menschen, die das Theater machen, aber auch diejenigen, die es besuchen, mit Eindrücken hinausgehen, die sie weiterhin beschäftigen. Wenn das gelingt, verbindet sich etwas. Der Wert der Kunst muss in den Mittelpunkt rücken, und wir sind aufgerufen, dass das auch so bleibt. Hoheiten müssen abgegeben werden, indem man die Häuser öffnet und sich dies auch in der Architektur abbildet, so dass es einen demokratischen Zugewinn gibt.

Das gesamte Interview von Jürgen Otten lesen Sie im Jahrbuch Opernwelt