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Übersetzer und Kommentator

Gespräch mit Jürgen Flimm nach seinem 80. Geburtstag

Sind Sie dünnhäutig, was Kritik angeht?
Nein, überhaupt nicht. Wenn man Theater macht und mag, dann muss man Kritik ertragen, weil sich, wenn sie gut ist, vieles verbessern kann. Der Dramaturg Wolfgang Wiens etwa war ein furchtbarer Mörder. Der kam in die Proben und vernichtete alles, was nicht richtig war. Und leider hatte er fast immer recht! Wenn man eine solche Kritik nicht aushält, kann es sein, dass man als Regisseur in die völlig falsche Richtung läuft. Ich erinnere mich noch an einen «Onkel Wanja». Mir erschien der erste Akt als brillant. Doch dann kam Wiens und stampfte mich zur Normalgröße zurück: «Du hast schon alles im ersten Akt erzählt! Das musst du später machen.» Und er hatte wieder mal völlig recht. Einen solchen Dramaturgen zu haben, ist ein großes Glück.

 

Was muss ein guter Dramaturg können?
Er muss sehr viel Literatur kennen, inklusive der Querverweise, er muss schreiben und gute Programmhefte machen können, und ein Polizist muss er sein, sprich, über ein hohes Geschmacksempfinden verfügen. So wie Wiens, der auch einmal Regisseur war, sich selbst aber nicht begabt genug fand. Er war, neben dem enorm eloquenten Klaus Zehelein, der beste Polizist, den ich kannte. Auch Hermann Beil war ein großes Ass, ein großer Kenner und Könner, zudem ein Mann von einer unglaublichen Freundlichkeit! Peymann wäre ohne ihn nie so weit gekommen.

Was ist der Job des Regisseurs?
Er muss Übersetzer und Kommentator in einem sein. Er muss eine Haltung zu dem Text haben, den er inszeniert, und egal, was er mit dem Text macht, wie subjektiv er ihn auslegt, muss der Zuschauer diesen Text wiedererkennen. Wenn der Anlass, warum Sie ein Stück machen, nicht klar erkennbar wird, wenn das Material nicht durchscheint, dann ist es meist schwach, dann wird es eine hohle Geschichte.

Das gesamte Interview von Jürgen Otten lesen Sie im Jahrbuch Opernwelt