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Unheimlich attraktiv

Diedrich Diederichsen über Barrie Koskys Neu-Inszenierung der «Dreigroschenoper»

Diese Inszenierung macht sich keine Illusionen, dass sie an ihrem Material mit großen Eingriffen viel reißen könnte. Die «Dreigroschenoper» ist vor allem dank der Musik nicht veraltet genug, um sie von Grund auf reformieren zu können. Solange heute Fünfundzwanzigjährige noch jederzeit von Nina-Simone- oder Tom-Waits-Fassungen der Songs nachhaltig zu begeistern sind, oder auch mich der Kurt Weill, der mit Langston Hughes zusammen die viel zu unbekannte Oper «Street Scene» geschrieben hat, immer noch komplett überzeugt, hilft da keine Generalsanierung, dafür steht das Gebäude viel zu gut da.

Und für politisch-ästhetischen Zündstoff ist dieses Brecht-Werk, das dem DDR-Dramatiker die Herzen noch der eingefleischtesten Antikommunisten mitten im Kalten Krieg doch noch zufliegen ließ, nicht nur zu ausgewrungen, sondern eben doch auch zu veraltet. Gerd Fröbe als Peachum, Hildegard Knef als Seeräuber-Jenny und Curd Jürgens als Macheath – das war die adäquat besetzte Adenauer-«Dreigroschenoper», der historische Kompromiss zwischen «Teufels General», «Goldfinger» und «Die Sünderin» im realen Sozialismus.

In der Pause kam ich mit einem älteren Herrn ins Gespräch, der in der Inszenierung den Inhalt der «Dreigroschenoper» vermisste. Welchen denn genau? Ja, zum Beispiel den Antikapitalismus. Stimmt, den legendären Satz, der den Bankraub gegen das größere Verbrechen, eine Bank zu gründen, verteidigt, den haben sie rausgenommen. Und anders als in meiner Jugend, wo man zu den beiden «Dreigroschenopern», die ich als Teenager gesehen habe, Dias mit Vietnamkriegsszenen und Bildern aus der Great Depression an die Wand geworfen hatte, gibt es heute ein neutrales, minimalistisches Klettergerüst auf der Bühne, zwischen Großstadtabstraktion und kindgerechter Verausgabungsermöglichung. Aber hätte der Stoff tatsächlich mehr hergegeben, wenn man auf das Verbrechen der Bankengründung nochmal gesondert hingewiesen hätte?

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