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Fülle des Wohllauts

Sängerin des Jahres: Asmik Grigorian

Das Votum ist überwältigend und in der Geschichte der «Opernwelt»- Umfrage ein absolutes Novum: Fast die Hälfte aller befragten 50 Kritikerinnen und Kritiker gab ihre Stimme in der Rubrik «Sängerin des Jahres» Asmik Grigorian.

Man hat auf der Bühne schon viele gute und auch einige sehr gute Salomes gesehen. Eine solche jedoch noch nicht. Diese Salome ist, im wahrsten Sinn des Wortes, ver-rückter; sie ist aberwitziger, dabei existenzieller: Sie ist außer sich und doch in jeder Sekunde bei sich, ekstatisch und bodenständig. Und sie ist mehrere Salomes in einer. Das war auch schon im vergangenen Sommer so, als Asmik Grigorian ganz Salzburg in euphorische Verzückung versetzte, in dieser magischen Inszenierung von Romeo Castellucci, mit den irren Bildern, die einem mitten ins Herz schneiden, mit all den Lacan’schen Metaphern, und mittendrin mit ihr, der wunderbaren litauischen Sopranistin, die zwar schon als «Wozzeck»-Marie ein Jahr zuvor toll gewesen war, aber da hatte es noch niemand bemerkt. Salome ist eben eine Ausnahmepartie. In jeder Hinsicht.

Und dann diese Stimme. Fülliger ist sie geworden, farbiger. Aber nach wie vor besitzt sie diese unglaubliche Power. Wenn die Königstochter zu ihren vokalen Höhenflügen aufbricht, die obsessiv zwischen zweigestrichenem Fis und A changieren (und zweimal sogar bis zum B emporsteigen), dann wird die gesamte Felsenreitschule überschwemmt von diesem fast paradoxen Klang. Dieser Klang ist metallisch und lyrisch zugleich. Er ist dramatisch forciert, klingt aber nicht einen Takt lang angestrengt. So seltsam das anmutet: Dieser Klang ist einfach da. Und er ist großartig. Er ist das Leben.

Jürgen Ottens großes Porträt von Asmik Grigorian
finden Sie im Jahrbuch der Opernwelt.