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Rezensionen

Tanz-Rezensionen #3

Ludwigshafen, Duisburg

Icon. Foto: Mats Bäcker

Sidi Larbi Cherkaoui: "Icon/Noetic" in Ludwigshafen

Wieder am 21., 22. Oktober im Pfalzbau

Er liebt es, sich ständig etwas Neuem auszusetzen: Shaolin-Mönchen, dem Tango, Wagners «Ring», japanischen Mangas, den Ballets russes, der Sprachverwirrung von "Babel", der "Nussknacker"-Märchenwelt, Ravels "Boléro". Sidi Larbi Cherkaouis Blick auf die Bewegung, welche Tanz wird, ist einer, der die Vielfalt sucht, das Neue, Andere in den Kulturen, Religionen und Kunststilen findet. Dieser Choreograf will nur eins: nicht stehen bleiben.

Andererseits ist Sidi Larbi Cherkaoui – als Sohn eines muslimischen Marokkaners und einer katholischen Belgierin in Antwerpen französischsprachig aufgewachsen – auch ein Mann der Treue. Was sich wie ein Faden durch sein vielgestaltiges Werk zieht und sich zum Beispiel im Festhalten, Weitermachen, abermaligen Stück-Entwickeln mit dem weltberühmten englischen Bildhauer Antony Gormley äußert. Fünfmal haben die beiden bereits zusammengearbeitet. Jetzt, beim sechsten Mal, erreicht ihre Kollaboration ein neues Niveau.

Und zwar wieder bei der für Innovatives offenen GöteborgsOperans Danskompani, wo die scheidende, inzwischen nach Wuppertal ans Tanztheazter gewechselte Chefin Adolphe Binder auf die clevere Idee verfiel, namhafte Choreografen in Ruhe eine Kreation entwickeln zu lassen und mit dieser dann international auf Tournee zu gehen, mit "Noetic" und "Icon". In "Noetic", 2014 ebenfalls in Göteborg herausgekommen, dienen Kohlefaserbögen als Instrumente der Metamorphose. Gormley hat die Objekte entwickelt, mit denen die Tänzer ihre Körperlichkeit verändern, verlängern, verdichten, um dabei ständig wechselnde choreografische Arrangements zu präsentieren.

"Icon" ist der zweite Teil eines Ende 2016 herausgekommenen Abends über "Icon & Iconoclasm" – über Aufbau, Bedeutung und Zerstörung von Bildern. Diesmal hat Gormley nicht ein Ding erdacht, sondern eine Masse Material geliefert, die das einstündige Stück determiniert: Ton. Das ist – als lehmige Erde – der Stoff, auf dem wir laufen und aus dem wir der griechischen Mythologie zufolge gemacht worden sind, von Prometheus nach seinem titanisch-göttlichen Abbild. Dreieinhalb Tonnen Ton sind nun das Fundament und der kreative Ausgangspunkt für das, was Gormley mit den 14 Tänzern aus Göteborg sowie sechs Mitgliedern von Cherkaouis Eastman Company bildnerisch erarbeitet, erspielt, geknetet hat. Sidi Larbi Cherkaoui gab ihm dramatische Form.

Ton lässt sich bearbeiten und behält seine Gestalt. Er ist schmiegsam und spröde, schwer und streichzart. Er wird hier zum Urelement, das die Gemeinschaft gemeinsam bespielt, das sie aber auch zusammenhält. So lassen sich daraus Idole und Masken gestalten, obszöne Miniaturen, Hüte und Helme. Man kann sich darunter verstecken, darin einwickeln, unsichtbar machen. Ton verkleidet, verleiht neue Identität – und wird am Ende immer wieder neu durchgewalkt und so in eine andere Form und Bedeutung gebracht. Nichts bleibt, alles ist provisorisch und im Übergang. Die Truppe scheint sich dessen immer wieder verwundert zu versichern. Sie schält sich erst aus den längst verschmutzten Kleidern und ergeht sich dann in wildem Tanz, ein kreativer Aus- und Aufbruch.

Dazu ertönen live japanische Saiteninstrumente, Flöten und Trommeln, koreanische Streicher spielen auf, und es gibt Gesang von Anna Sato und Patrizia Bovi. Das ist archaisch, orientalisch, heilig. Und auch hinreißend naiv. Cherkaouis Raffinesse und sein Talent für Nuancen retten das Stück davor, nur ein multikultureller Kindergartentrip mit Lehmkuchenbacken zu bleiben. Was schnell albern wirken könnte, schillert hier poetisch und diskursiv.

Manuel Brug

http://www.theater-im-pfalzbau.de/programm/tanz/?eventUid=2563

↓ Rezension 2

 

 

Foto: Gert Weigelt

Martin Schläpfer: "b.32" in Duisburg und Düsseldorf

Wieder am 21. Oktober, 12., 16. November in Duisburg, ab 22. November in Düsseldorf

Absurd viele Rosenkränze trägt sie um beide Unterarme. Sie drückt die Ketten ans Herz, taumelt und schlägt sich selbst. Camille Andriot stürzt auf einen Stuhl zu, als verspräche er Erlösung, und tollt wie befreit darauf herum. Dann richtet sich der verzweifelte Blick gen Himmel, und ihr Leib krümmt sich. Was das Hadern mit Gott und die Drangsal der Kirche mit den Menschen machen, treibt Martin Schläpfer seit Jahren um.

Schon in Mendelssohn-Bartholdys «Reformationssymphonie» sah man Jörg Weinöhl in lutherischer Seelenpein zitternd niedersinken, während hinter ihm die Choralmelodie «Ein feste Burg ist unser Gott» erschallte. Und im Brahms-Ballett «Ein Deutsches Requiem» zeichnete der Chefchoreograf des Ballett am Rhein erneut ein sensibles Bild des Menschen auf der Suche nach Antworten auf die großen Fragen.

Deutlich strenger geht er mit dem lieben Gott in Rossinis "Petite Messe solennelle" als katholischem Gegenentwurf ins Gericht. Sein gleichnamiges Ballett, Programm "b.32", ist eine blasphemische Hymne auf das Leben. Beim Hineinhorchen in die sakrale Musik des humorvollen italienischen Opern-Komponisten entdeckte Schläpfer Nachdenkliches, aber auch Heiteres, Anzügliches, Derbes. Während aus dem Graben die intime Originalbesetzung von zwei Klavieren und Harmonium sowie vier Gesangssolisten und Chor inniglich erklingt, entfaltet sich auf der Bühne das Alltagsleben eines italienischen Dorfs. 

Florian Ettis stilvolle Ausstattung siedelt das Geschehen Ende der 1940er-Jahre an. Er steckt die Tänzer in Kittelkleider oder Hosen in gedeckten Farben. Leid und Lebenslust liegen nah beieinander auf dieser ­Piazza, begrenzt durch Rundbögen wie ein Kirchengewölbe. Das devote Volk wird von grandiosen Ensemble-Szenen überzeichnet: Als Büßer schleichen die Leute mit gekrümmten Rücken über die Bühne, schlottern beim Beten. Schläpfer deutet Figuren und ihre Schicksale an, etwa den Pfarrer, der an seiner Sehnsucht nach weltlichen Freuden verzweifelt. Gleichzeitig inszeniert er mit großer Lust den Widerstand: Eine Gruppe stampft mit derbem Schuhwerk auf den Boden, als wollte sie den Heiligen Geist in die Flucht schlagen.

Gotteslästerlich-grantig wählt der Schweizer Requisiten: Mit Schinkenkeulen schlagen sich Tänzer wie mit einer Geißel auf den Rücken, Carabinieri tragen Fahnen mit dem Konterfei des Papstes, Mönche stopfen sich phallusartige Würste in den Mund. Einfälle stürzen auf die Bühne, dass einem schwindelig wird. Episodenhafte Szenen ereignen sich parallel. Jede Geste, jeder Schritt ist bedeutungsschwer. Auch die delikate Musik verlangt Aufmerksamkeit. Momente der Besinnung, der Reduktion fehlen.

So radikal und vielseitig sah man Schläpfer nie. Tanztheatral und hochphysisch ist seine Sprache, und wenn er den klassischen Formenkanon benutzt, dann unorthodox gebrochen. Unterm Strich ist vieles staunenswert, ästhetisch betörend und gleichzeitig aussagestark. Großartig, wie sich zum "Agnus Dei" einige Tänzer wie zu einem Fresko reihen, um revueartig religiöse Gesten vorzuführen. Eines ist deutlich: Schläpfer verschiebt die Möglichkeiten des klassischen Balletts immer weiter, Gott – oder wem auch immer – sei Dank!

Bettina Trouwborst

https://operamrhein.de/de_DE/repertoire/b-32.1122955