Tanz-Rezension #4
On tour: Jan Fabre "Belgian Rules/Belgium Rules"
Wieder am 27./28. Oktober am Teatro Central Sevilla; am 3. November im Concertgebouw Brügge; am 07./08. November an der Stadsschouwburg Amsterdam
Der Dicke wuchtet Bierträger herum und bedient sich reichlich selbst: hoch die Flasche, schluck, schwitz, rülps. So der Prolog zu vier vergnüglichen, atemberaubend schön bebilderten, bis zur Selbstaufgabe getanzten Stunden, wie ihn Shakespeare nicht rüpeliger hätte erdenken können. Belgien sei das Land des Comics, sagt einer der schlanken, schönen, zumeist ganz jungen 15 Performer. Als farbensatten, aber auch nebelfahlen, mit viel Bier geduschten, gruselig-komischen Comic spult Jan Fabre seine «Belgian Rules/Belgium Rules» ab, eine derb-zarte Liebeserklärung an sein plattes Land, uraufgeführt beim Festival «ImPulsTanz» im Wiener Volkstheater.
Bier, Schokolade, Pommes mit Mayo in Papiertüten, royaler Glanz in Spielmannszügen albern uniformierter Garden, Karneval mit Funkenmariechen, katholische Bigotterie, Elysium der Künste von Bosch über Rubens bis Magritte, Jacques Brel und auch die Radrennfahrer-Legende Eddy Merckx – Stereotypen, die den Dreivölkerstaat Belgien begleiten und hier ihren Auftritt haben. Auch deshalb ist Fabres Belgientour selbst für Nichtbelgier verständlich.
Aber Fabre sitzt den lustvoll zitierten Klischees nicht auf, er kombiniert sie neu: Der dicke Hausmeister, zum Beispiel, der durch Fabres allegorische Szenerie tapert, trägt René Magrittes Pfeife im Mund. Und die ist bekanntlich keine Pfeife, wie ja eben nie etwas das ist, wonach es zunächst ausschaut. Fabres Allegorien für seine Landsleute sind Igel und Tauben. Die Igel, die mit ihren Stacheln das verletzliche Innere schützen, haben Füßchen, kräftig genug, nach anderen zu treten – nach den gemeinen Stadttauben zumal, die in ihrem Einheitsgrau verhüllten Musliminnen gleichen.
Denn die satirische Camouflage der landestypischen Hybris ist in Fabres Belgien-Kaleidoskop Programm. Da wird die Islamisten-Hochburg Molenbeek als besonders beliebtes Wohnviertel gepriesen. Die Vergangenheit kommt, versteht sich, nicht besser weg: Belgiens blutige Kolonialgeschichte zieht vorüber als Black-Minstrel-Show. Den Kern der Aufführung aber bildet das ebenso absurde wie widersprüchliche Regelwerk, das Fabre erfunden hat für sein Land. Es wird skandiert von Bierträger stemmenden oder bis zur physischen Erschöpfung auf der Stelle laufenden Männern und Frauen, ein Wort- und Körpermarathon als Vorlauf für eine Utopie, wie sie nicht jeder ertragen kann.
Im Schlussbild nämlich lässt Fabre ein ungewohnt optimistisches Manifest verkünden, das schließlich in einem lakonischen Bekenntnis gipfelt: «Es ist möglich, Belgier zu sein.» Trotzdem – keine ungetrübte Hoffnung, auch wenn weiße Friedenstauben weiße Friedensfahnen schwenken. Diese knattern hinweg über eine achtlos weggeworfene Babypuppe – Memento Mori heimischer Kinderschlächter, die es ja auch gegeben hat.
Eva-Elisabeth Fischer