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Schauspiel-Rezension #4

Berlin: Milo Rau „Lenin“

Am 04., 05, 16., 18. 19. November, 05., 09. 12. Dezember in der Schaubühne am Lehniner Platz

Lasset die Kindlein zu mir kommen! In der Pose des gütigen Vaters, der kleine Jungs und Mädels liebevoll in die Backen kneift, haben sich Diktatoren, wie kinderlos auch immer, stets gerne abbilden lassen. Von Wladimir Iljitsch Lenin sind solche Aufnahmen nicht überliefert, was schlicht daran liegen mag, dass die Zeit seiner Herrschaft zu kurz und zu unruhig war, schon bald auch von den Folgen seiner Schlaganfälle und der politischen Isolierung durch Stalin geprägt.

Milo Rau, der sich über den theatralen Einsatz von Kindern in «Five Easy Pieces» den Kopf zerbrochen hat, lässt in seiner Schaubühnen-Inszenierung über die letzten Tage des russischen Revolutionsführers wieder mehrmals einen Jungen und ein Mädchen an Ursina Lardis Lenin herantreten. Sie kommen aus seiner Heimatstadt Simbirsk und wollen ihm, weil er doch in letzter Zeit so müde geworden sei, einen Rollstuhl schenken.

Lenin befallen gegenüber den niedlich bezopften und bemützten Kindern die finstersten Gewaltfantasien: «Ich könnte dem kleinen Bengel die Gurgel umdrehen – so regt es mich auf, dieses pralle Leben, diese feisten Wangen … Wie Swerdlow es mit den Zarenkindern gemacht hat: In den Kopf schießen, ins Herz, dann mit dem Bajonett in den Bauch, immer wieder, immer wieder … Sind ja nicht totzukriegen … dann Salzsäure ins Gesicht und ab ins Massengrab.»

Dass diese Sätze nicht historisch überliefert sind, kann man im Programmbuch nachlesen, wo der Historiker Gleb J. Albert Raus «Lenin»-Skript in 54 Fußnoten kommentiert. An dieser Stelle etwa verweist Albert darauf, dass es keinen offiziellen Hinrichtungsbefehl für die Zarenfamilie gegeben habe, wenn man von Lenins Formulierung absieht, die Bolschewiken sollten «niemandem ein lebendes Symbol hinterlassen».

Auch der später auf der Bühne folgende, erschütternde Bericht des Protokollchefs Pjotr Petrowitsch Pakaln (Lukas Turtur) von einer angeblich bolschewistischen Folterpraxis, bei der das Opfer sich selbst die Gedärme aus dem Leib reißen muss, wird in einer Fußnote den gegnerischen «Weißen» zugeschrieben – mit dem sicher zutreffenden Hinweis, dass auch die Bolschewiken nicht zimperlich waren.

In einer Arbeit, die so besessen ist von Geschichte und vom historischen Detail, sind solche Verschiebungen natürlich nicht bedeutungslos. Auch diesmal erklärt Milo Rau seine Inszenierung und ihre Hintergründe in einem ausführlichen Interview im Programmbuch: Mit dreizehn habe er, der Sohn eines Schweizer Trotzkisten, seinen allerersten Schulvortrag über «Der junge Lenin» von Trotzki gehalten, «über die Jahrzehnte habe ich Dutzende, vielleicht Hunderte von Büchern gelesen über die russische Revolution, ihre Folgen, ihre Gründe.»

Jetzt, im hundertsten Jubiläumsjahr, kann sich Rau noch einmal mit seiner Jugendobsession auseinandersetzen – schön dialektisch und unverhohlen größenwahnsinnig in einem Triptychon: Auf «Lenin» folgen ein Weltrettungsbrainstorming in der «General Assembly» sowie eine Reenactment des Sturms auf den Winterpalast, an dessen Stelle in Berlin der Reichstag treten soll. 

Zunächst jedoch Lenins letzter Tag. Auf der Drehbühne ist eine Art Filmset errichtet, ein nicht naturgetreuer Nachbau von Lenins Landhaus vor Moskau (Bühne und Kostüme Anton Lukas und Sylvie Nauheim) mit allen Insignien der Bürgerlichkeit: Spiegel, Bücherregale, Stoffservietten, auch die alte feudale Hierarchie mit Köchin (Veronika Bachfischer), Leibwächter (Konrad Singer) und Sekretärin (Iris Becher) schimmert durch die revolutionäre Kommune hindurch. Links davon eine Kleiderstange mit Kostümen und eine Stuhlreihe für die, die noch auf ihren Auftritt warten, rechts der Garderobentisch, an dem im Verlauf der Inszenierung immer mehr Protagonist*innen zu ihren historischen Vorbildern umgeschminkt werden. Der historische Kostümfilm, den das Publikum auf dem Screen über dem Set verfolgen kann, ist also schon von der Bühnenstruktur her vielfach gebrochen und als (Re-)Konstruktion erkennbar.

Der Abend beginnt mit einem Smalltalk über Ikonen: Felix Römer, bereits kostümiert als Lew Dawidowitsch Bronstein, genannt Trotzki, wienert von Milo Raus jugendlicher Trotzki-Lenin-Leidenschaft, als wär es seine eigene gewesen. Und Kay Bartholomäus Schulze, der im Folgenden Lenins Leibarzt Fjodor Alexandrowitsch Guetier spielt, fügt trocken hinzu, er beneide ja «die Leute aus dem Westen», für die Lenin oder Trotzki noch Ikonen sein könnten: «Ich hab´s 23 Jahre lang erlebt, den real existierenden Sozialismus und am Ende diese bleierne Schwere, das reicht mit!» 

Diesen Ikonensturz zelebriert Milo Rau nun zwei Stunden lang recht genüsslich. Darüber, dass sein Verhältnis zur Revolution zutiefst libidinös war, lässt die Besetzung Lenins mit Ursina Lardi keinen Zweifel. Zum Fiebermessen streckt sie Guetier den Po entgegen; wenig später lästert sie, von Nina Kunzendorfs Leningattin, der verhärmten Nadeschda Konstantinowa Krupskaja ins Bad begleitet, mit enblößter Brust über Stalin.

Eben dieser Iossif Wissarionowitsch Dschugschwili (Damit Avdic) wird sich später – da ist Lardi schon mit Halbglatze ein Stückchen näher an den historischen Lenin herangerückt – mit einem innig verräterischen Bruderkuss von seinem Vorgänger verabschieden. Hat sich so, wie Lardis Frauenkörper im Laufe des Abends hinter geröteter Kunststoffhaut und Männerpyjama verschwindet, auch bei Regisseur Rau die Revolution als erotischer Fetisch verflüchtigt?

In der klemmig-bedrückten Führerbunkeratmosphäre des Filmsets haben etliche Kritiker verklärenden Kitsch gesehen. Doch von Verklärung kann schwerlich die Rede sein, wenn sich zu getragenen Bach-Chorälen und Arvo Pärts sakralen Kompositionen fast alle Männer in alltäglicher Beiläufigkeit in äußerst menschenfeindlichen Gewaltfantasien und -Berichten ergehen. Selbst der ehemalige Theaterkritiker Trotzki und der Volkskommissar für Bildungswesen Lunatscharski (Ulrich Hoppe) assistieren etwas verquält dem Menschenhass, der die Szene durchweht.

Stalin, den Damir Avdic als sanften Bären in weißer Uniform anlegt, knetet der Krupskaja bedrohlich das Gesicht, als sie sich gegen seinen Vorschlag einer Einbalsamierung Lenins sträubt. Und der gebrechliche Lenin erklärt in einer letzten, von Rau um ein paar explizite Grausamkeiten verdichteten Rede, dass der Revolutionär im Dienste der Menschheitsbefreiung «schonungslos vernichten» müsse, bevor er kotzend über der Kloschüssel hängt.

Die bleierne Schwere, die über der Szene liegt, ist nicht nur der historischen Situation geschuldet, sondern auch Milo Raus theatraler Kopfgeburt, in der jedes Wort und jeder Moment (vor)zeichenhaft sein will. Die alles durchdringende Bedeutungsschwere dient nicht nur der Atmosphäre dieses durchaus weihevollen Untergangs, sondern schlägt auf das Werk zurück: Es ist ganz schön zäh und dröge, diesem Sterben zuzuschauen, dessen tieferer Darstellungssinn sich obendrein nur nach Durcharbeit des Programmbuchs erschließt. Denn wer stirbt hier jetzt eigentlich – der Revolutionär oder auch gleich die Idee der Revolution? 

Milo Raus Lenin-Exorzismus speist sich zweifellos aus dem Wissen, welche Verheerungen die Machtkette Bolschewismus, Leninismus, Stalinismus in den folgenden Jahrzehnten mit sich brachte: Von den stalinistischen Säuberungen über die kollektive, zahllose Todesopfer fordernde Zwangsarbeit im Dienste der schnellen Industrialisierung bis hin zu den in Kauf genommenen, wenn nicht intendierten Hungersnöten in der Ukraine, die Millionen das Leben kostete. Ob die Revolution zwischen Februar und Oktober 1917 nicht auch hätte anders laufen können, gemäßigter, humaner, darüber streiten sich nicht nur linke Geister. Doch diese Diskussion führt «Lenin» nicht. Hier wird abgerechnet, in einem Requiem und einer Teufelsaustreibung zugleich.

Eva Behrendt

http://www.schaubuehne.de/de/produktionen/lenin-2.html/ID_Vorstellung=2614