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Rezensionen

Schauspiel-Rezension #3

Schwerin

Foto: Silke Winkler

nach Saša Stanišic: "Vor dem Fest" in Schwerin

Wieder ab 27. Oktober

Eine Idylle. Der See, Schilf, sandiges Ufer. Und Bierbänke, zerfledderte Lampions, ein umgeworfener Ledersessel. Der See ist immer noch einsam, still, idyllisch, aber es ist eine angeknackste Idylle, die Sebastian Hannak realistisch ins Mecklenburgische Staatstheater gebaut hat. Fürstenfelde, Uckermark, «einfach über den Acker», beschreibt Dorfschönheit Anna (Hannah Ehrlichmann) den Weg, «da steht ein Schild ‹Jetzt wird’s schön›, dann wird’s schön.»

Saša Stanišics Roman «Vor dem Fest» war 2014 die Beschreibung eines Dorfes, das von der Welt vergessen schien. Stanišic recherchierte in Fürstenwerder, einem 800 Einwohner zählenden Flecken im Nordosten Brandenburgs, und destillierte aus seinen Erfahrungen die Nacht vor dem jährlichen Dorffest, wenn die Vorbereitungen abgeschlossen sind und die Menschen sich vorfreudig in eine aufgeregte Schlaflosigkeit hineinsteigern. Ergebnis: ein von kritischer Sympathie getragenes Bestiarium, ästhetisiert, gebrochen, im Verlauf zunehmend mythisch überhöht.

Der Schweriner Schauspielchef Martin Nimz bezieht diesen uckermärkischen Mikrokosmos für seine Stanišic-Uraufführung konsequent aufs Theater: Im Roman «Vor dem Fest» gibt es keinen tragenden Charakter, und im Programmheft der Theaterfassung wird folgerichtig «Ensemble» als Hauptrolle «Wir (Das Dorf)» angegeben. Stani­šics Fürstenfelde ist der Mikrokosmos Dorfgemeinschaft, Nimz’ Fürstenfelde ist der Mikrokosmos Ensemble – was klug gedacht ist, weil es der Inszenierung erlaubt, sich mit den Gegebenheiten am Ende der Welt zu identifizieren, auch wenn die klassizistische Pracht der Landeshauptstadt Schwerin in ihrer Urbanität wenig gemein hat mit der Weltabgewandtheit der hinteren Uckermark. Das Ensemble jedenfalls muss nicht spielen, es kann einfach sein.

Andreas Anke als Ditzsche, der Briefträger und Hühnerzüchter, von dem ganz Fürstenfelde glaubt, dass er als Stasi-Zuträger die Post des Dorfes geöffnet hat und wahrscheinlich mehr über die Bewohner weiß als jeder andere. Antje Trautmann als Frau Schwermuth, die Dorfarchivarin, die die Chronik des Ortes in die Zukunft weiterschreiben will und sich vor lauter Zukunftsangst in die Depression flüchtet. Vincent Heppner als Suzi, brütend, stumm, mit strenger Frisur und stechendem Blick. «Sieg Heil!» brüllt der Jugendliche, und der zufällig anwesende Reporter von der Lokalzeitung fragt irritiert «Nazis?». Worauf die Gemeinschaft beschwichtigend abwinkt, «neinnein». Wer einmal im dörflichen Umfeld auf Brüche hingewiesen hat, der kennt diese Beschwichtigungsgesten, freundlich, souverän, ohne Blick für die Gefahren, die sich da zusammenbrauen.

Nimz baut also Miniaturen, aus denen sich ein theoretisches Fürstenfelde zusammensetzt, beiläufig, humorvoll, plaudernd, manchmal zu ausführlich. Wobei sich die Qualität des mit drei Stunden recht langen Abends eben in dieser Ausführlichkeit zeigt, in der Bereitschaft zu faulen Witzen, in der Abschweifung, im Ereignislosen. Die Inszenierung erlaubt dem Dorf, sich von seinen schlechten Seiten zu zeigen, im bierstinkenden Sexismus des lebensmüden Ex-NVA-Soldaten Schramm (Jochen Fahr) zum Beispiel, aber sie erlaubt dem Dorf auch die Großherzigkeit dessen, der nichts zu verlieren hat: Die aus Düsseldorf zugezogene Frau Reiff (Katrin Heinrich) etwa wird aufgenommen, mitsamt ihrer Keramikwerkstatt, bei Bier und Umarmungen in der Garage von Ulli (Martin Neuhaus), dem informellen Zentrum des Dorfes: «Frau Reiff ist eine von uns!» 

In dieser angeknacksten Idylle steht die Dorfkünstlerin am Seeufer, gespielt von der Sopranistin Anne Steffens. Steffens singt Richard Wagners Wesendonck-Lieder, und der Abend wird überflutet von einer Welle trauriger Fremdheit: «Unsre Heimat ist nicht hier.» Womit der starke Abend auch noch die letzte, die gefährlichste Klippe gemeistert hat – den Hang zur Authentizitätsseligkeit. Man sollte nicht glauben, dass man Fürstenfelde kennen würde, nur weil man diese Menschen kennengelernt hat.

Falk Schreiber

http://www.mecklenburgisches-staatstheater.de/stueck-detail/vor-dem-fest-1276.html