Opern-Rezensionen #4

Stuttgart, Dortmund

Foto: Filmstill; Regie Kirill Serebrennikov, Kamera: Denis Klebleev, Produktion: Mark Szilagyi

Stuttgart: Kirill Serebrennikov nach Humperdinck "Hänsel und Gretel"

Wieder am 4. November, 2., 13., 16., 26. Dezember in der Oper Stuttgart

Die Premiere von Engelbert Humperdincks "Hänsel und Gretel" an der Oper Stuttgart wird zur Solidaritätskundgebung für Kirill Serebrennikov

Dass ein Regisseur während der Produktion hinwirft oder erkrankt, kommt im Risikogeschäft Theater hin und wieder vor. Dass er die Arbeit gar nicht erst aufnehmen kann, weil er sich einem Ermittlungsverfahren ausgesetzt sieht, hat es wohl noch nie gegeben. Kirill Serebrennikov, der 2015 an der Oper Stuttgart eine sensationelle «Salome» inszenierte und 2016 an der Komischen Oper Berlin Rossinis «Il barbiere di Siviglia» herausbrachte, steht seit dem 23. August 2017 in Moskau unter Hausarrest (der unlängst bis zum 19. Januar 2018 verlängert wurde) und darf mit niemandem außer seinem Anwalt sprechen. Das kommt bei einem Theatermann einem Berufsverbot gleich. Die russische Justiz wirft dem 48jährigen, international renommierten Film-, Ballett-, Opern- und Theaterregisseur die Veruntreuung staatlicher Fördermittel vor – ganz offensichtlich ein Vorwand, um einen politisch unbequemen Künstler und offen lebenden Homosexuellen mundtot zu machen. Denn es ist nicht die erste Behinderung seiner Arbeit durch russische Behörden, ihr ging eine Reihe von Einschüchterungsversuchen voraus.

Die Oper Stuttgart, an der Kirill Serebrennikov für die Neuproduktion von Engelbert Humperdincks «Hänsel und Gretel» engagiert war, begriff sofort, dass es hier um mehr und anderes ging als nur um die Rettung einer Aufführung. Die Premiere am 22. Oktober 2017 in Anwesenheit des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann wurde so zur eindrucksvollen politischen Solidaritätskundgebung für den kriminalisierten Regisseur. Man hat ihn nicht ersetzt, sondern in der vorgesehenen Probenzeit eine von allen Mitwirkenden kollektiv erarbeitete Präsentationsform entwickelt (Dramaturgie: Ann-Christine Mecke). Diese Entscheidung hält ausdrücklich offen, dass Serebrennikov im Falle seiner Freilassung die Inszenierung nach seinen Vorstellungen zu Ende führen kann – wie immer man sich angesichts der rigiden Zeit- und Probendispositionen eines Opernhauses eine solche Wiederaufnahme auch ausmalen soll.

Ermöglicht wurde die Lösung, die auch Viktor Schoner als designierter Intendant und Nachfolger Jossi Wielers mitträgt, durch die autorisierte Freigabe von Arbeitsmaterialien Serebrennikovs für die Premiere. Bewusst nicht verwendet hat man die von den Werkstätten nach seinen Entwürfen bereits fertiggestellten Bühnenbilder und Kostüme. Aber zurückgegriffen werden durfte auf einen im April 2017 in Ruanda und Stuttgart gedrehten abendfüllenden Stummfilm sowie auf einen diese Dreharbeiten begleitenden Dokumentarfilm des SWR. Es war Serebrennikovs erklärte Absicht, das heute eher obsolete, jedenfalls kitschverdächtige musikalische Weihnachtsmärchen mit der sozialen Realität in Afrika zu konfrontieren. Die ehemals deutsche Kolonie zählt zu den ärmsten Ländern des Kontinents und trägt noch immer schwer am Völkermord an den Tutsis, bei dem 1994 mehr als 800 000 Menschen getötet wurden. Auf diese Verbrechen spielen die Fotos von Kindersoldaten an, die von einer Wäscheleine baumeln und unter die Serebrennikov Bilder seiner beiden Hauptdarsteller geschmuggelt hat. Auch der einbeinige Alte, der den Sandmann spielt, könnte ein Bürgerkriegsopfer sein. Um den Kontrast zwischen Arm und Reich sichtbar zu machen, steht das Hexenhaus in Serebrennikovs Film nicht in Ruanda, sondern in der Stuttgarter Konsumwelt, in der die Kinder am Ende landen.

Zentrum der Inszenierung, die keine sein will und die es nicht gibt, war die Projektion der bereits fertig geschnittenen Teile des Films. Unter der großen Leinwand saß das Orchester (Leitung: Georg Fritzsch), davor versammelten sich die sechs Solisten in Alltagskleidung – Diana Haller (Hänsel), Esther Dierkes (Gretel), Michael Ebbecke (Vater), Irmgard Vilsmaier (Mutter), Aiofe Gibney (Sandmännchen und Taumännchen) und Daniel Kluge (Knusperhexe). Richtig präsent als agierende Figuren wurden sie aber erst, als der Film abbrach – die Hexenszenen hat Serebrennikov nicht gedreht. An ihrer Stelle wurde, etwas arg naiv, mit der Live-Cam das Publikum eingeblendet oder der Screen blieb schwarz. Über weite Strecken des Abends dominierte(n) die bei aller Armut heil wirkende Bildwelt Afrikas, vor allem die eindringlichen Gesichter von Ariane Gatesi (Gretel) und David Niyomugabo (Hänsel). Sich ihnen gegenüber ins Spiel zu bringen versuchten die Operndarsteller erst gar nicht. Und wo sie freie Bahn hatten, wie der kreischende Daniel Kluge bei seinem Ritt auf dem Hexenbesen oder der polternde, stets zu tief singende Michael Ebbecke als Vater, zeigte ihr Chargieren nur, wie nötig ein Regisseur gewesen wäre.

Serebrennikov hätte sicher auch die Degradierung der Musik zur akustischen Filmkulisse verhindert. Wie, darüber lässt sich nicht einmal spekulieren, denn dass ein Spielfilm integraler Teil einer Opernaufführung wird, wäre ein Novum, eine ästhetische Herausforderung selbst für den so virtuos wie beziehungsvoll mit unterschiedlichen Bild- und Bewusstseinsebenen spielenden Serebrennikov gewesen. Schade, dass der Dokumentarfilm mit seinen oft kontrastierenden Kommentaren kaum zum Zug kam. Schade erst recht, dass, anders als versprochen, von Serebrennikov (wenn man vom T-Shirt mit seinem Foto und dem aufgedruckten Appell «Free Kirill» absieht) selbst nicht die Rede war. Die verbalen Statements der Solisten, ihnen sei der Regisseur abhanden gekommen, blieben in ihrem Betroffenheitspathos arg hilflos.

Am Schluss gab es demonstrativen Beifall des ganzen Hauses, der zum Orkan anwuchs, als die beiden afrikanischen Kinder die Bühne betraten und sich unter die Mitwirkenden mischten. Als «Ein Märchen von Hoffnung und Not» war der Abend angekündigt – ein Märchen von Hoffnung wird er bleiben, vor allem für Kirill Serebrennikov, dessen baldige Freilassung man zwar wünscht, an die man ernsthaft aber kaum zu glauben wagt. Für das Stuttgarter Haus jedoch droht nach dem kollektiven Gewaltakt der szenischen Notlösung die Not, dass die hochherzige Solidaritätskundgebung in den bis Mitte Januar noch geplanten zehn Aufführungen nicht vollends zum konzertanten Steh-Theater absackt. Eine «Familienoper», wie von Jossi Wieler versprochen, ist die jetzige Präsentation keinesfalls – und repertoirefähig schon gar nicht. Die letzte Filmsequenz zeigt Serebrennikov, wie er sich (wohl ironisch) mit einem «Happy end» aus Kigali, der Hauptstadt Ruandas, verabschiedet. In Stuttgart ist das glückliche Ende noch nicht angekommen.

Uwe Schweikert

www.oper-stuttgart.de

↓ Rezension 2

Dortmund: Strauss "Arabella"

Wieder am 28. Oktober, 17., 26. November im Opernhaus

Zum Auftakt seiner letzten Saison als Dortmunds Intendant hat sich Jens-Daniel Herzog mit «Arabella» ein Werk vorgenommen, dass nicht ohne ist. Zwar knüpft dessen Klangwelt bewusst an die bitter-frivole Süße des «Rosenkavaliers» an und spielt ebenfalls in Wien. Doch liegen mehr als 20 Jahre zwischen beiden Opern, zudem feiert «Arabella» ein rückständiges Frauenbild: Bereitwillig unterwirft sich die Titelfigur einem betont starken, archaischen Mann. Richard Strauss hatte die Partitur ursprünglich Fritz Busch zugeeignet. Den aber trieben die Nationalsozialisten in die Emigration – woraufhin der Komponist die Widmung diskret entfernte. Der systemkonforme Clemens Krauss dirigierte die Uraufführung, Strauss wurde auf den Posten des Präsidenten der Reichsmusikkammer gehievt.

Stoff genug also für eine politisch zugespitzte Inszenierung. Doch Jens-Daniel Herzog, sonst nie verlegen um kontroverse Lesarten, lässt diese Steilvorlage ungenutzt, aktualisiert allenfalls behutsam. Seine Regie konzentriert sich auf die flüssig abschnurrende, mit herben Untertönen versehene Komödie, meißelte mit Verve und sicheren Pointen lauter lieblose Charaktere heraus. En passant entlarvt Herzog den betörenden Charme der Musik als beschönigenden Zuckerguss einer tristen Gesellschaft, die von Geldgier, Standesdünkel und Amoral geprägt ist.

Mathis Neidhardt hat ihm dafür einen riesigen Raum gebaut, dessen Ästhetik – wie auch die Kostüme von Sibylle Gädeke – auf die 1970er-Jahre verweist: Heller Putz bröckelt in einem Flur mit blinkenden Automaten, zersplitterten Kugellampen und schmuddeligem Gestühl. Die Stoffrückwand gibt hin und wieder den Blick frei in einen üblen Spielsalon. Arabella (grandios: Eleonore Marguerre) ist hier ganz die gelangweilte höhere Tochter: launisch, ordinär, ketterauchend, nicht sonderlich sympathisch. Sie ist das letzte Pfund, auf das ihre Familie setzt; einzig eine gute Partie kann die finanziell lädierte Sippe sanieren. Doch nur Taugenichtse und Hasardeure umflattern Arabella, bis plötzlich «der Richtige» in ihr Leben tritt: Sangmin Lee, eine Art Balkan-Lude, gibt Mandryka beeindruckende körperliche wie stimmliche Präsenz.

Gut gezeichnet auch Morgan Moodys zwischen deklassierter Kleinmut und fiebriger Sucht schillernder Graf Waldner, seine ordinär hysterische Gattin Adelaide (famos: Almerija Delic) und Ashley Thouret in der Rolle der zarten Zdenka. Gabriel Feltz sorgt im Graben umsichtig für Balance, berückenden Schönklang und, wo nötig, packenden Zugriff. Alles in allem ein süffiger Abend mit kritischen Untertönen und bitterem Nach­geschmack.

Regine Müller

https://www.theaterdo.de/detail/event/18109/