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Rezensionen

Opern-Rezensionen #3

Frankfurt, Cottbus

Tschaikowsky: "Eugen Onegin" in Frankfurt

Wieder am 20., 28., 31. Oktober, 10., 19. November

Zu fragmentarisch ist Welt und Leben, / Ich will mich zum deutschen Professor begeben; / Der weiß das Leben zusammenzusetzen, / Und er macht ein verständliches System daraus. / Mit seinen Nachtmützen und Schlafrockfetzen / Stopft er die Lücken des Weltanbaus.» Ohne anklägerisches Pathos hat Heinrich Heine, grimmig ironisch, die große Vergeblichkeit skizziert, vor der alle Sinnsuche vergeht, jeglicher «Überbau» scheitern muss. Heines Verse indes sprechen nicht nur Weltschmerz und -ekel, den ennui, aus, sie sind auch ästhetischer Einspruch gegen die Klassikerdoktrin vom rundum gelungenen Werk: Alles bleibt Fragment. Und in wenigen Opern wird diese Doppel-Fatalität so deutlich wie in Puschkin-Tschaikowskys "Eugen Onegin". Das Stück ist in letzter Zeit ein wenig hinter "Pique Dame" zurückgetreten. Begegnet man ihm nun nach einiger Zeit wieder, fühlt man sich erneut bewegt, ja attackiert: vorausgesetzt, dass nicht Uralt-Klischees von Birkenwald, Schnitterglück und Festball die "Lyrischen Szenen" obsolet wirken lassen.

Schon die Titelfigur und ihr Umfeld sind nicht so altmodisch wie es scheint. Noch heute gibt es junge Männer aus betuchter Familie, die sich um ihre materielle Zukunft kaum sorgen müssen, für wenig engagieren – stets darauf bedacht, nie «uncool» zu wirken. Fragmentarisch freilich ist auch die strikt antiaristotelische Dramaturgie, die weniger den Finalkonflikt anstrebt, eher passiv das Ganze trostlos auseinanderlaufen lässt. Der Weg führt eher zu "Pelléas et Mélisande" als zu "Tosca".

Die Frankfurter Premiere hat derlei Überlegungen bestärkt, neue Perspektiven eröffnet. Das betrifft zunächst die orchestrale Seite. Sebastian Weigle hat Tschaikowskys espressivo nicht forciert, stattdessen das Konversationsstück deutlich hervortreten lassen, das vokal-instrumentale Kräftespiel nach innen intensiviert. Raffiniert zudem war das inszenatorische quid pro quo: Des erkrankten Regisseurs Jim Lucassen Konzept hat Dorothea Kirschbaum aus- und weitergeführt, wobei das Bühnenbild von Katja Haß die stabile Basis war, als postsozialistische Folie: Man ist nicht im alten Russland, sondern im Spätest-Ostberlin, VEB Frohsinn. Zitiert wird das Monstermosaik aus dem Café Moskau mit seiner Sowjet-Paradies-Ikonografie schlechthin Glücklicher. Ein Fest steht an. Nur eine steht abseits: Tatjana, auf einem Stuhlberg, träumerisch in ihren Büchern verloren, des Idols harrend – Schwester Sentas, auch Elsas. Der Ersehnte kommt denn auch nicht als Dandy, sondern als existentialistisch schwarzer, «cooler» Sach-Mann, den das alles gar nichts angeht. Das Balltreiben samt NVA-Kader plus Popen mit aufgezäumt «russischem» Volkstanz-Duo mündet ins Duell in der kahlen Bar.

Fügten sich zum Werktätigenglück mobile Gitter, so ist die Petersburger Ballgesellschaft schwarz uniformiertes, mechanisch bewegtes Kollektiv im fast leeren Raum. Der Revenant Onegin und die Society-Diva Tatjana kämpfen nicht mit sich: Das Nichts umfängt sie, das Gitter schließt sich.

Gerhard R. Koch

http://www.oper-frankfurt.de/de/spielplan/eugen-onegin-2017/?id_datum=908

↓ Rezension 2

Foto: Marlies Kross

Berg: "Wozzeck" in Cottbus

Wieder am 21. Oktober und 5. November

Das Stück inszeniert sich eigentlich von selbst. Viele Regisseure begnügen sich damit, für Büchners frühen Naturalismus triste Bilder der Hoffnungslosigkeit zu entwerfen, ergänzt um grelle Satiren auf Militarismus, Männergeilheit und wertfrei forschende Wissenschaft. Der gemeine Soldat und Gelegenheitsarbeiter Wozzeck ist Opfer einer menschenverachtenden Klassengesellschaft, der Mord an seiner Geliebten Marie eine Eifersuchtstat, die aus der depravierten sozialen Stellung des Täters erwächst. Wozzecks "Wir arme Leut!"-Pathos, sein erster großer Monolog über die Unvereinbarkeit von Armut und Moral, kann als Muster gelten aller literarischen Klageschriften aus den 20er-Jahren – man denke an Brechts «Dreigroschenoper» oder Döblins "Berlin Alexanderplatz" – und befriedigt noch heute die intellektuellen Ansprüche vieler Theatermacher. Christiane Lutz wählt einen anderen Weg. Ihre Cottbuser Inszenierung des "Wozzeck" entzieht sich dem banalen Täter-Opfer-Schema. Sie sucht nach dem Subtext bei Büchner und Berg. Und findet ihn.

Die Erstfassung des Dramenfragments nennt verschiedene Weichtiere, auch Frösche, Kröten, Süßwasserpolypen. Georg Büchner, promovierter Neurologe und Anatom, interessierte sich stark für den damals neuen Forschungszweig und nahm selbst Vivisektionen vor. In Alban Bergs Libretto werden aus den Versuchstieren schlichtweg "Molche". Diese Wesen können abgetrennte Gliedmaßen nachwachsen lassen, sogar ein verletztes Herz regenerieren. Wozzeck wird vom Doktor für das berüchtigte Ernährungsexperiment mit den Erbsen missbraucht, experimentiert aber ebenfalls, nämlich mit Molchen. Sie sind in Cottbus stumme Hauptnebendarsteller. Der Mord an Marie erklärt sich aus einem Fehlschluss vom Tierversuch auf den Menschen: Wozzeck hofft, dass der untreuen Geliebten ein neues Herz wächst, in welchem der Tambourmajor keinen Platz mehr hat. Erst als er ihren Brustkorb aufgeschlitzt hat, erkennt er den Irrtum. Das ist nicht gedeckt durchs Libretto, denn bei Berg stößt er ihr das Messer in den Hals. Aber Büchners Bühnenfassung und die medizinische Forschung jener Zeit machen diese Lösung plausibel. Das Max-Planck-Institut, Bad Nauheim, stand der Regisseurin beratend zur Seite.

Die von Natascha Maraval entworfene Bühne funktioniert wie ein Röntgengerät. Kreiselnde weiße Viertelzylinder gewähren hier und da Einblicke in ein grundsätzlich verborgenes Inneres, schaffen eine durchaus lichte Atmosphäre klaustrophobischer Enge. Nicht gezeigt wird der Selbstmord Wozzecks; man sieht nur einen weißen Raum, wie ihn Komapatienten beschreiben, die noch einmal ins Leben zurückkehren durften. Vor dieser Fassade des Nichts entfaltet Bergs Musik unwiderstehlich ihre Wirkung, vom Cottbuser Orchester unter Evan Christ geradezu elektrisierend vorgetragen. Alle Rollen sind aus dem hauseigenen Ensemble besetzt. Andreas Jäpel, auch dank bewundernswert textdeutlicher Diktion herausragend, vollbringt ein besonderes Kunststück: Obwohl die Regie seine Mittäterschaft thematisiert, seine schuldhafte Verstrickung ins System, zwingt Jäpels Darstellung des Wozzeck am Ende noch den Hartgesottensten zu ungehemmtem Mitleid. Fazit: eine wirklich innovative, gewagte und dennoch solide, auf allen Ebenen gelungene Produktion, die Maßstäbe setzt. An einem vergleichsweise kleinen Haus – groß genug für eines der größten Musikdramen des 20. Jahrhunderts!

Volker Tarnow

http://www.staatstheater-cottbus.de/programm/oper/artikel_wozzeck.html