Medien-Tipps #3
Video: Master Class mit Joyce DiDonato
Dass Joyce DiDonato eine große Sängerin ist, steht außer Frage. Dass sie auch eine großartige Schauspielerin ist – hat sie in „Die Florence Foster Jenkins Story“ bewiesen. Dass sie zudem eine begnadete, gnadenlose und gnädige Lehrerin ist, zeigen ihre Master Classes, die auf YouTube zu sehen sind. Meine liebste Aufnahme ist diese: Wie man Figuren – hier die vermeintlich allseits bekannte Cleopatra in Händels „Giulio Cesare“ – erforschen kann und dabei das Grauen von Einsamkeit und Liebe entdeckt, trotz der Schönheit der Musik... Trotz! MM
↓ Tipp 2
Se Pieta Di Me Non Senti aus "Giulio Cesare In Egitto"
CD: Regula Mühlemann singt Arien von Graun, Händel, Hasse und anderen
Die Frau, wir kennen sie. Cleopatra. Unzählige Geschichten umranken sie, die mythisch-auratische Schöne. Doch wie fühlte sie wirklich? Wir wissen es nicht. Aber wir können es hören. Und das auf eine Art und Weise, die schlichtweg den Atem raubt. Stünde man auf einem Sockel und richtete von dort all seine Sinne auf diese Frau, es würde einen glatt hinunter hauen.
„Cleopatra“: So heißt die CD mit Arien, die sich sämtlich um ihr Innenleben drehen. Auf dem Cover sehen wir Regula Mühlemann in der neuen Rolle. Nach ihrer hochgelobten Aufnahme mit Mozart-Arien hat sich die Schweizer Sopranistin in barocke Gefilde begeben. Und fühlt sich dort anscheinend sauwohl. Gleich mit der ersten Arie schlägt sie uns in den Bann: Cleopatra außer sich, zerrissen von ihren Leidenschaften, rasendes Weib, wie trunken tönt ihr thymotischer Furor. Kaum hat man sich davon erholt, wird es tieftraurig. Händels Cleopatra (aus „Giulio Cesare in Egitto“) ist ganz anders. Sie gibt sich gottergeben furchtlos, nicht einmal der Tod kann sie schrecken. Regula Mühlemann füllt diesen tiefen Graben mit ihrer luziden, frei strömenden, selbst in der Exaltation noch kultivierten und expressiven Stimme, die Ekstase genauso glaubhaft zu vermitteln vermag wie seelische Abgründe. Das ist, auch in den Arien von Hasse, Legrenzi, Vivaldi, Alessandro Scarlatti und Mattheson, große Kunst. Faszinierend.
Jürgen Otten
↓ Tipp 3
Trailer VR_I from HeK on Vimeo.
Video: VR_I: Gilles Jobin
VR_I steht für Virtual Reality Immersive und ist das jüngste Kind des umtriebigen Gilles Jobin, ein Pionier in Sachen 3D. Nach seinem Film «Womb» (tanz 3/17), der sich noch mit einfacher 3D-Brille genießen ließ, tauchen nun fünf Zuschauer gleichzeitig in virtuelle Welten ein und können darin miteinander tanzen, bewehrt mit VR-Brille und einem Anzug, der jede Bewegung per Motion Capture in Echtzeit umrechnet. Das dreidimensionale Tanzstudio, das der Computer errechnet, lässt sich nicht nur wie eine Landschaft in jede Richtung betrachten, es bringt auch natürliche Dimensionen in Unordnung. Jobin, der Schweizer Tanzpreisträger, lässt seine Akteure mal zu 30 Meter hohen Riesen wachsen, mal zu fünf Zentimeter kleinen Zwergen schrumpfen. So sieht man sich selbst als Riese und die Welt mit Kinderaugen. Einen Monat lang hat die Kompanie um Gilles Jobin zusammen mit der Genfer Softwareschmiede Artanim von Caecilia Charbonnier und Sylvain Chagué gearbeitet, nicht etwa, um eine vom Kino her gewohnte hyperrealistische Spielegrafik zu erzeugen, sondern um die Dynamik der Bewegung selbst so präzise aufzeichnen und sofort wiedergeben zu können. Damit können die Riesen und Zwerge in ihrem Ballettsaal aus Bits und Bytes jederzeit fast ruckelfrei und ohne Absturz gemeinsam tanzen.
Arnd Wesemann