Inhalt

Medien-Tipps #4

Kino: Fack ju Göhte

Eindeutig: geiler Scheiß; jedenfalls in der Sprache der 11. Klasse aus der fiktiven Goethe-Gesamtschule im Film-München. Geil und scheiße; so meine Meinung. Die ich normalerweise etwas anders adjektivieren würde. Tolle Szenen, wie in „Fack ju Göhte 1“. Dämlich längliche, wie in Teil 2. Die besseren, die guten überwiegen hier. Und es kommt zum Genre „Schülerstreich-Film“, natürlich zeitgemäß aufgebürstet, wie in den alten Vorbildern eine liebenswerte pädagogische Moral hinzu: Leistung lohnt sich und wird durch lehrerliche Zuneigung gefordert, gefördert, belohnt. In einem Anti-Mobbing-Projekt outet sich Zeki Müller gar als ehemaliger Underdog – und sichert damit seinen heutigen Opfer-Nachfolgern ein würdiges Alltags(Über)Leben. Glänzende Schauspieler. All die Schüler-Darsteller um Chantal (Jella Haase), dazu Max von der Groeben, Aram Arami, Gizem Emre et al. Katja Riemann als spröd-engagierte Schulleiterin. Uschi Glas als solariums- und seelenlederne ältliche Kollegin. Elyas M’Barek als feintrainierter Taugenichts mit guter Seele und lebensklugem Helferherzen am rechten Fleck, diesmal gar mit wissendem Understatement gespielt. Dazu als neue Kollegin Biggi Enzberger (Sandra Hüller): Sie absolviert eine meisterliche Gratwanderung zwischen politisch korrekter Gut-Menschin und durchgeknalltem Furor-Fräulein, balancierend auf dem straffen, drum leicht reißenden Seil zwischen Klamotten-Klischee und tanzender und singender Existenzial-Clownin. Dazu: der beste Abspann aller Zeiten (ich neige mal, wie der Film, zur Übertreibung), jedenfalls fürs Genre leichter, doch nicht seichter Unterhaltung. Es ist die finale Folge von „Fack ju Göhte“, der Final Fack, denn am Ende ist Zeki Müller (nur noch) ein guter und leidenschaftlicher Lehrer. Als Fan: unbedingt anschauen!

Michael Merschmeier

↓ Tipp 2

Tanzclip: Werewolf Heart

Hier ist der ultimative Beweis, dass sogar mit keinem Budget Fantastisches möglich ist. Ein Auto fährt im Grenzgebiet zu Mexiko. Dalel Bacre läuft hinterher, die Choreografin, die noch im Frühjahr in Hamburg bei Gintersdorfer/Klaßen in «Antiformalismo» tanzte. Ihr Kleid ist rot. Ihre Beine sind geschwärzt. Auch das Gesicht ist schwarz. Sehr gründliches Blackfacing: von einer Mexikanerin auf windig-heißem US-Territorium. Sie trippelt, sie rollt ihre Schultern, sie tanzt hinter und neben dem mit der Kamera ausgestatteten Fahrzeug her. Dann beschleunigt es, und dem Publikum bleibt das Herz stehen. Aufgenommen vom US-amerikanischen Fotografen und Filmer Christian Weber, wurde «Werewolf Heart» zu Recht auf Filmfestivals in Berlin, Bukarest und Pueblo/Mexiko mit Preisen überhäuft.

Arnd Wesemann

↓ Tipp 3

Michael Walter: Oper – Geschichte einer Institution

Das Opernbuch des Jahres 2017: Michael Walter beleuchtet eindrucksvoll das komplizierte Räderwerk des Musiktheaters

Neuland betreten mit einer tour d’horizon zur Geschichte der Oper? Klingt aussichtslos, geht aber. Der Grazer Musikwissenschaftler Michael Walter demonstriert das eindrucksvoll mit einer knapp 500 Seiten starken Studie, die den institutionellen Aspekten der Oper gewidmet ist. Behandelt wird (fast) alles, was hinter den Kulissen spielt. Walter untersucht Rahmenbedingungen, Voraussetzungen, Zustände, Gewohnheiten. Bis ins Detail zeichnet er nach, wie sich der Musiktheaterbetrieb im Verlaufe von vier Jahrhunderten entwickelt und verändert hat – für Sänger, bei den Verträgen und Finanzen, im Umgang mit der Zensur.

Eines der behandelten Themen: das Reisen. Als Maria Malibran 1830 von Paris nach London fuhr, konnte sie den Ärmelkanal bereits auf einem Dampfer überqueren (seit 1821 wurden Dampfboote eingesetzt). Ein großer  Fortschritt: «Hatte man mit dem Segelschiff dafür bei ungünstigem Wetter 5 bis 6 Stunden und nur im günstigsten Fall 3 ½ Stunden gebraucht, so schafften die Dampfboote die gleiche Strecke nun mit verlässlicher Regelmäßigkeit in 3 Stunden.» Ein Randphänomen? Mitnichten: Der technische Fortschritt im Verkehrs- und Transportwesen gewährte Musikern und Intendanten ein stetig wachsendes Maß an Planungssicherheit. Behindert wurde die Fortbewegung an anderer Stelle: Man benötigte etliche Reisedokumente. In Zeiten der Kleinstaaterei bedeutete jeder Grenzübertritt bürokratischen Aufwand, besonders für Künstler, die quer durch Europa unterwegs waren. «Ein [...] großes Problem war der Pass (für den häufig wiederum eine Gebühr zu entrichten war), den man in jedem Staat, ja in jeder Stadt, brauchte. War man etwa in Calais angekommen, musste man sich zum Stadtkommandanten begeben, der einen Pass für die Reise nach England ausstellte. […] Zusätzlich brauchte man einen Pass von jenem Staat, aus dem man aktuell abreiste.»

Damals wie heute gilt: Was der Zuschauern auf der Bühne sieht, ist das Ergebnis einer immens komplexen Logistik, die im Hintergrund abläuft. Michael Walter hat dieses Räderwerk durch die Epochen hindurch akribisch unter die Lupe genommen. Unzählige Dokumente, Daten und Statistiken wurden vergleichend ausgewertet. Natürlich hemmen die vielen Fakten und Zahlen mitunter den Lesefluss. Doch eine durchgehende Lektüre hatte der Autor wohl auch nicht im Sinn, das Ganze ist eher als Handbuch angelegt, in durchkomponierte Kapitel unterteilt, die in der Summe jenes komplizierte System aufscheinen lassen, ohne das Oper nicht möglich wäre. Walters große Leistung besteht darin, dass er in der öffentlichen Wahrnehmung oft vernachlässigte Faktoren historisch-systematisch betrachtet: Oper als Wirtschaftsunternehmen (etwa das italienische Impresario-System und die mobilen Operntruppen), Leitungsmodelle und Finanzierung; Rechtsfragen (Theatergesetze, Kontraktbruch, Stellung von Sängerinnen, Zensur); Gehälter, Gagen, Altersversorgung und die Rolle von Künstleragenten; Komponisten, Librettisten, Urheberrecht und Werkbegriff; schließlich das Publikum (Verhalten, Kleiderordnung, Claqueure, Vermietung von Logen). Zeitlich  spannt sich der Bogen vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart; geografisch liegt der Schwerpunkt in Europa (vor allem London, Paris, Wien), doch der Radius reicht bis Nord- und Südamerika, Indien und Australien.

Mit der Sorgfalt des Chronisten, der Weitsicht eines Generalisten und der Gedankenschärfe eines Analytikers sondiert Michael Walter sein Riesenthema. Und fasst es in einer beeindruckend materialreichen, stringent aufbereiteten, schlüssig strukturierten Studie zusammen, die ihresgleichen sucht. Ein Standardwerk. 

Christoph Vratz

MICHAEL WALTER: OPER – GESCHICHTE EINER INSTITUTION
J. B. Metzler, Stuttgart 2016. 470 Seiten. 49,95 Euro