Medien-Tipps #2
Still dance. Das erste Supermodel war eine Tänzerin
Es gibt ikonische Schwarz-Weiß-Fotografien, die sich unserem kollektiven Bildgedächtnis als Inbegriff für Glamour und Mode der 1940er- und 1950er-Jahre eingebrannt haben. Auf vielen dieser Fotografien ist eine schöne elegante Frau mit athletischem Körper, dunklen geschwungenen Augenbrauen und leicht ironischem Lächeln zu sehen. Fast immer scheint es, als werde sie sich gleich bewegen, ihren Blick abwenden, oder gar aus dem Bild laufen: Lisa Fonssagrives.
Ihre Kunst ist die Kunst der unvollendeten Bewegung: eine angedeutete Geschichte, ein Innehalten – und so bleibt es dem Betrachter überlassen, sie zu Ende zu führen und das Bild auf mehreren Ebenen zu lesen. «Still dance», so bezeichnet Lisa Fonssagrives ihre Arbeit als Mannequin.
Fonssagrives’ Leben ist eine Mischung aus vielen glücklichen Zufällen und großer Kontinuität, dazu geprägt von einem starken Willen zur Schönheit. Sie wird 1911 in Schweden geboren, ihre Eltern sind Zahnärzte, kunstinteressiert, ermuntern sie zu einer künstlerischen Laufbahn. Sie zeichnet, studiert Bildhauerei, und 1931, mit 20 Jahren, schreibt sie Mary Wigman, die sie einlädt, sich in ihrer Schule einzuschreiben. Zurück in Schweden gründet Lisa selbst eine kleine Tanzschule. Mit der Choreografin Astrid Malmborg geht sie nach Paris zu einem Wettbewerb, ist hingerissen von der Stadt und bleibt. Hier studiert sie bei Lubov Egorova, die bei Serge Diaghilew getanzt hat und nun Eleven wie Serge Lifar oder Anton Dolin ausbildet. Als Broterwerb gibt Lisa wohlhabenden Familien privaten Tanzunterricht. Der junge deutsche Modefotograf Willy Maywald entdeckt die Schwedin mit dem klassisch-schönen Gesicht und den hohen Wangenknochen. Die Fotos schickt er an die «Vogue», zu Horst P. Horst, der sie zu Test-Shootings einlädt. Sie ist zwar experimentierfreudig, vor dem Sitting aber sehr nervös. Also geht sie in den Louvre, um die Posen, in denen Maler verschiedener Epochen ihre Modelle gemalt haben, zu studieren.
Das ist der Beginn einer langen Karriere. Fotografiert wird sie von George Hoyningen-Huene, Erwin Blumenfeld, Man Ray, George Platt Lynes und später von Irving Penn, den sie nach der Trennung von ihrem ersten Mann, dem Tänzer und Fotografen Fernand Fonssagrives, in New York heiratet. Inszeniert, sagt sie in einem Interview, hat sie sich selbst: «Ich schaue in den Spiegel, bevor ich zum Set gehe, und überlege mir, wie das Kleid in welcher Pose am besten fällt, wie das Licht die Linie betonen kann. Ich trete einen Schritt zurück und bin mehr Regisseurin als Schauspielerin.» Die Arbeit mit den Fotografen ist für sie eine solidarische Kollaboration, eine Séance oder ein Sitting, aber niemals ein Shooting, sagt sie weiter.
Die neo-klassizistische, theatralische, gelegentlich auch surrealistische Ästhetik dieser Fotografen und Fonssagrives’ elegante Erscheinung prägen die «Vogue», «Harper’s Bazaar» und viele Modejournale auf beiden Seiten des Atlantiks. Die perfekt durchkomponierten Fotografien haben eines gemeinsam: Wir sehen Lisa Fonssagrives stets im stillen, forschenden Dialog, im empfindsamen Tanz mit der Kamera. Dazu ein ruhiger Blick, immer mit einem Hauch von Ironie.
Fonssagrives ist zwischen 1936 und 1939 das bestbezahlte Model in Paris, danach bis Mitte der 1950er-Jahre in den USA. Sie fotografiert selbst, entwirft Kleider. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere ist sie Anfang 40. Später widmet sie sich wieder der Bildhauerei: «Ich habe mein ganzes Leben lang gebildhauert – mit Materialien und mit meinem Körper … wenn ich fotografiert worden bin, war ich selbst eine Form im Raum.»
Marina Dafova
Lisa Fonssagrives-Penn, Drei Jahrzehnte klassischer Modephotographie, Hg. David Seidner, 152 S.; 118 Tafeln, München 2017. schirmer-mosel.com
Eine Irving Penn-Retrospektive ist noch bis 29. Jan. 2018 im Grand Palais, Paris zu sehen.
↓ Tipp 2
Sandra Hüller Musikvideo
Es macht schrägen Spaß, Sandra Hüller zuzuschauen in diesem Musikvideo von Daniel Freitag. Doch was tut sie?
Batwoman?
Wenn eine Schauspielerin von einer Figur nur träumt, die sie (noch) nicht spielt, kann daraus schnell ein Alptraum werden. Sie fühlt sich in ihren Wünschen so eingesperrt wie in der Wohnung, in der sich lebt und phantasiert. Traut sie sich aber in die Welt hinaus, die ihre Bühne sein soll, dann verleiht ihr das Flügel – und sie tanzt beschwingt durch eine eigentlich triste Realität, als wäre die ein Paradies der Spiele. MM
X-Woman?
Endlich abschalten, die quälenden Gedanken an den Ex. Warum ruft er nicht an? Mit dem Kopfschutz von Magneto werden trübe Gedanken blockiert. Und es geht wieder hinaus ins Leben, zu den wirklichen Menschen. Abheben. KH
↓ Tipp 3
Diana Damrau: Meyerbeer Grand Opera
Giacomo Meyerbeer, internationalster aller Opernkomponisten des 19. Jahrhunderts, ist wieder im Gespräch. Diana Damrau, eine der erfolgreichsten Sängerinnen unserer Tage, widmet ihm nun sogar ein ganzes Solo-Album. Dabei darf natürlich die berühmte «Schattenarie» aus jener manieristischen Oper von 1855, die wir als «Dinorah» kennen, nicht fehlen. Großartig, wie die inzwischen hörbar gereifte Stimme in diesem Paradestück jedes Koloratursoprans mit Tonleitern aller Arten brilliert! Nicht nur im gesungenen Text bringt Damrau «séduire» (»verführen») und «sourire» («lächeln») zum Reimen.
Überhaupt der Text: Die französische Sprache ist ja nicht gerade sängerfreundlich. Bei der auch im Privatleben Französisch sprechenden Sopranistin versteht man dennoch jede Silbe. Selbst wenn es um Pariser Opern geht, bleibt Damraus Gesangstechnik (übrigens ebenso wie Meyerbeers kompositorisches Denken) hörbar vom Italienischen geprägt. Dabei zielt sie nicht nur auf ihr eigentliches «Fach», sondern ebenso auf das Ausloten neuer Ausdrucksbereiche.
Die Stimme ist in der Tiefe wärmer und sonorer geworden, was sich besonders schön in einem kaum bekannten, weil in den meisten Ausgaben fehlenden Solo aus «L’Africaine» zeigt: Inès’ Arioso «Fleurs nouvelles, arbres nouveaux» am Beginn des fünften Aktes. Neben fünf Ausschnitten aus Grands Opéras – insofern ist der Titel des Albums irreführend – hat Damrau auch zwei Soli aus französischen Opéras Comiques, zwei deutschsprachige und zwei Arien aus Meyerbeers italienischer Zeit ausgewählt, darunter die wunderschöne, «wild-romantische» Cavatine der auf einer Felsklippe weinenden Titelheldin aus «Emma di Resburgo» (1819). Wie nebenbei ergibt sich so ein Überblick über das ganze Schaffen des Berliner Kosmopoliten: Die erste hier vertretene Oper «Alimelek» hatte ihre Uraufführung 1813, die letzte («L’Africaine») 1865.
Unglaublich die Eleganz des Registerausgleichs, wenn Damrau in der an den Anfang gestellten (nachkomponierten) Cavatine der Berthe aus «Le Prophète» die Variante wählt, die am Beginn einen Dreiklang über zwei Oktaven, vom tiefen bis zum hohen b, aufsteigen lässt. Bei solchen Kunststücken hilft ihr eine ebenso disziplinierte wie diskrete Atemkontrolle, auch wenn am Rande angemerkt werden darf, dass einige Spitzentöne gar schrill geraten und uns bisweilen bei Nebennoten in Koloraturen geringe Intonationsunsicherheiten begegnen.
Das fällt freilich nicht weiter ins Gewicht, wenn man staunend hört, mit welcher Souveränität Damrau die verschiedenen Farben ihrer Stimme einsetzt, um den Charakteren und Lebensaltern ihrer Figuren gerecht zu werden – besonders beeindruckend in der Koloraturarie der Königin Marguerite aus dem zweiten Akt von «Les Huguenots» (mit einem fast nie zu hörenden Mittelteil und hinreißenden Echo-Effekten im Wechselspiel mit dem Chor) oder in der erwähnten Cavatine Berthes. Aber auch in der berühmten «Gnaden-Arie», Isabelles Cavatine aus dem vierten Akt von «Robert le diable», bringt sie das allmähliche Reifen einer jungen Frau in der Auseinandersetzung mit ihrer heiklen Situation zum Klingen.
Zum Glück hat sich Damrau nicht vom Booklet-Text beirren lassen: Dort schreibt der Wissenschaftliche Direktor des (auch hier finanziell unterstützenden) Palazzetto Bru Zane, manchen von Meyerbeers Figuren fehle es an «psychologischer Tiefe», weshalb diese Arien «fern der Bühne […] um so mehr Wert» gewönnen. Nein, Damrau gibt ihnen ihren gebührenden Wert, weil sie sich genau überlegt hat, wie sie diese im Theater gestalten würde. Wann dürfen wir sie als Meyerbeer-Interpretin auf der Bühne erleben?
Anselm Gerhard
Meyerbeer: Grand Opera
Diana Damrau (Sopran), Orchestre et Chœur de l’Opéra National de Lyon, Emmanuel Villaume
Erato 0190295848996 (CD); AD: 2017