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Medien-Tipps #1

6. Oktober

Clovis et Clothilde, WD 121: Prière, ô souffle de l'ange!

Véronique Gens: Visions

Véronique Gens (Sopran), Münchner Rundfunkorchester, Hervé Niquet.Alpha 279 (CD); AD: 2017

Seien wir ehrlich. Bei einem Blindtest hätten viele von uns vermutlich falsch gelegen. Kaum jemand kennt das Stück, und auch mit Werden und Wirken seines Schöpfers sind nur Eingeweihte vertraut. Was betrüblich ist, allein wegen dieser einen Szene in Benjamin Godards «Les Guelfes» von 1882, Jeannes Vision. Ein Psychogramm der entflammten Frau, acht Minuten lang, genügend Zeit, um divergenteste Gemütszustände zu streifen, und dies mit einer atemraubenden, verstörenden Intensität. Zunächst ist da nur eine Vorahnung inmitten blühender Klanglandschaften (Hervé Niquet und das Münchner Rundfunkorchester «untermalen» exzellent), ein leiser Zweifel: «Nichts möge mein Entzücken stören, dennoch zittre ich», singt Godards weibliche Hauptfigur mit dem beziehungsreichen Namen Jeanne; an den nervösen Zuckungen der melodischen Linie, am Vibrieren der Singstimme kann man ersehen, wie unruhig sie ist. Zu Recht. Mehr und mehr verwandelt sich das espressivo dolce als Inbegriff naturhafter Schönheit in ein Gefühl des Ausgeliefertseins, weicht die Seelenfreude der Seelenbetrübnis. Wogegen sich Jeanne mit ungestüm ausgreifenden Kantilenen, passioniert, ja geharnischt zur Wehr setzt. Sturm und Drang, nur eben knapp ein Jahrhundert später. Und hinreißend gesungen.

Véronique Gens liefert mit dieser Einspielung, die man als Fortsetzung ihres mehrjährigen Tragédiennes-Projekts deuten darf, erneut den Beweis, dass Klangschönheit nicht das Maß aller Dinge ist. Ihr Ideal reicht weiter. Musik muss nervös machen, ja, wenn nötig, nervös sogar sein. Und genau so auch klingen. Ungeschminkt, vital, unbegrenzt. Was die französische Sopranistin, eine der intelligentesten Ausdeuterinnen ihre Faches, interessiert, ist das Innenleben jeder einzelnen Frau, die sie hier porträtiert. Deren Ambivalenz, deren Radikalität, deren Stärke, deren Verletzlichkeit. Dafür stellt sie ihre variable, farbenreiche, zwischen verführerischem Duft und knallharter Attacke vieles aufbietende Stimme zur Verfügung. Die Figuren gewinnen so ein hohes Maß an Authentizität und Plastizität. Sie stehen gleichsam lebendig vor uns mit ihren (sehr unterschiedlichen) «Visionen», die bis in den Wahnsinn reichen können wie bei Louis Niedermeyers «Stradella», einem Drama par excellence aus dem Geiste Gounods, aber auch zur Verklärung wie in César Francks sich dramatisch aufwerfenden «Béatitudes» oder – wie in Henry Févriers «Gismonda» – zu einem notturnohaften Glanz der totalen Entrückung in himmlische Sphären.

Véronique Gens findet für die ekstatischen Augenblicke den richtigen, den charakteristischen Ton. Das Tolle daran: Sie benötigt, um sich diesen Frauen anzuverwandeln, keine Bühne. Es genügt ihre vokale Darstellungskunst. Und die ist wirklich grandios, abgesehen von der Tatsache, dass sie hier Szenen aus fast ausnahmslos solchen Werken präsentiert, denen der Weg zum Kanon versperrt blieb. Chapeau!

Jürgen Otten

↓ Tipp 2

Clip des Monats: Cycles

Es könnte eine Trauerhalle sein, kreisrund. Ein ebenso rundes Oberlicht beleuchtet genau 22 Begegnungen, in denen Menschen Abschied voneinander nehmen. Sie umarmen sich, sie tanzen miteinander, sie verabschieden sich zugleich von ihrer Kindheit, ihrer Jugend, ihren Partnern. Lebensphasen, die die Fotokünstlerin Miloushka Bokma aus Amsterdam vor unbewegter Kamera in einen zarten Tanzfilm übersetzt. «Cycles» erhält ebenso wie ihr Film «Winterwende» den «Pearl»-Preis im Rahmen von «POOL 17 – INTERNATIONALES TanzFilmFestival BERLIN», das vom 4. bis zum 7. Oktober im Dock 11 stattfindet. www.pool-festival.de

Arnd Wesemann

↓ Tipp 3

Thomas Melle: "Die Welt im Rücken"

Schreiben kann eine sehr lebendige Praxis sein, sich dem Leben zu entziehen. Wer schreibt, verpulvert kein Geld und vertickt keine Bibliothek, beschimpft niemanden, ist nicht im Bett mit Madonna oder anderen Frauen, reist nicht getrieben durchs Land, kassiert kein Hausverbot, auch wenn all das beim Schreiben sehr intensiv vorgestellt, gefühlt und eben beschrieben werden kann. Schreiben ist deshalb neben vielem anderen auch eine Möglichkeit, sich vor der Welt in Sicherheit zu bringen. Oder?

Ach, man kann auch schreibend jede Menge Mist bauen. Kurz vor der Jahrtausendwende hackte Thomas Melle zusammen mit einem Freund ein Literaturblog, ein Studentenspaß, schrieb unter den Namen fremder Autoren, sprengte so «Am Pool» und fand sich mitten in seinem ersten manischen Schub wieder. Es war der erst später bewusst als solcher realisierte Auftakt einer heftigen, stellenweise lebensgefährlichen manisch-depressiven Erkrankung, deren Verlauf er in seinem jüngsten Buch «Die Welt im Rücken» zu rekonstruieren versucht: «Ich bin zu einer Gestalt aus Gerüchten und Geschichten geworden. (…) In meinen Büchern ist es unauslöslich einge­sickert. (…) Die Fiktion muss pausieren (und wirkt hinterrücks natürlich fort). Ich muss mir meine Geschichte zurückerobern (…).»

Aber wer ist dieses «Ich»? Diese Frage, um die jede ambitionierte Autobiografie kreist, ist in Melles Fall noch mal komplizierter. Denn so fließend sich für ihn selbst zunächst die Übergänge etwa in die manischen Phasen gestalten (später kann er die Vorboten immer besser erkennen), die Rückmeldung der Welt ist spätestens dann eindeutig, wenn ihn gute Freunde in der Psychiatrie abliefern, damit er weder sich noch anderen schadet. Und was ist mit der Scham, die sein Leben in der darauf folgenden Depression verdüstert? Ist das die klare Einsicht des wahren Ichs? Oder ist die erst möglich, wenn Psychopharmaka ein seelisches Gleichgewicht herstellen, das ohne Einwirkung von außen phasenweise schlicht nicht zu haben ist?

Thomas Melle hat sein viertes, im Herbst für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiertes Buch unter dem Einfluss von Medikamenten geschrieben, deren zahlreiche Nebenwirkungen auf Körper und Psyche er zähneknirschend in Kauf nimmt. Man merkt diesem stabilisierten Ich an, wie sehr es zuvor in seinen Grundfesten erschüttert, aber auch, wie deprimierend alternativlos seine Medikation ist. Doch analytische Schärfe, Sprachkraft und höchster Ehrlichkeitsanspruch sind Thomas Melle genauso geblieben wie eine Art stolzer Bitterkeit, mit der er sich auf der Grenze zwischen Außenseitertum und Literatur- (oder Theater-)Betriebsangehörigkeit verortet.

Ähnlich wie der französische Soziologe Didier Eribon in seinem Buch über seine Herkunft aus der französischen Arbeiterklasse («Rückkehr nach Reims») blickt Melle nüchtern und frei von Larmoyanz auf die schwierigen Bedingungen seiner Kindheit, die er so knapp wie möglich umreißt. Obwohl – oder weil – das wegen Missbrauchs von Schülern in die Schlagzeilen geratene Bonner Aloisius-Kolleg ihm den Zugang zur Wissenswelt öffnet und zugleich einen elitären Bildungsanspruch vermittelt, bleibt er distanziert gegenüber vielen Aspekten bürgerlicher Lebensführung und skeptisch gegenüber dem Establishment – oder vielmehr: sich selbst als dessen möglicher Teil. Unter welchen Bedingungen, mit welchen Voraussetzungen darf einer mitspielen und dazugehören? Diese Frage stellt sich mit der Krankheit erst recht verschärft.

«Die Welt im Rücken» ist ein mitreißendes, aber kein tröstendes Buch. Thomas Melle nimmt seine Leser mit in seine Aufschwünge und Abstürze, er blickt mit ihnen staunend, kopfschüttelnd und verzweifelt auf sein immer wieder heftig aus der Bahn geschleudertes, buchstäbliches Alter Ego. Ausgerechnet an die Ma­nien, weiß der Autor, können Bipolare sich am schlechtesten erinnern, und so sind diese vermutlich in Teilen fiktionalisierten Schilderungen die stilistisch experimentierfreudigsten. Auch hier behält Melle die fragilen Konstruktionen seiner Erzählung wie des Erzählers im Blick und geht fast demütig mit der Freiheit um, die das Nichtwissen ihm manchmal einräumt. Schmerzlich erinnert er daran, dass niemand Herr im eigenen Haus ist, komischerweise aber als gesund gilt, wer dieses Wissen erfolgreich verdrängt.

Thomas Melle wird das wohl nicht mehr gelingen. Auch deshalb gibt es kein Happy End, sondern nur den Spielraum, den ihm das Schreiben lässt. Darin allerdings geht er heroisch jedes Risiko ein.

Eva Behrendt

Thomas Melle: «Die Welt im Rücken» Rowohlt Berlin 2016, 347 Seiten, 19,95 €