Inhalt

Totentanz im Paradies

Tanz-Produktion des Jahres: «Das Mädchen mit den Schwefelhölzern» in Zürich

Wie Frost fährt die Musik den Tänzerinnen und Tänzern in die Glieder. Die Pas de deux, Soli und Gruppentänze sind Teile eines düster-schönen Bilderbogens, der von tonlosen Klängen und eisigem Klirren durchwebt wird. «In dieser Kälte» steht mit Kreide auf der Rückwand als Motto für den ganzen Abend. Lachenmanns «Musik mit Bildern» erweckt geradezu physisch das Gefühl der Einsamkeit, saugt die Kälte in Töne auf. Davor tanzen sechs Mädchen in Hemdkleidchen auf verschneitem Boden. Die Szenentitel werden mit Kreide auf die grauschwarze Schieferwand (Bühne: Rufus Didwiszus) geschrieben. Solcher Orientierung bedarf man eigentlich gar nicht, denn das Ballett Zürich setzt die Szenen mit verblüffender Selbstverständlichkeit in Tanz um. 

Ganz so abstrakt wie Lachenmanns Musik choreografiert Christian Spuck nicht. Er erfindet kompakte Formationen wie die Gruppe in Schwarz, die das Mädchen durch die Luft trägt. Die Erstarrung löst sich in Stille auf. Das Mädchen (Michelle Willems) liegt am Ende mit einem zweiten Mädchen (Emma Antrobus) erfroren auf der Bühne. Die letzte Szene geht unter die Haut: Lichtpunkte werden zu Sternen, die die «Himmelfahrt» erleuchten. Tänzer in weißen Tüllröcken gleichen Engeln an der Paradiespforte, dazu der silbern-entrückte Klang der Musik – ein Totentanz wie in Trance, bevor die letzten Hölzchen verglimmen und der Schnee auf die erfrorenen Mädchenblüten rieselt. Hoffnung keimt auf, auf ein besseres Leben, womöglich in einer frostfreien Zone.

Den gesamten Beitrag von Martina Wohlthat finden Sie im Jahrbuch tanz