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Fragilität und Kraft

John Neumeier über die Zusammenarbeit mit der Tänzerin des Jahres, Alina Cojocaru, an «Liliom»

Die Arbeit mit Alina war mehr, als was ich erwartet hatte – obwohl Alina am Anfang nervös war: Zu lang lag ihre letzte Kreation zurück, wie sie mir sagte. Wieder begegnete mir diese sonderbare Kombination von äußerer Fragilität und innerer Kraft, die emotional, aber auch technisch Gestalt annahm. Kommunikation ohne Worte. Beflügelt von Emotionen, konnte Alina erstaunlich komplexe Bewegungsabläufe ausführen. Ich erinnere mich, wie ich die schwierige Todesszene von Liliom gestaltete und ihr mit nur ein paar Worten die Situation schilderte. Ihre Darstellung war vom ersten Moment so natürlich, echt und ergreifend, dass ich sie nach der Probe fragen musste, ob sie als Teil ihres Studiums in Kiew auch die Schauspiel-Systematik von Konstantin Stanislawski gelernt hatte. Sie reagierte überrascht und sagte einfach: «Nein.» Es war aber genau das: Alles, was sie tat, vermittelte ein Gefühl von Wirklichkeit, weil es bereits irgendwo in ihrer eigenen emotionalen Erfahrung vorhanden und als Erinnerung zugänglich und sichtbar war. Die einfache Geste, mit der sie das Tuch am Ende über den toten Liliom zog, war unbeschreiblich und tief bewegend.

Den gesamten Beitrag von John Neumeier finden Sie im Jahrbuch tanz