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Triumph des Todes

«Elektra» und die Salzburger Festspiele 2020

Ein Fest für die Stimmen: Aušrinė Stundytė, nicht unbedingt der geborene Elektra-Sopran, muss in keiner Phase forcieren, die lodernden Spitzentöne sind von den abgründig mäandernden Klangströmen und Eruptionen so organisch umfangen wie der zögernde, leise Ton intimer Zwiesprache. Asmik Grigorian, die vor zwei Jahren unter Welser-Möst als Salome Sensation machte, verkörpert Chrysothemis. Unter den bürgerlich-mondänen Dämonen, die Małgorzata Szczęśniaks metallisch schimmernden Bühnenkosmos bevölkern, ist sie die einzige, die kühlen Kopf bewahrt – eine resolute junge Frau, die alles tut, um den tödlichen Verstrickungen ihres Clans zu entkommen. Ohne Netz und doppelten Boden stürzt sich Grigorian in die Partie, eine Singdarstellerin der Superlative, die keine Verausgabung scheut. Tanja Ariane Baumgartners Klytämnestra, goldbeschwert, in tiefroter Robe, bricht das Wort, wenn sie mit zerrüttetem Antlitz, in entgleitenden Phrasen vom Sog der Angststrudel berichtet, die des Nachts um sie kreisen. In sich verkapselt, düster gestimmt, ein Getriebener: der Orest des jungen Bassbaritons Derek Welton. Nach der Tat stiehlt er sich spastisch zuckend von der Szene, als werde er von den Fliegen belagert, die sich über die auf die geschlossene Rückwand projizierte Blutlache hermachen.

Lag es auch an dem monatelangen Entzug einer Liveaufführung im XXL-Format, mit üppig besetztem Ensemble, Chor und Orchester, dass diese einzige, aus Vor-Corona-Zeiten quasi unverändert übernommene Festspiel-Produktion vor Ort wie in den Medien enthusiastisch gefeiert wurde? Die Erleichterung darüber, dass das vermeintlich Unmögliche möglich geworden war, mag die einhellig euphorische Resonanz befördert haben. Und doch rührt sie letztlich aus der Sache selbst: den schwindelerregend ausgeloteten Tiefen eines wenige Jahre vor Beginn des Ersten Weltkriegs konzipierten Opus, das gnadenlos, mit gestisch-impulsiver Motorik die unserer Zivilisation eingeschriebene Krankheit zum Tode aufdeckt.

Albrecht Thiemanns gesamten Bericht von den Salzburger Festspielen finden Sie in Opernwelt 9-10/2020